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Öffentliche Orte als Konfliktzonen

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Von: Rainer Kilb

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Sozialer Katalysator einer Stadtgesellschaft: Spontan begannen Frankfurts junge Leute, sich auf dem Platz an der Alten Oper zu versammeln. Rolf Oeser
Sozialer Katalysator einer Stadtgesellschaft: Spontan begannen Frankfurts junge Leute, sich auf dem Platz an der Alten Oper zu versammeln. Rolf Oeser © Rolf Oeser

Die Berliner Exzesse zeigen die komplexe Normalität unserer Einwanderungsgesellschaft auf.

Neben dem parlamentarischen und zivilgesellschaftlichen Diskurs, der medialen Aufbereitung und Inszenierung gesellschaftspolitischer Themen stellt sich der öffentliche Raum bereits seit der Antike als eine Art Forum partikularer gesellschaftlicher Interessenartikulation und deren Konfliktaustragung und Aushandlung dar. Der Soziologe Georg Simmel definiert Konflikte in ihrer sozialen Ausformung schon Anfang des 20. Jahrhunderts als konstitutiv für Gesellschaften und soziale Gruppen. Ohne Konflikte und ihre Austragung verbleiben gesellschaftliche Differenzen, soziale Unterschiede und Spannungen unsichtbar oder verdrängt. Sie entziehen sich damit ihrer Bearbeitung und Regulation.

Öffentliche Räume insbesondere an den zentralen städtischen Plätzen fungieren somit als soziale und sozialpolitische Katalysatoren atomisierter und auch segregierter Bereiche der Stadtgesellschaft. Sie bieten sich als Arenen an, in denen durch Sichtbarmachung und durch soziales Handeln um mehr Macht, um mehr soziale Teilhabe, um bessere Positionen, um einen höheren Status und manchmal auch um ökonomisches Kapital gekämpft wird.

Konflikte im städtischen Raum können sowohl integrativ als auch desintegrativ wirken; sie ordnen damit Zugehörigkeiten zu Gruppierungen und Organisationen beziehungsweise Verhältnisse und Beziehungen zwischen Individuen. Die Paradoxie unserer Zeit ist, dass je friedfertiger und je zivilisierter im Sinne von Norbert Elias unser Alltag ist, desto ungeübter unser Umgangsvermögen mit Konflikten sich darstellt. Wir neigen dazu, diese dann zu verdrängen beziehungsweise ungeschehen zu machen, klein zu halten, sie zu vermeiden; denn Konflikte verunsichern, weil sie uns in unseren gewohnten Ordnungen irritieren.

Wir verlagern sie deshalb gerne auf die sogenannte Hinterbühne, von der aus sie sich dann aber bei geeigneten Anlässen häufig wieder Zugänge zu aktuellen Situationen verschaffen und dann weniger beherrschbar erscheinen. Die eigentlichen Konflikte, die sich hinter den aktuellen Silvesterereignissen in Berlin und anderen Großstädten verbergen, sind lange bekannt und geraten in regelmäßiger Abfolge nach ihrer explosiven Phase und der mit dieser korrespondierenden Skandalisierung wieder in den Hintergrund gesellschaftlicher Wahrnehmung und politischen Handelns.

Ein zentraler Gegenstand zivilgesellschaftlicher wie politischer Selbstregulation ist deshalb die Fähigkeit, für die Bürgerinnen und Bürger sichtbar und nachvollziehbar mit Problemen und Konflikten im öffentlichen Raum umzugehen. Ein professioneller Umgang mit Differenz wird zu einem wichtigen Indikator moderner gesellschaftlicher Aushandlungs- und Partizipationsprinzipien.

In einer interkulturell geprägten Global City wie Frankfurt oder Berlin kommt es darauf an, dass die sozialräumlich unterschiedlichen Lebensbedingungen ihrer Bürger:innen innerhalb eines Stadtgefüges vor allem im Zentrum sichtbar werden können, sich dort repräsentiert und damit zugehörig zur Stadtgesellschaft zu fühlen.

Diese besondere stadträumliche Rolle kommt den eigentlichen Citybereichen, also den konsumtiven und den historischen Metropolzentren zu. Je nach Städten und Raumfunktionen existieren hier integrierende Räume wie etwa die Domplatte und der Rheinuferbereich in Köln, auf denen sich jugendkulturelle Szenen (Hip-Hop, Skater etc.) mit Touristen, Kirchgängern, Hotelgästen, Einkäufern, Museumsbesuchern, Demonstranten und den diversesten Bewohnergruppen sämtlicher Schichten begegnen können; oder aber es existiert auch im innerstädtischen Kernbereich ein Abbild der „geteilten oder polarisierten Stadt“ wie etwa in der multipolaren Berliner Stadtlandschaft.

Dies auch ansatzweise in der Frankfurter City im Verlauf eines West-Ost-Gefälles analog der dort jeweils platzierten kulturellen, sozialen und Konsumangebote: im Westen der Opern-, Theater- und der Schillerplatz mit den Einrichtungen der sogenannten Hochkultur, dem umliegenden Bankenviertel, gehobener Gastronomie und exklusiven Konsumangeboten in Goethe- und Schillerstraße über den Verkehrsknoten Hauptwache im Zentrum bis zur Konstablerwache und den in der östlichen Zeil beginnenden preisgünstigen Kaufhäusern und –läden mit einer Ansammlung von teilweise auf der Straße lebenden Kindern und Jugendlichen und einer Dealer- und Obdachlosenszene. Am zentralen Verkehrsknoten Hauptwache vermischen sich sämtliche Akteursgruppen. Überwachungspraktiken, soziale Kontrolle, Anonymitätsgrad, unmittelbare Versorgungsmöglichkeiten und Überlebensgelegenheiten bestimmen hier mit habituellen Ein- bzw. Ausschlussritualen zusammen über die Art der soziokulturellen Präsenz.

Das Geschehen in diesen zentralen metropolitanen Räumen kennzeichnet häufig das nach außen kommunizierte „Gesamtbild“ einer Stadt. Es skizziert darüber hinaus deren jeweilige Community-Eigenschaften: Wie gehen die verschiedenen Bevölkerungsgruppen selbst miteinander um? Wie geht man vonseiten der Stadtelite und der Stadtrepräsentanz mit den verschiedenen Gruppen um? Und wie sicher fühlen sich die Bürger:innen an einem solchen symbolischen, soziokulturellen und soziopolitischen Kulminationspool?

Die in den bundesdeutschen Großstädten an den zentralen Plätzen zu findenden soziokulturellen Unterschiede sind dabei als sozialisatorische Erfahrungsräume für die verschiedenen Bevölkerungsgruppen besonders relevant. Hier wird für alle wahrnehmbar, wer dazugehört, wer dazugehören soll und wen man am besten nicht zu sehen bekommen sollte.

An diesen zentralen öffentlichen Orten vollzieht sich deshalb auf symbolische Art Integration wie Exklusion. Zentrale Plätze sind letztendlich Arenen gesellschaftlicher und politischer Konfliktregulation und soziokultureller Repräsentanz. Dort zeigt sich, wie Städte mit ihren Problemen, mit Minderheiten, mit innerstädtischen Konflikten umgehen, wie sich urbane Disparitäten entweder selbst regulieren oder auch gewaltaffin artikulieren. Hierbei zeigt sich, ob man am Erhalt einer zwar heterogenen, aber verzahnten zivilen Stadtgesellschaft interessiert ist oder aber eine Atomisierung verschiedener Stadtgesellschaften in Kauf nimmt bzw. sogar fördert.

Die aktuellen Berliner Exzesse verkörpern, unter mehreren relevanten Aspekten betrachtet, eigentlich so etwas wie eine „komplexe Normalität“ unserer Einwanderungsgesellschaft: komplex insofern, weil sie in ihrer kollektiven Intensität diverse gesellschaftliche und personenbezogene Hintergrundprobleme sichtbar machen, als da sind: eklatante Mängel der Integration, städtischer Milieubildungen durch Segregation sowie einer Überlagerung normativer Orientierungsdilemmata, einerseits recht normal, durch adoleszente Identitätsrisiken, andererseits durch migrationskulturell verursachte Diffusitäten.

Normal deshalb, weil nun einmal in den Metropolen und Ballungsräumen die Mehrheit der juvenilen Bevölkerungsteile einen Migrationshintergrund besitzt und zudem nicht unbedingt den einkommensstarken Schichten angehört. „Normal“ auch deshalb, weil sich in der Entwicklungsphase der Jugend ein Abgleich von Individuation und Sozialisation vollzieht und dieser Abgleich häufiger über Grenzverletzungen stattfindet.

Alles in allem also strukturelle Bedingungen, die schon immer verantwortlich zeichneten für deviante Verhaltensformen.

Was also sollten Konsequenzen dieser gar nicht so neuen Erkenntnisse sein?

Ordnungspolitisch klare Positionierung und dadurch Orientierung durch deutliche Grenzsetzungen vollziehen; zivilgesellschaftliche Wiedergutmachungsmöglichkeiten für Straftäter:innen eröffnen wie gerichtliche Auflagen bei Sanitäts- und Feuerwehrdiensten abzuleisten; sozial- und migrationspolitisch bessere Teilhabechancen eröffnen; jugendpolitisch deskandalisieren, anstatt sich habituell „södermäßig“ aufzustellen.

Entscheidend wird aber sein, die oben beschriebenen Hintergrundprobleme überhaupt und dann auch dauerhaft in Angriff zu nehmen.

Rainer Kilb ist Professor für Erziehungswissenschaft, Soziale Arbeit und Konfliktmanagement an der Mannheim University of Applied Sciences.

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