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Seda Basay-Yildiz.
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Seda Basay-Yildiz.

Frankfurter Literaturfestival

„Wir sind hier“ im Literaturhaus: „Wo wart ihr nach Hanau?“

  • Steffen Herrmann
    vonSteffen Herrmann
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Emotionaler Festivalauftakt im Frankfurter Literaturhaus.

Was tun, wenn der Staat keinen ausreichenden Schutz vor Rassismus bietet? Diese Frage stand über dem ersten Abend des dreitägigen „Wir sind hier“-Festivals, organisiert vom Frankfurter Literaturhaus in Kooperation mit der Bildungsstätte Anne Frank anlässlich des ersten Jahrestags des rassistischen Terroranschlags von Hanau.

Eine Frage, auf die es keine einfache Antwort geben kann, weshalb das Podium um Moderatorin Idil Baydar dem Publikum an den Bildschirmen mehrere Vorschläge machte. Der mit Blick auf den Anschlag von Hanau wichtigste: solidarisch sein. Den Überlebenden und Angehörigen der Opfer zeigen, dass sie nicht alleine sind. Denn in den Monaten nach dem Anschlag, bei dem ein rechtsextremer Attentäter neun Menschen tötete, sei Hanau fast vollständig aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden, bilanzierte Seda Basay-Yildiz.

Damit wies die Anwältin, die drei Familien von Opfern vertritt, auch auf den Anspruch des Festivals hin. Den hatte Saba-Nur Chema von der Bildungsstätte Anne Frank in ihrer Begrüßung so auf den Punkt gebracht: „Wir sind hier. Wir verschanzen uns nicht in den eigenen Echokammern, wir sind Teil der Gesellschaft und wir haben allen etwas zu sagen und nicht nur einigen wenigen.“

Und so entstand am Donnerstagabend ein offenes Gespräch, das alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer sichtlich aufwühlte. Seda Basay-Yildiz fühlte sich an ihre Arbeit im NSU-Prozess erinnert. Damals hatte sie die Familie von Enver Simsek vertreten, dem ersten Opfer des NSU. Wie nach den Anschlägen des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds hätten auch die Familien der Opfer von Hanau viele Fragen, „aber niemand übernimmt Verantwortung, niemand hat ein Interesse an Aufarbeitung, nichts“.

Auch der Journalist Mohamed Amjahid attestierte den Behörden einen fehlenden Willen zur Aufklärung. Dass etwa Notausgänge verschlossen und die Notrufzentrale unterbesetzt gewesen seien, hätten nicht staatliche Stellen aufgedeckt, sondern Journalistinnen und Anwälte.

Amjahid kritisierte aber nicht nur das Verhalten der Behörden: Viele Deutsche ohne Migrationsgeschichte blickten lieber auf das, was in den USA passiere, anstatt auf ihr eigenes Land. Beim Besuch einer Black-Lives-Matter-Demonstration in Berlin im vergangenen Sommer habe er sich umgeschaut und gefragt: „Wo wart ihr nach Hanau?“

Eine Frage stellte auch Ferda Ataman, Journalistin und Vorsitzende der Initiative „Neue deutsche Medienmacher“: „Wohin mit der Wut?“ Jener Wut, die inzwischen viele Menschen spürten, die als migrantisch gelesen würden, nach einer Vielzahl von Anschlägen, nach leidigen Debatten über die Thesen Thilo Sarrazins und den wiederkehrenden Forderungen nach einem „Schlussstrich“ in deutschen Feuilletons. „Diese Wut zeigt den Anspruch, dass es so nicht laufen kann“, sagte Ataman.

Aber was tun, außer sich mit den Opfern und Angehörigen zu solidarisieren? Moderatorin Idil Baydar schlug vor, sich selbst mehr zu feiern und so die Macht über die Deutung der eigenen Identität zu erlangen. „Wir müssen Vorbilder sein“, forderte Seda Basay-Yildiz mit Blick auf junge Menschen. Forderungen, denen sich Mohamed Amjahid anschloss: „Wenn wir nicht aufeinander aufpassen, macht es niemand.“

Das „Wir sind hier“-Festival endet mit zwei Veranstaltungen am Samstag. Streamingtickets gibt es auf literaturhaus-frankfurt.de

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