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Kein Zweifel, was diese junge Frau im uruguayischen Maldonado macht
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Kein Zweifel, was diese junge Frau im uruguayischen Maldonado macht

Vom Lesen

Wir Lesewesen

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Vom flüchtigen, einfachen und Zwischen-den-Zeilen-Lesen, von Büchern als Droge und wie sie uns in allerlei Welten entführt.

Vor ein paar Wochen erklärte mir eine Kollegin ein wenig beschämt, sie sei bei Marcel Prousts Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ nie über den ersten Band hinausgekommen.

Ich war erschrocken. Warum schämte sie sich? Wir tun vielleicht gut daran, eine Gebrauchsanweisung zu lesen, wenn wir unser erstes Billy-Regal aufstellen, oder ein Rezept für unsere erste Veggie-Bowl mit Algen. Solange wir in die Schule oder in die Universität gehen, wird es immer wieder Bücher geben, die wir lesen sollen, um uns auf Prüfungen vorzubereiten.

Aber danach? Aus schlecht gelaunten Kritiken kann man zwar schließen, dass manche es als eine Zumutung empfinden, Bücher lesen zu müssen. Aber die meisten von uns müssen nicht. Sie könnten ein Buch nach zehn Seiten zuklappen und sich angenehmeren Beschäftigungen zuwenden. Marcel Reich-Ranicki erklärte gerne, ein Roman, der mehr als – wenn ich recht erinnere – dreihundert Seiten habe, sei in den allermeisten Fällen eine Zumutung. Diese Bemerkung erzählt vom Leiden eines Literaturkritikers, der glaubt, er müsse, um auf dem Laufenden zu sein, sich durch die Neuerscheinungen der Saison wenigstens durchfräsen.

Dieser Satz ist Frucht eines besonderen Verfahrens. Man nennt es „Zwischen-den-Zeilen-Lesen“. Ein Text sagt nämlich auch, was er verschweigt. Reich Ranickis Äußerung sagt etwas, ohne dass er es erwähnt, über seine Arbeitssituation.

Aber, wenden Sie ein, ich soll doch bitte vorne anfangen, beim einfachen Lesen, nicht beim Zwischen-den-Zeilen-Lesen, der Hohen Schule der hier verhandelten Kunst.

Ich muss Sie enttäuschen, ich glaube nicht an eine Stufenfolge des Lesens. Hat man erst einmal das ABC – um in unseren Breiten zu bleiben – bewältigt, kann jeder lesen wie er will. In der Schule erklärt man uns, man müsse erst einmal verstehen, was der Autor sagen wolle, bevor man in raffiniertere Verfahren eintauche. Das ist so einfach nicht, wie es tut.

1775 veröffentlichte der wohl noch 25-jährige Goethe in der Damenzeitschrift „Iris“ eines seiner berühmtesten Gedichte, „Willkommen und Abschied“. Die Schilderung einer nächtlichen Liebesbegegnung. 1789 veröffentlichte er es noch einmal. Diesmal trug es den Titel „Willkomm und Abschied“. Es dauerte mehr als zwei Jahrhunderte, bis der damals in Göttingen lehrende Germanist Albrecht Schöne – im Juli wurde er 96 Jahre alt –, darauf aufmerksam machte, dass die Tracht Prügel, die in jenen Jahren jeder Häftling bei Ein- und Austritt aus dem Gefängnis erhielt, „Willkomm und Abschied“ genannt wurde. Dem Juristen Goethe und wahrscheinlich auch vielen seiner ersten Leserinnen eine vertraute Assoziation. Generationen von Germanisten und Goetheliebhabern aber war diese Pointe entgangen. Hatten sie das Gedicht verstanden? Sie hatten es jedenfalls nicht ganz verstanden. Lesen hilft einem zu begreifen, dass man niemals etwas ganz versteht.

Wörter sind vieldeutig. Es hat nie an Versuchen gefehlt, ihnen diese Eigenschaft zu nehmen. Oder doch wenigstens ihre Vieldeutigkeit zu fixieren. Diesem Zweck dienen Wörterbücher. Die hinken aber dem Sprachwandel immer hinterher. Wir alle lieben nämlich das Spiel mit Wörtern und Bedeutungen. Wer zum Beispiel hat den Begriff „Handy“ erfunden? Niemand weiß das. Mitte der 80er Jahre soll der Begriff schon in Katalogen für Handfunkgeräte vorgekommen sein.

Wir können noch so genau lesen, uns noch so tief in den Text versenken, wir werden nicht dahinter kommen, was alles er uns zu sagen hat. Mit jedem neuen Leser, jeder neuen Leserin kann eine neue Lesart entstehen.

Es gab schon immer auch den sogenannten flüchtigen Leser, der den Text überfliegt. Es gibt ihn in vielerlei Gestalt. Da ist der, der den Text durcheilt, weil er darauf wartet, dass ihm etwas entgegenspringt: ein Wort, eine Wendung, etwas, das ihn verblüfft, das ihn anregt. Er ist gespannt auf die Überraschung, auf das Abenteuer auf der nächsten Seite. Ein anderer weiß ganz genau, was er sucht: einen bestimmten Begriff, ein bestimmtes Argument. Er stürzt sich zuerst auf das Inhaltsverzeichnis und die Register. Jetzt kämmt er auch den dicksten Wälzer mit einem Minimum an Zeitaufwand durch. Professoren mit überlangen Leselisten gehören meist diesem Typus an.

Digitale Texterfassung hat aus diesen alten Techniken eine neue Disziplin geschaffen: distant reading. Texte werden nicht mehr Wort für Wort gelesen, sondern von einem Programm durchsiebt. Aber nicht mehr einzelne Bücher, sondern Tausende, Zehntausende, Hunderttausende. Wer zum Beispiel in der europäischen Literatur des 19. Jahrhunderts unentwegt ein Loblied auf die weiße Haut der Frauen vorgesungen bekam, fragt sich, wann, wo und von wem wird die Schönheit brauner oder schwarzer Haut gepriesen? Weiblicher oder männlicher? Antworten auf solche Fragen können seit 2000 das Zentrum für die Erforschung des Romans der Stanford University und seit 2010 das Stanford Literary Lab liefern.

Der Literaturwissenschaftler Franco Moretti, geboren 1950 in Sondrio – er ist der ältere Bruder des italienischen Filmregisseurs Nanni Moretti – gründete beide Institutionen. In seinem im Jahre 2000 in der „New Left Review“ erschienenen Aufsatz „Conjectures on World Literature“ entwickelte er ein erstes Konzept für digital betriebenes distant reading. Heute ist er emeritiert und Permanent Fellow am Berliner Wissenschaftskolleg.

Das alles hat natürlich nichts mit jenen Menschen zu tun, die sich gerne hinsetzen und schmökern. Man kann das in Romanen oder auch in Sachbüchern tun. Man versinkt in die Welt der Dinosaurier, in den Aufbau unserer Zellen, in die Geschichte des Universums wie in „Der Teufel im Leib“, in den „Josephsroman“, in die „Geschichte vom Prinzen Genji“, ins „Daodejing“, „Die Verlobten“ oder die wunderbare Verwandlung von 1210 „Faits divers“ in Drei-Zeilen-Romane durch den bei uns nahezu unbekannten Félix Fénéon. Das ist der Typus des süchtigen Lesers. Hat er einen Stephen King durch, greift er zum nächsten. Keine Autorin kann so schnell schreiben, wie diese Leserinnen lesen.

Es gibt auch bei Büchern die unterschiedlichsten Drogen. Manchmal geht es ums „per aspera ad astra“, ums Happyend, um die Hochzeit also. Andere Süchtige sind Wortfexe. Sie begeistern sich an eigentümlichen Wendungen, an schillernden Metaphern. Sie werden Gedichte lesen. Die einen Heinz Erhardt, die anderen Hölderlin und manche beide und noch Durs Grünbein und Lars Gustafsson dazu und auch Gottfried Benn, womöglich auch Balladen der Hitleranhängerin Agnes Miegel.

Lesen per se ist nichts Positives. Adolf Hitler hat mehr gelesen als viele seiner Zeitgenossen. Er war süchtig nach Bestätigung und bevor er sie bei den ihm zujubelnden Massen fand, suchte er sie in Büchern, Broschüren, in Zeitschriften und Zeitungen, die ihm halfen, sich klarer zu werden über das, von dem er eh schon überzeugt war. Auch darin ist er unser Bruder. Selbst die kritischsten Köpfe lesen mehr, was ihre Kritik bestätigt, als was ihr widerspricht. Auch sie wollen sich wiederfinden im Text.

Wir lesen aber auch, um uns in ihm zu verlieren. Die Sucht hilft uns hinaus aus unserer Wirklichkeit. Wir sehen, spüren – lange bevor wir sie erkennen – andere Welten. Wir sind enttäuscht, wenn es heißt „Und so endigt die schöne Geschichte und Gotteserfindung von Joseph und seinen Brüdern“. Sie soll weitergehen, nie ein Ende haben. Der Süchtige flieht das Ende. Er hasst den Tod. Je süchtiger er aber wird, desto näher kommt ihm der.

Sie merken, liebe Leserin, was ich beschreibe, trifft mehr auf Serienjunkies zu, die ihren Arbeitsplatz aufs Spiel setzen, Tag und Nacht, Staffel für Staffel, die unendlichen Geschichten um Liebe und Verschwörungen um Throne und Büros. Allerdings brachte es keine dieser neuen Errungenschafte, auf die 15 762 Episoden, die die „Springfield Story“ – erst im Radio, dann im Fernsehen – in den Jahren 1937 bis 2009 vorlegte. Im Zentrum des Geschehens standen die reichen Familien Spaulding, Lewis und Chamberlain. Wir sehen, „Dallas“ und „Denver-Clan“ hatten ein großes, unerreichtes Vorbild.

Lesesucht dagegen ist heute eher das Leiden – wenn es denn eines ist – einer Minderheit. Das war nicht immer so. Im 18. und 19. Jahrhundert galt sie als eine das Familienleben, ja die Gesellschaft zerstörende Gefahr. Die Frau, so hieß es, vernachlässige ihre Pflichten und widme sich der Romanlektüre. Dort sauge sie Vorstellungen von Liebe und Leben ein, die sie gegen die Ermahnungen ihres Gatten immunisiere. So würden Ehen zerstört, die Kindererziehung vernachlässigt, also die Keimzelle des bürgerlichen Lebens zu Fall gebracht. Man hat sich gerne über diese Auffassung lustig gemacht. Aber ganz falsch war sie nicht. Es gibt oder es gab jedenfalls einen Zusammenhang zwischen Lesen und Reformation wie Revolution. Es kann aufstacheln zum Aus- und zum Aufbruch.

Das Gedruckte war einmal das schnellste Medium. Das ist vorbei. Heute verlangsamt Lesen unser Leben. Dreißig Seiten schaffe ich für gewöhnlich in einer Stunde. „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ hat etwa 6000 Seiten. Das sind 200 Stunden. Wer zwei Stunden täglich einsetzt, ist also drei Monate lang damit beschäftigt. So aber hat man nichts von Prousts Mammutwerk. Nicht nur seine Sätze sind lang. Auch die einzelnen Szenen erstrecken sich oft über Dutzende Seiten. Bei sechzig sind Sie manchmal kaum über den Anfang eines Kapitels hinaus.

Atomisieren lässt sich die verlorene Zeit nicht. Es geht bei ihr gerade darum, den langen Atem zu haben. Quickies gibt es darin keine. Kein berufstätiger Mensch schafft einen solchen Brocken nebenbei. Er soll es auch nicht. Marcel Proust ist ein Zeitdieb. Solange man glaubt, seine eigene Zeit gegen ihn verteidigen zu müssen. Wer sich Prousts Suche anschließt, wird aber womöglich die eigene Zeit finden. Das muss man wollen.

So ist es generell mit dem Lesen. Man muss es wollen. Im Ganzen und dann auch bei jedem Buch, bei jedem Artikel. Sonst hat man nichts davon. Mit Zwang – auch mit dem selbst auferlegten – ist nichts gewonnen. Nicht in jede Lebenssituation passt das Schmökern, das Sich-verlieren in einem Meer von Seiten. Aber es gab immer auch schon die Forderung danach.

Im elften Jahrhundert wandte sich eine kaschmirische Prinzessin an den Gelehrten Somadeva und bat ihn: „Schreibe mir alle Geschichten, die jemals erzählt wurden, auf in einem einzigen Buch.“ Somadeva machte sich gehorsam an die Arbeit, und so entstand „Der Ozean aller Erzählungsströme“ (die deutsche Übersetzung von Johannes Mehlig erschien 1991 bei Gustav Kiepenheuer in Leipzig). Es ist keine Anthologie, sondern einer der großen Versuche, aus allem eines zu machen und das Einzelne, die Einzelnen dabei doch leben zu lassen.

Bisher sprach ich nur vom Lesen der Bücher. Das ist ein Fehler. Wir lesen Gesichter, Gestirne, Konstellationen, Fährten und Spuren. „Vogelflug und die Länder der Sterne“, schrieb Hugo von Hofmannsthal. Wichtig aber ist, dass wir begreifen: Wir sind nicht die einzigen Leser im Universum. Ein scheinbar wirr durch die Gegend laufender Hund liest – okay: er riecht – die Spuren nicht nur seiner Artgenossen. Er achtet darauf, dass auch er welche hinterlässt. So kommunizieren die Tiere miteinander. Gewissermaßen urin-schriftlich. Die lange Kette der Lebewesen ist unentwegt damit beschäftigt zu kommunizieren. Nicht nur in jedem Augenblick, sondern auch über Generationen hinweg. Menschen gäbe es nicht, kein Lebewesen gäbe es, wenn die DNA nicht eine Schrift wäre, die gelesen wird. Unser Immunsystem und das angreifende Virus lesen einander. Man hört, es sei strittig, ob Viren Lebewesen seien. Was immer sie sind: Lesen und schreiben können sie. Das ist auch ihre Methode zu lernen.

Womöglich müssen wir uns selbst das Universum als ein lesendes vorstellen.

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