1. Startseite
  2. Kultur
  3. Gesellschaft

Wie erst jetzt die Ukraine entsteht

Erstellt:

Von: Harry Nutt

Kommentare

Nach einem russischen Raketenbeschuss: Lwiw im Mai.
Nach einem russischen Raketenbeschuss: Lwiw im Mai. © AFP

Was eine Rede Frank-Walter Steinmeiers mit einer Tagung in Lwiw zu tun hat. Eine Spurensuche zur Geschichte eines Landes und deren Verkennung.

Das Unbehagen an den politischen Debatten der Gegenwart rührt aus der Unerbittlichkeit, mit der die jeweiligen Sprecherpositionen vorgetragen werden. Natürlich ging es in leidenschaftlichen Auseinandersetzungen um richtig oder falsch noch nie um die Schönheit des Arguments und den Wohlklang des Widerspruchs. Wie eindimensional viele Beiträge zum Krieg in der Ukraine – sei es von namhaften Blättern gedruckt oder von der Laune des Augenblicks getrieben in die Welt der sozialen Medien gepostet – auf Aussagen wie „hätte man wissen können“ oder „habe ich immer schon gesagt“ zulaufen, enttäuscht das Bedürfnis nach Perspektivwechsel und Horizonterweiterung leider allzu oft.

Sicher, es gibt rühmliche Ausnahmen wie Karl Schlögel, dessen ältere Texte sich heute wie Menetekel lesen. In seinem kürzlich bei den Frankfurter Römerberggesprächen gehaltenen Vortrag (in der FR vom 3. Mai abgedruckt) hat er hinsichtlich der öffentlichen Wahrnehmung der Ukraine noch einmal als Problem benannt, was man als Erkenntnisverweigerung beschreiben könnte. Und diese betrifft keineswegs nur die wegen ihres historischen Irrtums vielfach geschmähte SPD.

Schlögel adressierte denn auch ausdrücklich ein kollektives Wir. „Dieses große Land hat es für uns lange nicht gegeben oder nur als Rand, als Störfaktor.“ Die Ukraine sei im Erfahrungshorizont der Nachkriegsgeneration, die im Schatten des Eisernen Vorhangs aufgewachsen ist, nicht vorgekommen oder nur durch eine bestimmte Brille gesehen worden: „russozentrisch, imperial, als Hinterhof des Reiches, ewig unter Nationalismus- und Antisemitismus-Generalverdacht, den man sich erlauben kann, wenn man keine Ahnung von der ukrainischen Geschichte hat“.

Auch für das gebildete Europa, so Schlögel, habe dieses Land nicht existiert: trotz dem tausendjährigen Kiew, der Treppe von Odessa, dem Charkiw der Moderne, der Geschichte der Vielvölkerstädte, einem Land, das in den nachsowjetischen Jahrzehnten auf dem Weg zu einem normalen offenen europäischen Land mit Qualitäten eines Tigerstaates war. Eine Generation, die weltläufig geworden war, unterwegs in Europa und mit einer faszinierenden Literatur, habe man schlicht nicht wahrgenommen.

Schlögels Kritik deckt sich mit meinen bescheidenen Erfahrungen. Staunend und für den Moment durchaus fasziniert habe ich 2006 an einer Tagung in Lwiw teilgenommen, in der die Geschichte von Lemberg, Lwow und Lwiw verhandelt wurde. In den Pausen sprachen die überwiegend deutschen Anwesenden mit dem Schriftsteller Juri Andruchowytsch, der Literaturwissenschaftler und Übersetzer Jurko Prochasko beschämte uns mit seinem stupenden Wissen über die deutsche Literatur und dem Drang, lieber früher als später zu einem gestaltenden Akteur einer europäischen Kultur zu werden, in der die Ukraine, damals vor allem die Westukraine, einen wichtigen Beitrag zu leisten vermag.

Am Rande der von der Zeit-Stiftung organisierten Tagung war es zu einer Kontroverse zwischen den ukrainischen Beteiligten mit dem polnischen Historiker Wlodzimierz Borodziej gekommen, der vor knapp einem Jahr gestorben ist. Es ging um die unterschiedliche polnischen beziehungsweise ukrainischen Perspektiven auf die unzureichend aufgearbeitete Gewaltgeschichte in der Region.

In seinem soeben erschienenen Buch „Zerborstene Zeit“ (C.H. Beck) hat der Historiker Michael Wildt in aller gebotenen Kürze den Versuch unternommen, die eskalierende Situation um 1941 zu beschreiben, die die scheinbare Idylle ethnischer Pluralität im habsburgischen Reich atomisierte. Der Streit, den Borodziej evoziert hatte, schien mehr zu sein als die Randnotiz einer Tagung. Das überwiegend deutschsprachige Publikum aber war eher peinlich berührt als wissbegierig, und bald wurde die Tagesordnung wieder aufgenommen. Die Erkenntnis, dass es mehr Tätergeschichten gab, als man sich eingestehen mochte, kehrt nunmehr monströs aus der Vergangenheit zurück, in der exemplarisch der ukrainische Nationalist Stepan Bandera für die einen ein gewissenloser Antisemit und Nazi-Kollaborateur und für die anderen ein heldenhafter Widerstandskämpfer ist, der die Idee eines ukrainischen Staates gewaltsam propagierte.

Die Tagung von Lemberg ist gewiss kaum mehr als eine individuelle Erinnerung, an der ich mir nun die eigene intellektuelle Trägheit und wohl auch die meiner Generation zu erklären versuche. Sie hat sehr viel damit zu tun, dass wir uns in der Anerkennung der Schuldgeschichte der Deutschen eingerichtet hatten, die keinen Platz ließ für zusätzliche verworrene und verwirrende Tätererzählungen. Das nicht erst jetzt aufgetauchte Wort Schuldstolz wurde als vermeintlicher Kampfbegriff einer rechten Rhetorik eher abgewehrt als mit historischen Fakten und Erzählungen ergänzt und durchdrungen.

Und so wurde denn auch die Ermordung Banderas durch den russischen Geheimdienst KGB in der Nachkriegszeit in München vor allem als pikanter juristischer Sonderfall betrachtet, nicht aber als düsteres Kapitel des manchmal heiß laufenden Kalten Krieges.

Ähnliches gilt für die Wahrnehmung des späten Prozesses gegen John Demjanjuk, der als ukrainischer Soldat der Roten Armee als sogenannter Hilfswilliger 1942 der deutschen Wehrmacht und der SS gedient hatte, die das Personal für das Betreiben der deutschen Konzentrationslager stellte. Nach einer wochenlangen Gerichtsverhandlung war der damals bereits über 90-jährige Demjanjuk 2011 wegen Beihilfe zum Mord an 28 060 Menschen zu fünf Jahren Gesamtfreiheitsstrafe verurteilt worden.

Auch in diesem Prozess ging es primär um Fragen später Schuldzuweisung sowie die Tatsache, dass dem Angeklagten einzelne Taten nicht nachgewiesen werden konnten. Die historische Konstellation, in der ein williger Helfer wie Demjanjuk zum Täter wurde, und welche Folgen sich daraus für ein gemeinsames Verständnis deutscher und ukrainischer Geschichte hätten ergeben können, blieben dabei weitgehend außen vor.

Einer, der diese Geschichte genau recherchiert hat, ist der amerikanische Historiker Timothy Snyder. Zwar wurde sein Buch „Bloodlands“ (C.H. Beck), in dem er Stalins Terrorkampf, Hitlers Holocaust und den Hungerkrieg gegen die Kriegsgefangenen sowie die nichtjüdische Bevölkerung auf dem Gebiet der Ukraine in ihren Zusammenhängen und Wechselwirkungen untersucht hat, auch hierzulande mit der gebührenden Aufmerksamkeit rezipiert. Doch reichlich ernüchtert meinte Snyder erst kürzlich in einem Interview mit der „Berliner Zeitung“ feststellen zu müssen, dass für die deutsche Wahrnehmung Russland und eben nicht die Ukraine das Zentrum jener Leiderfahrung geblieben ist, die Deutschland verursacht hatte. „Obwohl es natürlich stimmt, dass die Sowjetunion unter den Folgen des Krieges von 1941 enorm gelitten hat, war die Sowjetunion im Krieg von 1939 ein Mitangreifer an der Seite Deutschlands.“

Aus deutscher Sicht aber habe Moskau zum moralischen Zentrum der Ostpolitik werden müssen. Moskau sei der Schlüssel zu den angestrebten diplomatischen Erfolgen der sogenannten Ostpolitik gewesen. Und als zwei Jahrzehnte später die Sowjetunion zerfiel, sei es im Grunde noch problematischer gewesen, Moskau als das moralische Zentrum dieser Ostpolitik anzuerkennen.

Dabei wäre eine Neubewertung unbedingt erforderlich gewesen, so Snyder, denn Weißrussland und die Ukraine haben mehr unter dem Krieg gelitten als Russland. Aber: „Diese grundlegende Realität ist nie in die öffentliche Diskussion in Deutschland eingedrungen. Die Zeit nach 1991 hätte eine vernünftige Vergangenheitsbewältigung verdient, in der die Deutschen der Ukraine viel mehr Aufmerksamkeit hätten schenken sollen.“ Schließlich sei es der deutsche Krieg um die Ukraine im Jahr 1941 gewesen, der den Holocaust erst ermöglicht habe, so Timothy Snyder.

Tatsächlich gibt es weit mehr Einsatzmöglichkeiten für eine nachholende Selbstaufklärung, und zweifellos sind Arbeiten wie die von Karl Schlögel und Timothy Snyder dabei überaus hilfreich.

Es ist in den vergangenen Wochen viel aus alten Texten zitiert worden. Die Korrespondentenberichte aus zahlreichen Zeitungen legen auf eindrucksvolle Weise die Spuren frei zu einer verbreiteten gesellschaftlichen Ignoranz und Nichtwahrnehmung. Die jedoch bleibt im Schatten der mit großer moralischer Dringlichkeit vorgetragenen Vorwürfe gegenüber Politikern, die als willfährige Vertreter einer skrupellosen Interessen- und Energiepolitik betrachtet werden. Schröder, Steinmeier, Schwesig – Sie wissen schon.

Nicht zur Entlastung, wohl aber zur nachdenklichen Selbstbefragung möchte ich eine Rede des deutschen Außenministers Frank-Walter Steinmeier ins Gedächtnis rufen, die dieser im September 2016 zur Eröffnung einer Ausstellung im Berliner Dokumentationszentrum Topografie des Terrors gehalten hat.

Steinmeier beteuert darin zunächst sein ehrliches Interesse an Osteuropa. „Weißrussland, Moldawien, das Baltikum – in keine andere Weltregion bin ich in den letzten Jahren so häufig gereist; keine anderen Landschaften habe ich so oft durchfahren oder überflogen wie jene.“ Ein Lippenbekenntnis? Es wäre leicht, dem Außenminister heute genau dies zu unterstellen. „Wir, die deutsche Außenpolitik und unsere Partner, setzen uns – so gut wir es können – für Frieden und Verständigung im Osten unseres Kontinents ein, insbesondere im Konflikt um die Ostukraine.“

Der Wunsch nach Frieden als leere Formel? Vielleicht auch das. Ein fehlendes historisches Bewusstsein für das Geschehene kann man Steinmeier indes nicht unterstellen. „Aber – und dieses ‚Aber‘ wiegt schwer“, fährt er in seiner Rede fort. „Unter diesen Landschaften, unter dem Hier und Heute, liegen Schichten verborgen, die uns Deutsche viel tiefer, viel schicksalhafter mit dieser Region verbinden.“ Wie zum Beweis ließ Steinmeier von Ekkehard Maaß anschließend Jewgeni Jewtuschenkos Gedicht „Babij Jar“ vortragen, Paul Celan hatte es ins Deutsche übersetzt. In der Schlucht von Babij Jar nahe Kiew waren 1941 im Verlauf von nur zwei Tagen 33 771 jüdische Frauen, Männer und Kinder erschossen worden. Das sei das Ungeheuerliche, das unter diesen Landschaften verborgen liege, sagte Steinmeier in seiner Rede auch unter Bezugnahme auf Timothy Snyder.

Und doch blieb etwas ausgespart. Jewtuschenkos Gedicht gilt als Schlüsseltext, weil das Gedicht den Massenmord an den Kiewer Juden 1961 erstmals in der sowjetischen Öffentlichkeit benannte und das Verbrechen der Deutschen mit dem sowjetischen Antisemitismus in Verbindung brachte. Ein eigenes Denkmal war den Angehörigen der Opfer lange verweigert worden. Dass Putins Armee Babij Jar erneut angegriffen hat, sagt viel über das geschichtspolitische Verständnis des Despoten aus.

In Steinmeiers Rede von 2016 wurden die Opfer von Babij Jar jenen 25 Millionen Opfern zugeschlagen, die der deutsche Vernichtungs- und Eroberungskrieg in der Sowjetunion verursacht hat. Eine differenzierte Geschichte, die das Leid der Ukrainer, Belarussen, Litauer etc. benennt, muss nicht neu geschrieben werden. Hinter den erhitzen Debatten um die Lieferung schwerer Waffen, den Begriff der Kapitulation und über eine atomare Bedrohung aber dringt allenfalls unscharf in die öffentliche Wahrnehmung, dass das im Bewusstsein des Friedens artikulierte Schuldeingeständnis gegenüber der ehemaligen Sowjetunion viel verdeckt hat, das nun auf die Tagesordnung eines sich neu formierenden Europas gehört.

Auch interessant

Kommentare