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Der Ausgangspunkt der Dauerausstellung ist die Gegenwart: Mirjam Wenzel im Jüdischen Museum Frankfurt. Christoph Boeckheler

Jüdisches Museum Frankfurt

„Wir sind ein europäisch-jüdisches Museum in Frankfurt“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Direktorin Mirjam Wenzel vor der großen Wiedereröffnung am Mainufer über die neue Dauerausstellung und die künftigen Pläne des Hauses

Frau Wenzel, gerade ist vor der Synagoge in Hamburg ein Mann niedergeschlagen worden. Es gibt immer wieder Gewaltakte dieser Art. In dieser Atmosphäre des gewalttätigen Antisemitismus in Deutschland eröffnen Sie in Frankfurt am 21. Oktober das neue Jüdische Museum. Was bedeutet das für Sie?

Unser neues Museum basiert auf politischen Entscheidungen, die ich sehr bemerkenswert finde: In einer Zeit, in der Hass und Hetze gegen Jüdinnen und Juden sowie gegen andere gesellschaftliche Minderheiten zunehmen, verdoppelt die Stadt Frankfurt die Größe ihres Jüdischen Museums. Und das Land Hessen gewährt diesem Museum eine institutionelle Förderung für sein Programm. Beide Entscheidungen stärken uns nicht nur symbolisch den Rücken. Sie ermöglichen es unserer Museumsarbeit, auf ganz neue und bedeutend sichtbarere Art und Weise, den gesellschaftlichen Entwicklungen entgegen zu treten und Wirkung zu entfalten. Unser Museum ist heute relevanter denn je.

Was ist der Leitgedanken Ihrer Museumsarbeit?

Wir haben für unsere Arbeit das Leitbild eines Museums ohne Mauern entworfen. Dieses werden wir mit der Eröffnung unseres neuen Museums weiter ausbauen. Das architektonische Prinzip des neuen Gebäudes wurde von dessen Architekt Volker Staab als geschützte Offenheit bezeichnet. Von außen wirkt es eher verschlossen. Im Inneren aber zeigt es als ein Gebäude von großer Offenheit, mit überraschenden Lichteinfällen. Wir haben es daher Lichtbau genannt. Eben dieses Licht empfängt und überrascht die Besucherinnen und Besucher, nachdem sie die Eingangskontrollen passiert haben.

Was bedeuten diese Kontrollen für die Menschen, die zu Ihnen kommen?

Zur Neueröffnung führen wir ein Zeitslot- und Online-Ticketing-System ein. Ich empfehle allen, die unser Museum besuchen wollen, sich vorab auf unserer Website ein Ticket zu buchen, damit sie nicht so lange warten müssen. Aufgrund der Sicherheitskontrollen im Eingangsbereich und der Maßnahmen zum Infektionsschutz, können wir leider keinen unkontrollierten Zugang zu unserem Gebäude ermöglichen. Ich hoffe, dass unsere Besucherinnen und Besucher das nicht als Gängelung empfinden, denn der kontrollierte Zugang zum Museum dient ja auch ihrer eigenen Sicherheit.

Vor einem Jahr wollte ein Attentäter die Synagoge in Halle stürmen und die Menschen im Gotteshaus umbringen.

Gegenwärtig findet ja gerade der Prozess gegen den Attentäter in Magdeburg statt. Einige der Jüdinnen und Juden, die sich während des Angriffs in der Synagoge aufhielten, treten in diesem Prozess als Nebenkläger auf. Ich finde es mutig und aufregend, dass sie das Gerichtsverfahren auch nutzen, um ihr jüdisches Selbstverständnis öffentlich zu bezeugen und dem Attentäter ins Gesicht zu sagen, dass er sich den falschen Gegner ausgesucht habe, wie dies etwa Mollie Sharfman oder Rabbiner Borovitz getan haben.

Was sind für Sie die Folgen aus dem Attentat?

Es muss mehr denn je gewährleistet werden, dass Rechtsextremismus systematisch bekämpft wird. Das ist eine politische Aufgabe. Unsere Aufgabe als Kultur- und Bildungseinrichtung besteht darin, darauf hin zu wirken, dass die Diversität dieser Gesellschaft nicht als etwas Bedrohliches, sondern als Selbstverständlichkeit, ja Bereicherung wahrgenommen wird. Es gibt einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Diversitätssensibilität und demokratischem Bewusstsein. Beides sind Voraussetzungen für eine jüdische Zukunft in Deutschland und Europa. Diese steht im Zentrum unserer Museumsarbeit und dafür setzen wir uns ein. Unser neues Museum ist ein offener Ort, an dem Unterschiedlichkeit verhandelt, diskutiert und in Bezug zueinander gebracht wird. Eine Plattform für Diversität, ein Training für demokratisches Bewusstsein, eine Einladung zur Selbstreflexion. Und last but not least: ein Ort des differenzierten Diskurses über gesellschaftliche Entwicklungen.

Was Sie beschreiben, ist Gegenwehr.

Gegenwehr oder Empowerment. In unserem Museum geht es ja weniger ausschließlich um die schönen Künste oder die Pracht der zeremoniellen Kultur. Es geht auch und vor allem um die gesellschaftlichen Parameter, in denen sich jüdische Kultur entfalten kann, also um politische wie ethische Werte. Das, was selbstverständliche Voraussetzungen für unser gesellschaftliches Zusammenleben waren: die Demokratie, der Sozialstaat, das Asylrecht, die Genfer Flüchtlingskonvention, das uneingeschränkte menschliche Recht auf Würde – all das droht, abhanden zu kommen.

Was heißt das für Ihre Ausstellungen?

In unseren Ausstellungen thematisieren wir auch und immer wieder das Wirken einzelner Persönlichkeiten, die sich für diese Werte eingesetzt haben. Wir zeigen, dass die jüdische Erfahrung jahrhundertelang von Gewalt geprägt war, aber auch von Zutrauen in diese Gesellschaft. Gerade in Frankfurt sogar von weit mehr: ab Mitte des 19. Jahrhunderts verstanden sich Jüdinnen und Juden als selbstverständlicher Teil der städtischen Gesellschaft, die sie in vielfacher Weise mitprägten und weiter entwickelten. Unsere neue Dauerausstellung aber erzählt nicht nur jüdische Geschichten, die im Nationalsozialismus enden. Sie beginnt in der Gegenwart und porträtiert sowohl die Geschichte der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, wie auch selbstbewusstes jüdisches Leben.

Gerade hat das Jüdische Museum in Berlin seine neue Dauerausstellung eröffnet. Es gab dabei die Frage in Berlin, warum das Haus dort sich nicht Deutsches Jüdisches Museum nennt. Tatsächlich aber war ja das Jüdische Museum in Frankfurt 1988 das erste überhaupt in Deutschland. Wie ist denn Ihr Anspruch, Ihr Selbstverständnis?

Zur Person:

Mirjam Wenzel, 1972 in Frankfurt geboren, hat Literaturwissenschaft, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft sowie Politikwissenschaft an der FU Berlin und in Tel Aviv studiert. Sie war unter anderem an der Edition der Werke Siegfried Kracauers beteiligt und promovierte über den deutschsprachigen Holocaust-Diskurs der 1960er Jahre. Vom Jüdischen Museum Berlin wechselte sie Anfang 2016 nach Frankfurt, um in der Nachfolge von Raphael Gross Direktorin des Jüdischen Museums und des Museums Judengasse zu werden – und sich direkt mit der grundlegenden Neugestaltung von Museum und Dauerausstellung zu befassen: Schon seit Mitte 2015 war das Haus am Mainufer für eine Sanierung und die Arbeiten an einem Erweiterungsbau geschlossen. Das neue Jüdische Museum soll am 20. Oktober mit einem Festakt eröffnet werden, vom 21. Oktober an ist die Dauerausstellung zugänglich. Vorgesehen ist zunächst eine Online-Buchung der Tickets, das System dafür soll am Montag freigeschaltet werden. www.juedischesmuseum.de

Wir sind das älteste kommunale Jüdische Museum in Deutschland, das mit seiner Arbeit ein ganzes Feld geprägt hat und nun eine fundamentale Erneuerung erfährt. Der Dreh- und Angelpunkt unserer Arbeit ist jüdisches Leben in Frankfurt, also die lokale jüdische Geschichte. Da Frankfurt aber über Jahrhunderte hinweg ein Zentrum jüdischen Lebens in Europa war, hat unsere Arbeit einen europäischen Bezugsrahmen. Wir sind ein europäisch-jüdisches Museum in Frankfurt.

Wie meinen Sie das?

Uns interessiert die Ebene des Nationalen, das spezifisch Deutsche an der jüdischen Geschichte und Kultur hier vor Ort nicht so sehr. In einer internationalen Stadt wie Frankfurt ist diese Perspektive nicht maßgebend – auch nicht für die Biografien der Personen, die wir in unseren Ausstellungen vorstellen. Ich will Ihnen ein Beispiel geben. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Frankfurt zum Hauptquartier der US-amerikanischen Streitkräfte in Europa. Unter ihrer Obhut wurde die heutige jüdische Gemeinde gegründet und das Displaced Persons Camp Zeilsheim eröffnet, in dem schon bald die meisten Gemeindemitglieder lebten. Nicht selten schenkten die GIs den jüdischen Überlebenden mehr Vertrauen als der deutschen Bevölkerung und ermöglichten ihnen, sich ein Leben aufzubauen, indem sie ihnen etwa die Konzession für ein Geschäft bewilligten. Jüdisches Leben in Frankfurt nach dem Zweiten Weltkrieg ist also mitnichten eine lokale, sondern vielmehr eine internationale Geschichte.

Sie werden deshalb bei der Eröffnung des Museums auch internationale Akzente setzen.

Ja, der Staatsminister für europäische Angelegenheiten im Auswärtigen Amt, Michael Roth, wird ein Grußwort sprechen. Und als Festrednerin konnten wir die Schriftstellerin Gila Lustiger gewinnen, die seit Langem in Paris und in Teilen in Tel Aviv lebt, also eine kosmopolitische Perspektive mitbringt und zugleich die Tochter des Frankfurter Historikers Arno Lustiger ist, der die jüdische Gemeinde mitaufgebaut hat. Unsere Dauerausstellung beginnt mit zwei Ausweisen von Arno Lustiger aus dem DP-Camp Zeilsheim, die Bestandteil seines Nachlasses sind, den wir verwahren. Gila Lustiger hat also auch einen unmittelbaren Bezug zu unserem Museum.

Das steht auch im Einklang mit der Geschichte der Familien, die Sie in der neuen Dauerausstellung erzählen.

So ist es. Schauen Sie sich zum Beispiel die Geschichte der Familie von Anne Frank an. Dies war zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts eine liberale, bürgerliche Familie, deren Mitglieder in Basel, London, Paris, Frankfurt und Amsterdam zumeist kaufmännischen Berufen nachgingen. Angehörige der Familie zogen als Teil der deutschen wie auch der französischen Truppen in den Ersten Weltkrieg, kämpften also auf beiden Seiten. Eine andere Geschichte ist die der Familie Senger mit dem Schriftsteller Valentin Senger. Seine Eltern kamen aus Odessa und waren, genauso wie er, überzeugte Kommunisten. Sie überlebten mitten in Frankfurt, weil in ihren Papieren unkenntlich gemacht wurde, dass sie jüdisch waren. Und die Erfolgsgeschichte der Familie Rothschild ist ebenfalls eine europäische Geschichte. Es ist wichtig, dass wir diese verschiedenen Geschichten erzählen, auch mit Blick auf die Touristen, die zu uns kommen werden.

Ihr Zielpublikum ist also nicht nur ein deutsches?

Nein. Wir haben acht verschiedene Zielgruppen definiert und uns genau überlegt, was sie bewegt und in unserem Museum interessiert. Da sind zum Beispiel Schulklassen verschiedener Jahrgänge und Schultypen. In welchem Rahmen kommen sie in unser Museum? Dann haben wir uns gefragt, wie viel Zeit sich das japanische Ehepaar nimmt, das wegen Anne Frank unser Museum besucht, um noch mehr anzusehen. Oder was die Fragen sind, mit denen ein Vater mit seiner Tochter aus New York mit deutsch-jüdischen Vorfahren in unser Museum kommt. Wir haben an einen Frankfurter Bänker gedacht, der seinem jüdischen Geschäftsfreund nach der kurzen Mittagspause noch schnell das Museum zeigen möchte. Oder an die alleinerziehende Mutter aus Sachsenhausen mit ihrem achtjährigen Sohn, die hier einen Nachmittag verbringen. An die pensionierte Geschichtslehrerin mit ihrer Freundin, die viel Zeit haben und auch die Objektlabel lesen. Und schließlich die bildungsorientierte türkischstämmige Familie. Um ihr Interesse an unserem Museum zu gewinnen, haben wir unsere Outreach-Bildungsprogramme aufgesetzt.

Sie versprechen zugleich, ein interaktives Museum zu sein. Was bedeutet das?

Wir wollen unsere Besucherinnen und Besucher anregen, selbst aktiv zu werden und sich Gedanken zu machen. Sie sollen mit dem Wissen, das sie bei uns erworben haben, etwas anfangen. Konkret funktioniert das so: Sie bekommen am Eingang ein Lesezeichen, mit dem sie an verschiedenen Stationen in der neuen Dauerausstellung Inhalte in einen personalisierten Bereich unserer Website laden können. Das sind dann zum Beispiel Interviews oder Filme. Aber auch Antworten auf die Frage, wohin sie sich im Fall von Diskriminierung wenden können. Dieser personalisierte Bereich ist nur über den Code auf dem Lesezeichen zugänglich.

Sie haben angekündigt, dass Sie sich noch mehr als bisher in gesellschaftliche Debatten einmischen werden.

Unsere neue Dauerausstellung beginnt in der Gegenwart und unser Museumsprogramm reflektiert die Gegenwart auf unterschiedlichste Weise – allerdings nicht auf der Ebene tagespolitischer Ereignisse. Wir führen keine Podiumsdiskussion durch, wenn es irgendwo wieder einen Gewaltakt gegeben hat, und initiieren auch keine politischen Petitionen. Aber wir machen in unserer Bildungsarbeit und unseren Veranstaltungen deutlich, wo Grenzen sind, wann verbale Gewalt beginnt und was dagegen zu tun ist. Wir reagieren mit unserem Programm auf die schleichenden Veränderungen der Gesellschaft, die längerfristige Auswirkungen haben.

Eine dieser Veränderungen ist das rasante Wachstum der Sozialen Medien, die uns Menschen jeden Tag mit einer Flut von Informationen, Eindrücken, Emotionen überwältigen. Wie wollen Sie sich da als Museum behaupten?

Zunächst einmal möchte ich sagen, dass wir uns in den vergangenen Jahren sehr gut in den Sozialen Medien behaupten konnten. Wir sind eines der aktivsten Museen auf diesem Gebiet, haben viele, auch internationale Follower und nutzen die Sozialen Netzwerke als kommunikative Plattform. Wir informieren über historische Ereignisse und Persönlichkeiten und bieten Raum für Diskussionen. Weniger in dem aufmerksamkeitsheischenden Sinne, wie dies die Sozialen Medien nahelegen, als vielmehr ruhig und überlegt. Ich bin überzeugt davon: Das höchste Gut eines Museums ist es, glaubwürdig zu sein. Um diese Glaubwürdigkeit auf solide Beine zu stellen, haben wir in den letzten Jahren ein breites Netzwerk an Kooperationen mit sehr unterschiedlichen Einrichtungen aufgebaut, auch mit den Medien. Dieses Netzwerk trägt und befruchtet unsere Social-Media-Aktivitäten, unsere Bildungsangebote und unsere Veranstaltungen. In ihm entwickeln wir differenzierte Perspektiven für eine nachhaltige und diversitätssensible Entwicklung unserer Gesellschaft.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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