Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Die Menschen beleben die urbanen öffentlichen Räume selbst, zum Beispiel - wie hier in Buenos Aires - durch Tango-Tanzen. Imago Images
+
Die Menschen beleben die urbanen öffentlichen Räume selbst, zum Beispiel - wie hier in Buenos Aires - durch Tango-Tanzen. Imago Images

Stadtarchitektur

Wo bin ich? Und warum?

  • VonRobert Kaltenbrunner
    schließen

Warum wir den öffentlichen Raum immer wieder auf seine Funktionalität, seinen Zustand und seine Gestaltung überprüfen müssen.

Der französische Philosoph Bruno Latour verarbeitet in seinem neuen Buch „Où suis-je?“ (Wo bin ich?) Lektionen aus dem Lockdown – und entdeckt den Menschen als ortsgebundene Kreatur. Aus der Illusion eines unendlichen Raums, an die uns das wissenschaftliche Weltbild seit vier Jahrhunderten gewöhnt habe, als wären alle Grenzen nur zum Durchbrechen und Überschreiten da, hätten wir zur realen Ortserfahrung als terrestrische Wesen zurückgefunden.

Gleichzeitig – und dem nicht widersprechend – nimmt die Teilhabe an der Digitalisierung rapide zu. Die Auswirkung des Corona-Virus verstärken einen Trend, der bereits vor einiger Zeit eingesetzt hat. Viele Dinge, die sonst in der physischen Welt stattfanden, sind nun in die digitale Welt hinübergewandert. Es wirkt, als seien die Tore zum Cyberspace sperrangelweit geöffnet, und alles eile, ihn in Besitz zu nehmen und zu besiedeln. Aber ist dem wirklich so? Was 1995 William J. Mitchell in ‚City of Bits‘ als Zukunftsvision schlechthin skizzierte, ist doch längst verblasst zu einem grauen Alltag, der zwar Elektronik und Virtualität zu festen Größen in der Gesellschaft, nicht aber den realen Raum obsolet gemacht hat.

Allerdings ist dieser Raum nicht mehr derselbe wie früher: Er sieht in weiten Teilen anders aus, er wird anders genutzt, und er hat auch eine andere Bedeutung als etwa in der Bürgerstadt des 19. Jahrhunderts. Zwar scheinen Form und Gestalt der heutigen Stadt hinreichend raffiniert und ausbalanciert genug, um allen denkbaren Ansprüchen gewachsen zu sein. Aber die Mischung im Behälter hat sich verwandelt. Im urbanen öffentlichen Raum etwa werden kaum noch Konventionen gepflegt, vielmehr findet die wachsende Individualisierung hier das Forum, um variierende Interessen neu auszuhandeln (wenn sie nicht von Covid 19 in die Schranken gewiesen werden). Ob nun die Rapper-Szene oder Flaneure, Party-People, erlebnishungrige Shopper oder Menschen, die sich einfach Wind, Luft und Sonne aussetzen wollen: Sie suchen sich ihre Räume. Und sie verändern sie dann jeweils – durch Flashmobs etwa, durch Skaten, durch Genuss von Grillgut und alkoholhaltigen Getränken, aber auch mittels Verabredung zum Tangotanzen. Sie beanspruchen für sich eine eigene Öffentlichkeit.

Das stört manche Zeitgenossen, andere finden es gut. Doch auf elementare Art und Weise geht es um die res publica. Freilich sollte man da keine falschen Erwartungen hegen. Besonders bildhaft wird dies auf den Piazzas und Plazas, die man aus Italien oder Spanien kennt: Klare räumliche Fassung, erkennbar historisch und gewachsen, immer etwas los, das Wetter stets warm und sonnig. Hat das mit unserem Lebensalltag nicht ähnlich viel zu tun wie das „Traumschiff“ oder andere zuckrige Vorabendserien? Es wäre naiv, sich den öffentlichen Raum als Ort des Wohlgefallens und der Harmonie vorstellen, und ihn nach einem entsprechenden Strickmuster zu gestalten. Zugleich geht es um die Frage, wie wir eine möglichst sinnvolle Überlagerung der analogen Welt mit der digitalen schaffen, und zwar nicht allein kommerziell gesteuert.

An dieser Stelle kommt – Stichwort Hochwasserkatastrophe – ein weiterer Aspekt ins Spiel. Dass nämlich ein (zu) hoher Grad an Rationalisierung und Spezialisierung in der Siedlungsstruktur sich in Zeiten immer unvorhersehbarer Bedrohungen als nur unzulänglich flexibel erweist. Denn die Effizienz einzelner Räume oder Bauwerke beruht auf einem zu engen Verständnis ihrer funktionalen Einbettung in ein System, in dem sie selbst nur eine sehr begrenzte Breite von urbanen Funktionen übernehmen. Vielfach fehlt es an Nutzungsflexibilität und Anpassungsfähigkeit gegenüber demografischen und strukturellen Entwicklungen. Wir brauchen städtische Strukturen – physische wie auch institutionelle –, die nicht bloß ein Mittel zur einseitigen Bereitstellung öffentlicher Dienstleistungen oder eine Verbindung zwischen Produzent und Konsument darstellen, sondern als lernendes, flexibles System vielfältige Rollen innerhalb der Stadt übernehmen können. Mit anderen Worten: Beim Ausdeuten von Corona oder anderer Desaster wäre es ein Irrtum, das Paradigma der ‚Keimfreiheit‘ auch im Urbanen anzuwenden, gleichsam einen sterilen Städtebau zu betreiben. Richtig ist eher das Gegenteil. Stadtplanung hat die Aufgabe, Möglichkeitsräume zu erschaffen. Widersprüche und Brüche sind dabei nicht Makel, sondern häufig wichtiger Katalysator für Neues.

Der öffentliche Raum war nie begehrter als während der Pandemie, die Menschen wollen sich treffen und austauschen, das Cocooning ist ja eher eine Zwangshandlung. Zugleich warfen die entsprechenden Sicherheitsvorschriften (z.B. social distancing) ein grelles Schlaglicht auf das Miteinander in der Stadt. Und so, wie das Verhältnis von Nähe und Distanz in der Krise neu ausgehandelt wurde, so wäre es – wie umgekehrt auch die Individualität – als ein dialektisches System zwischen Abgrenzung und Zugehörigkeit zu denken. Konsequenterweise müsste diese Erkenntnis in einen Städtebau einmünden, die anderen Parametern folgen: Nämlich in der Beachtung und behutsamen Gestaltung der Grenzen. Will man Zusammenhalt und Gemeinschaft in Nachbarschaft, Quartier und Stadt fördern, muss man Privatsphäre und uneingeschränkten Rückzug im Privaten gewährleisten. Das Private ist Basis für die Gemeinschaft. Gleichzeitig müssen im Umkehrschluss Räume für die Gemeinschaftsbildung angeboten und gestaltet werden.

In Friedrich Engels eher wenig beachteten Schrift „Die Dialektik der Natur“ gibt es eine Passage, die sich dem Verhältnis von Mensch und Natur und dessen unbeabsichtigten Nebenfolgen widmet. Seine zentrale Botschaft darf man so zusammenfassen: Wir beherrschen die Natur nicht, sondern befinden uns in ihr. Engels Argumentation fußt dabei auf drei Einsichten: Erstens, die Natur ist nicht bloß des Menschen Umwelt, sondern seine Mitwelt und sein Fundament. Am Ast, auf dem man sitzt, zu sägen: das ist keine gute Idee. Zweitens, der Mensch sollte der Natur nicht als Eroberer begegnen, sondern als guter Treuhänder, der durch Schenkung Erworbenes („Gratisleistungen der Natur“) gleich gut oder verbessert an nachfolgende Generationen weitergibt. Drittens, der Mensch greift in die Natur ein. Er muss sie bebauen, um seine eigene Existenz zu sichern. Aber er sollte sie aus Eigeninteresse auch bewahren und deshalb die Wirkungen seines Handelns bedenken, sei es im Nahraum oder in der Ferne. Gerade unumkehrbare Folgen sollte der Mensch zu vermeiden trachten und potentielle Kipp-Punkte im Auge behalten.

Wenn man das nun übersetzt in unseren Alltag, dann geht es beim öffentlichen Raum, dann geht es bei Parks, Plätzen, Uferzonen verstärkt darum, sie aufgrund der stetigen Nachverdichtung der Städte immer wieder auf Ihre Funktionalität, ihren Zustand und ihre Gestaltung zu überprüfen und an aktuelle Bedarfe und Herausforderungen anzupassen. Pathetisch ausgedrückt: Der urbane Freiraum ist der Ort, an dem das Verhältnis von individueller Handlungsautonomie und sozialer Ordnung neu austariert – und an dem das Gemeinwohl sowohl unter Krisen- als auch Digitalisierungsbedingungen ausbuchstabiert wird.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare