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Digitale Jagd: Wie Recherchekollektive Kriegsverbrechen in der Ukraine belegen

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Von: Lisa Berins

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Die russische Armee zerstört Städte und ganze Regionen in der Ukraine. Dabei greifen die Soldaten auch die Zivilbevölkerung an, doch das dokumentieren internationale Teams.
Die russische Armee zerstört Städte und ganze Regionen in der Ukraine. Dabei greifen die Soldaten auch die Zivilbevölkerung an, doch das dokumentieren internationale Teams. © Natacha Pisarenko/dpa

Recherchekollektive sammeln Hinweise auf Kriegsverbrechen in der Ukraine – vom Computerbildschirm aus. Die Verbrechen der russischen Armee werden nachverfolgt.

Kiew – An den Straßenrändern liegt noch Schnee, als das Fahrzeug auf die Autobahn E40 in der Nähe von Kiew einbiegt. Es ist der 1. März 2022, 9.33 Uhr, das zeigt die Dashcam an, die durch die Windschutzscheibe auf die nasse Straße filmt. Eine weibliche und eine männliche Stimme – es müssen die Menschen im Auto sein – reden nervös aufeinander ein. Die beiden drosseln das Tempo, obwohl eigentlich freie Fahrt wäre. Aber anstatt Gas zu geben, reihen sie sich hinter ein anderes Fahrzeug ein, das sich langsam auf dem rechten Streifen vortastet. Etwas scheint nicht zu stimmen.

Dann fängt das Knacken an. Ein merkwürdiges Geräusch, nicht sehr laut, aber anhaltend, immer wieder ist das Knacken zu hören. Das vordere Fahrzeug gerät ins Schlingern. „What is this?“ ruft die männliche Stimme im hinteren Auto, das nun hektisch vor- und zurücksetzt und mitten auf der Fahrbahn wendet. Mit heulendem Motor rast es zurück, entgegen der Fahrtrichtung, und biegt in die nächste Auffahrt ein. Die Frauenstimme schreit. Ein paar Sekunden später: Ende der Aufzeichnung.

Benjamin den Braber sitzt vor einer weißen Schrankwand, unter seinem Käppi schauen gelockte Haare hervor, die den Nacken hinunter auf sein Sweatshirt fallen. Mit der einen Hand reibt er sich übers Kinn, während er mit der anderen den Cursor vor- und zurückbewegt. „Siehst du diese Tankstelle da? Und die Brücke im Hintergrund? Wir konnten die Stelle, an der das gefilmt wurde, auf Satellitenbildern lokalisieren.“

Ukraine-Krieg: Zivilisten unter Beschuss

Videos wie dieses, in dem offensichtlich zivile ukrainische Fahrzeuge unter Beschuss geraten sind, schaut der 25-jährige Niederländer fast nonstop an, seit der Krieg in der Ukraine begonnen hat. Er und das Rechercheteam vom Londoner Centre for Information Resilience (CIR), das als unabhängiges Nonprofitunternehmen arbeitet, sind dabei, den Krieg mit Open-Source-Material, mit öffentlich zugänglichen Daten, zu untersuchen. Sie haben derzeit viel zu tun.

Das Internet ist voll von Bildern und Videos aus dem Krieg. Sie werden von Menschen hochgeladen, die durch zerstörte Städte fahren, die Bombeneinschläge filmen, die ihren Alltag festhalten – oder die zufällig Zeuginnen oder Zeugen von Anschlägen werden, wie in diesem Dashcamvideo. Im März tauchte es auf Telegram auf, gemeinsam mit anderen Schreckensbildern aus der Region rund um Kiew: Leichen an Straßenrändern, eine enthauptete Frau in einem Fahrzeug, ein Grab mit zwei männlichen Toten hinter einer Tankstelle.

Mindestens 18 Menschen seien auf den Autobahnen bei Buzova, Myla, Worsel und Butscha in der Zeit der russischen Besatzung der Gebiete Kiew und Tschernihiw getötet worden, heißt es in einem Bericht des CIR. Das Recherchekollektiv nennt den Report „The Highway Killers“.

Schreckensbilder aus Ukraine-Krieg: Unabhängige Teams untersuchen Aufnahmen

Um zu rekonstruieren, was genau geschehen ist, überprüft das Team die Videos auf ihre Echtheit – vom heimischen Bildschirm aus. „Also“, sagt Benjamin den Braber, der seinen Screen im Videochat geteilt hat und routiniert unzählige Fenster auf- und zuklickt: „Angefangen haben wir hier.“ Die Maus zeigt auf den Hashtag #Makarov, unter dem das Dashcamvideo gepostet wurde. „Wir wussten erst mal nur, dass die Autobahn in der Nähe von Makariw im Westen von Kiew sein musste.“ Den Braber öffnet Google Earth Pro. „Wir haben uns dann auf die Suche nach genau dieser Stelle gemacht.“

Geolocating wird das genannt. Dafür schaut den Braber im Video nach Alleinstellungsmerkmalen: ein markantes Gebäude, eine bestimmte Kurve. Mit der Straßenführung vor dem inneren Auge sucht er Satellitenbilder nach dem Ort ab, der im Video zu sehen ist. „Und nach einer ganzen Weile haben wir ihn gefunden.“ Er lässt das Google-Streetview-Männchen auf eine Position auf der Autobahn E40 fallen. Von der Straßenperspektive aus ist gut zu erkennen, dass die Markierung der Autobahn, die Waldstücke an den Seiten, die architektonischen Details mit dem übereinstimmt, was im Dashcamvideo zu sehen ist.

Noch einmal fährt den Braber den Teil des Videos ab, an dem das Auto auf der Straße wendet; ein Gebäude mit Flachdach ist durch die Windschutzscheibe zu erkennen: die Tankstelle. „Das Interessante ist, dass genau dort, hinter diesem Gebäude, das Grab mit den Leichen gefunden wurde. Und dann haben wir weitere Entdeckungen gemacht.“ Im Internet waren noch mehr Bilder und Videos aufgetaucht, unter anderem Drohnenaufnahmen, die darauf schließen ließen, dass in direkter Nähe zur Tankstelle ein russisches Militärlager im Wald gewesen sein musste und dass russische Truppen im selben Waldgebiet patrouillierten. All dies passierte also in unmittelbarer Nähe zueinander. Das ist mehr als ein Zufall.

Suche nach den Mördern im Ukraine-Krieg: Teams rekonstruieren Tatorte

Tagelang, wochenlang sitzen den Braber und sein Team vor den Bildschirmen, nehmen jedes Detail in Augenschein, gleichen es ab, suchen nach weiterem Material, das unter demselben Ort auf den Plattformen getaggt wurde, fügen neue Puzzlestücke hinzu, um am Ende ein möglichst vollständiges Bild der Lage zu zeichnen – mit Hilfe von Informationen, die jede und jeder im Internet finden kann. Osint nennt die Community diese Recherchen: Open Source Intelligence Network Techniques. Eine Recherchetechnik, die von Geheimdiensten angewendet wird – und die dank öffentlich zugänglicher Satellitenbilder und Millionen im Netz schwirrender Daten heute für jede Internetuserin, jeden User möglich ist. Theoretisch. Ein wenig Übung braucht es dafür schon.

Bei der „Dataharvest“-Konferenz, einem internationalen Treffen für Daten- und Investigativjournalistinnen und -journalisten im belgischen Städtchen Mechelen, teilen Benjamin den Braber und sein CIR-Kollege Benjamin Strick ihr Know-how: Nachdem sie den Ort eines Geschehens gefunden haben, versuchen sie, den genauen Zeitpunkt herauszubekommen - und anhand des Schattenwurfs sogar die Uhrzeit. Sie analysieren Waffen und Einschusslöcher, rekonstruieren Flugbahnen von Geschossen, gleichen mögliche Abschussorte mit der Stationierung von Brigaden ab. Sie wollen nicht nur herausbekommen, was wo und wann passiert ist. Sie wollen auch Namen nennen können: wer die Toten sind. Und wer die Mörder. Und manchmal gelingt ihnen das tatsächlich.

Recherche im Netz

Eyes on Russia heißt das gemeinsame Projekt vom Centre for Information Resilience und Bellingcat. Die Rechercheergebnisse sind in einer Russland-Ukraine-Monitorkarte nachzusehen.

Das Buch „Digitale Jäger. Ein Insiderbericht aus dem Recherchenetzwerk Bellingcat“ von Eliot Higgins ist bei Quadriga erschienen, 287 Seiten, 18 Euro.

Auch deutsche und internationale Medien veröffentlichen seit einiger Zeit Faktenchecks und Berichte, die mit Osint-Methoden recherchiert wurden. Ein besonderes Beispiel ist die Reportage „Bare 18–19 år gamle ble de sendt i dødend“ („Erst 18-19 Jahre alt wurden sie in den Tod geschickt“) des norwegischen Journalisten Per Anders Johansen, der für die Zeitung „Aftenposten“ die Identitäten und Schicksale unzähliger getöteter russischer Soldaten recherchierte, um somit Putins Lügen über den Krieg zu widerlegen.

Wie im Mai, als das CIR in Zusammenarbeit mit dem US-amerikanischen TV-Sender CNN eine Raketenartilleriebrigade identifizieren konnte, die Wohnviertel von Charkiw bombardiert hat. Diese Brigade unterstand Generaloberst Alexander Zhuravlyov. Einem Befehlshaber, der auch für brutale Anschläge im syrischen Aleppo verantwortlich ist.

Wirrwarr der Desinformationen im Ukraine-Krieg: Eine „Quelle für vertrauensvolle Fakten“

Eine gute Open-Source-Recherche sei der „Goldstandard der Wahrheit“, sagt Benjamin Strick. Er ist eines der Masterminds des CIR und mit Recherchen in der ganzen Welt beschäftigt. Das Wichtigste an seiner Arbeit sei, im Wirrwarr der Desinformationen eine „Quelle für vertrauensvolle Fakten“ zu sein. Deshalb veröffentlicht das CIR seine Ergebnisse zum Ukraine-Krieg in einer interaktiven Monitorkarte, die für alle Interessierten einsehbar ist, im Internet. Auch das internationale Investigativkollektiv Bellingcat beteiligt sich an der Arbeit daran und bestückt die Karte mit seinen eigenen Recherchen.

Bellingcat hat sich schon vor einigen Jahren einen Namen mit Osint-Recherchen gemacht: Das Team enthüllte Details zum Abschuss des Passagierflugzeugs MH-17, zu den Fällen Skripal und Nawalny. Eigentlich arbeiten gerade mal rund 30 Leute fest bei Bellingcat. Aber jetzt ist ein Extrateam für den Krieg in der Ukraine im Einsatz, darunter Ukrainisch sprechende Recherchierende. „Unser Hauptanliegen ist zu dokumentieren, welche Angriffe es auf die zivile Infrastruktur, auf die Zivilbevölkerung gibt“, sagt Johanna Wild. Sie ist eine von zwei Deutschen bei dem Kollektiv.

Im März konnte Bellingcat nachweisen, dass international geächtete Streubomben in der Ukraine landeten. Die Verbrechen im Krieg nachzuverfolgen wäre für das kleine Team aber unmöglich, wenn es nicht mit einer riesigen Osint-Gemeinschaft zusammenarbeiten würde. „Die Zahl der Freiwilligen ist unüberschaubar. Es ist eine weltweite Community, Leute, die ihre Ergebnisse tweeten, die Open-Source-Recherchen in ihrer Freizeit betreiben und die mitmachen bei wichtigen und spannenden Recherchen“, sagt Wild.

Aufarbeitung der Verbrechen der Gruppe„Wagner“: Putin schickt Spezialeinheiten in Ukraine

Hobby-Osint-Ermittlerinnen und -Ermittler haben sich schon seit den Kriegen in Libyen und Syrien vor allem auf Twitter über ihre Ergebnisse ausgetauscht, aber mit dem Beginn des Ukraine-Kriegs ist die Zahl noch einmal stark gestiegen. Auch der Franzose Hervé hat lange Zeit in seiner Freizeit recherchiert. „Wie die meisten wollte ich mit meinen Skills etwas Sinnvolles tun und helfen“, sagt er.

Hervé arbeitete beim französischen Zoll im Kampf gegen Geldwäsche und Terrorismus, als er vor drei Jahren in Paris ein eigenes Osint-Kollektiv mit dem Namen Open Facto gründete. Er fing an, Workshops für Journalistinnen, Journalisten, Aktivistinnen und Aktivisten zu geben – um seine Kenntnisse weiterzureichen und um den Verein zu finanzieren, der sich auf die Unterstützung von Gerichtsverfahren in Fällen von Menschenrechtsverletzungen, Kriegsverbrechen und Cyberangriffen spezialisiert. Momentan arbeitet Open Facto an der Aufarbeitung von Verbrechen der „Gruppe Wagner“, Putins Söldnertruppe.

Eine journalistische Ausbildung haben die wenigsten in der Osint-Community. Auch Benjamin den Braber, der Niederländer, der zum Dashcamvideo recherchiert, ist kein Journalist. Er studierte European Studies und modelte, als er mit seinen Recherchen auf Twitter begann. Mit seiner Rekonstruktion eines Raubüberfalls auf einen Goldtransporter in Amsterdam wurde er in der Osint-Szene bekannt. Seit vergangenem Jahr arbeitet er fest im CIR-Team – und seit Februar ist er hauptsächlich mit der Aufarbeitung des Ukraine-Kriegs beschäftigt.

Online Recherche im Ukraine-Krieg: „Die Schreie sind das Schlimmste“

Es sei eine befriedigende Aufgabe, sagt er, vor allem, weil am Ende ein gesellschaftlicher Mehrwert stehe und seine Informationen beispielsweise auch Menschenrechtsorganisationen dabei helfen, Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung zu untersuchen. Die Bilder von Hinrichtungen, Leichen, Verstümmelungen, abgeschlagenen Körperteilen, die er sich dafür immer und immer wieder anschaut, – die belasteten ihn nicht so sehr. „Es gibt ein paar Tricks. Du kannst es zum Beispiel ohne Ton schauen, damit du die Schreie nicht hörst, die sind das Schlimmste. Oder du siehst es dir in Schwarz-Weiß an, dann ist das Blut nicht so klar zu erkennen.“

Illustration des CIR zum Beschuss auf der E40. Foto: CIR/ „The Highway Killers“
Illustration des CIR zum Beschuss auf der E40. © CIR/ „The Highway Killers“

Der gesellschaftliche Mehrwert – worin liegt er genau? Können Informationen von Freiwilligen und von Recherchekollektiven für die Verfolgung von Kriegsverbrechen genutzt werden? „Wir hoffen natürlich, dass unsere Ergebnisse langfristig vor Gerichten anerkannt werden“, sagt Johanna Wild von Bellingcat. Bei ihnen kümmere sich ein Team darum, wie die Untersuchungen dafür dokumentiert und aufbereiten werden müssten.

Social Media soll helfen: Kriegsverbrechen in Ukraine werden genau verfolgt

Anfang des Jahres hat der UN-Menschenrechtsrat mit dem „Berkley Protokoll“ einen Leitfaden zur Verwendung von Open-Source-Informationen bei der Recherche von Menschenrechtsverletzungen herausgegeben. „Die Idee, Social-Media-Inhalte als Beweise zu nutzen, ist aber noch ziemlich neu. Ich denke, bis das wirklich möglich ist, werden Jahre oder Jahrzehnte vergehen“, sagt Wild.

Im Dashcamvideo, das den Beschuss von zivilen Fahrzeugen dokumentiert, ist die wichtigste Information noch unklar. „Wir haben beweisen können, dass russisches Militär zur selben Zeit am Ort des Beschusses und der Tötung von Zivilisten war. Aber leider ist es uns bisher nicht gelungen, die genaue Einheit zu identifizieren, die dafür verantwortlich ist. Dafür fehlt uns klareres Footage: Nahaufnahmen von Militärfahrzeugen zum Beispiel“, sagt Benjamin den Braber. Er klickt auf eine Satellitenaufnahme und zoomt das Waldgebiet neben der Autobahn heran. „Aber wir sind da dran.“ (Lisa Berins)

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