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Wie es zur „Freundschaft“ von Hunden und Menschen kam

Evolution

Wie der Hund auf den Menschen kam

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Josef H. Reichholf erzählt eine neue Geschichte dazu, wie es zur „Freundschaft“ von Hunden und Menschen kam.

Die alte Geschichte, die wir gerne glauben, lautet: Es gab Wölfe, die begleiteten die Menschen, der Mensch nahm sich ihrer an, nahm sie gewissermaßen auf, domestizierte sie und so wurden aus wilden Wölfen des Menschen treueste Begleiter, zahme Hunde. Besonders schön an dieser Geschichte ist, dass sie eine Geschichte des Homo sapiens ist, dass sie keine zwanzigtausend Jahre lang dauerte. Der Neandertaler, der schon 200 000 Jahre lang mit den Wölfen lebte, hatte sie in all der Zeit nicht in Hunde verwandeln können. Auch die anderen Frühmenschen hatten das nicht geschafft. Der Hund war eine Schöpfung des Homo sapiens. So die Geschichte, die ich von Kind an gehört hatte. Ich liebte sie.

Josef H. Reichholf – er wurde am 17. April des Jahres 75 Jahre alt – studierte Biologie, Chemie, Geographie und Tropenmedizin. Anfang der 70er Jahre gründete er zusammen mit unter anderen Bernhard Grzimek, Horst Stern und Hubert Weinzierl die „Gruppe Ökologie“, aus der im Juli 1975 der Bund für Umwelt- und Naturschutz hervorging. Reichholf war von 1974 bis 2010 Sektionsleiter Ornithologie der Zoologischen Staatssammlung München. Der Wikipedia-Eintrag über ihn zählt mehr als 30 Buchveröffentlichungen auf. Es sind durchweg interessante, verständlich geschriebene Bücher. Reichholf ist jemand, dem es Spaß macht, sich Sachverhalte klar zu machen. Er erschrickt nicht, wenn er dabei zu anderen Ergebnissen kommt als Kollegen oder – sagen wir so – die Öffentlichkeit. Er glaubt nicht an solche Dinge wie „ein natürliches Gleichgewicht“; der Vorstellung, die Menschheit sei in der Lage, einen Status quo zu fixieren, begegnet er mit größter Skepsis. Das heißt nicht, dass er den Dingen einfach ihren Lauf lassen möchte, aber die Fixierung auf einzelne Faktoren ist ihm extrem suspekt.

Sein neuestes Buch heißt „Der Hund und sein Mensch – Wie der Wolf sich und uns domestizierte“. Wieder scheint Reichholf eine bisherige Sicht der Dinge auf den Kopf zu stellen. Nicht Homo sapiens hat den Hund domestiziert, sondern der Hund den Homo sapiens? Nein, dieser Theorie widerspricht Reichholf. Der Hund ist nicht das Produkt einer bewussten Selektion, bei der das Wölfische entfernt wurde. Weder hat Homo sapiens Gott imitiert und eine neue Spezies erschaffen, noch hat der Wolf das getan. Niemand wollte den Hund. Er ist das Produkt eines komplexen, ganze Ökosysteme umwälzenden Prozesses.

Ich vereinfache Reichholfs Darstellung. Am Anfang stand der „pleistozäne Overkill“. Die Beobachtung also, dass vor etwa 40 000 Jahren ein Massensterben von Großtieren auf fast dem ganzen Erdball stattfand. Ausgenommen waren die Arktis und das tropische Afrika südlich der Sahara. Dort ist ja noch immer der umfangreichste Bestand an großen Wildtieren. Es gibt Autoren, Reichholf erwähnt sie, die diesen „Overkill“ bestreiten. Reichholf aber gilt er als nicht zu bestreitender Tatbestand. Homo sapiens war der neue Jäger, der damals in die Welt kam. Um vieles agiler, lauftüchtiger als der Neandertaler.

Reichholf schreibt faszinierend darüber, dass die neue Spezies ihren Nachwuchs nur unter größten Schwierigkeiten gebar. Die Becken der Frauen waren viel schmaler als die der Neandertaler. Kinder- und Müttersterblichkeit wahrscheinlich eklatant höher. Wo lag der evolutionäre Vorteil? Man liest Reichholf, und es wird klar, die Evolution schafft nicht die beste aller möglichen Welten, sondern sie wurstelt sich durch. Der läuferische Vorteil, die Nacktheit der Haut brachten so viele Vorteile, dass dieser doch sehr gravierende Nachteil des „unter Schmerzen sollst Du Kinder gebären“ ausgeglichen wurde.

Auch die sprachlichen Fähigkeiten des Homo sapiens waren denen des Neandertalers weit überlegen. Er war in der Lage, Angriffe auf das Großwild vorher zu besprechen und er konnte sich sofort verständigen, wenn die Lage sich änderte. Homo sapiens war der erfolgreichste Jäger der damaligen Zeit. Er war es, der den Bestand an Großtieren innerhalb weniger Jahrtausende drastisch reduzierte.

Reichholf erinnert an die spanischen und französischen Höhlenmalereien, die – die Datierungen weichen stark voneinander ab – wohl vor 20- bis 30 000 Jahren entstanden. Sie seien keine realistische Darstellung des damaligen Tierbestandes, meint Reichholf, sondern ein eiszeitliches Schlaraffenland, himmlische Jagdgründe. Nein, so spekulativ drückt Reichholf sich nicht aus. Er weist darauf hin, dass in den Höhlen und in ihrer Umgebung kaum Knochen großer Tiere zu finden waren. Ich liebe diese scheinbaren Abschweifungen Reichholfs. Es sind die Bewegungen, mit denen er seine Überlegungen stützt durch das, das ihnen zu widersprechen scheint.

Das Buch

Josef H. Reichholf: Der Hund und sein Mensch. Wie der Wolf sich und uns domestizierte. Hanser, München 2020. 221 Seiten, 22 Euro.

Homo sapiens reduzierte die Großtiere. Berühmt ist das Mammutsterben in Europa. Das Gleiche widerfuhr den großen Tieren in Asien, Amerika und Australien, nachdem Homo sapiens auch dorthin gefunden hatte. Aber er war doch aus Afrika gekommen. Warum überlebten gerade dort die Großtiere?

Sie wurden von einem ganz kleinen Tier, dem wichtigsten Naturschützer überhaupt, vor Homo sapiens gerettet: der Tsetsefliege. Die von ihr übertragene „Schlafkrankheit“ ist tödlich für einen Jäger. Schon lange bevor sie ihm den Tod bringt. Reichholf schreibt das nicht, aber ich stelle mir das berühmte „Out of Africa“ jetzt als eine Flucht der nackthäutigen Spezies vor, die Homo sapiens in Windeseile über den ganzen Erdball trug. Im Ohr immer dieses schreckliche „tse, tse, tse“.

Wo bleibt der Wolf? Man kann auch fragen, so Reichholf, wo bleiben Hyänen und Schakale? Der von Reichholf geschulte Leser sieht den Zusammenhang. Das sind die anderen Verfolger der Großtiere. Es sind auch die Aasfresser. Der Wolf, ein Jäger auch er, reagierte auf das Wenigerwerden seiner Beute. Die einen Wölfe gingen in Gegenden, in denen der Mensch ihnen nicht im Weg stand. Die anderen hängten sich an den Menschen und folgten ihm. Sie stibitzten ihm von seiner Beute, machten sich über das Aas her und – das ist ganz zentral – wehrten andere, die das auch tun wollten, ab. Die menschenähnliche Sozialstruktur der Wölfe half womöglich bei der Symbiose. Ein kleines Rudel Wölfe schloss sich einem kleinen des Homo sapiens an. Die Wölfe schützten ihn dabei nicht nur vor Bären und Löwen, sondern auch vor anderen Wölfen. Den Wölfen ging es besser, je enger sie sich an Menschen hielten und je weniger sie ihnen schadeten.

So wurden aus Wölfen in ein paar Jahrtausenden Hundwölfe und dann Hunde. Sie lernten viel dazu. Nicht zuletzt das Bellen. Wölfe heulen, um über große Entfernungen hinweg einander ihre Anwesenheit zu signalisieren. Auch Hunde können heulen, aber im Wesentlichen verständigen sie sich untereinander und mit uns bellend. Auch die Katze – so Reichholf – habe das Schnurren erst im Umgang mit uns gelernt.

Von den Wölfen, die sich an uns herangemacht haben, die also Hunde wurden, gibt es heute 500 Millionen. Von denen, die Wölfe blieben, gerade mal 200 000. Ein schlauer Schachzug, könnte man im Nachhinein sagen. Es gibt aber, das zeigt uns Reichholf, keine Schachzüge. Nichts geschieht „um zu“. In der Evolution gibt es keinen Zweck. Wenn denn etwas nützlich ist, dann ist es gut. Aber je genauer ein Organismus in seine Umgebung passt, desto abhängiger ist er auch von dem unwahrscheinlichen Fall, dass sich an ihr nichts ändert. Wer Jäger bleiben will, wird schon lange besser eine Mäuse jagende Hauskatze als eine der letzten Zebras erlegenden Löwinnen.

Die Wölfe, die Hunde wurden, wurden es aus der Not heraus. Die Not lehrte sie auch, die Menschen zu beobachten. Sie gerade nicht als Beute zu sehen, sondern als Lieferant. Der nackte Homo sapiens mochte noch so scharf sein auf Wolfsfelle, aber es war klüger, sich ein paar dieser Tiere als Wächter zu halten. Homo sapiens hatte noch nicht seine größten Entdeckungen gemacht: Überproduktion und Konsumgesellschaft. Noch haushaltete er.

Aber so ganz richtig ist das nicht. Die Vernichtung der Großtiere, wenn sie denn das Werk des Homo sapiens war, war eine unfassbare Überproduktion von Tönniesschen Ausmaßen. Aus ihr entstand eine neue Spezies: der Hund. Ohne den der Mensch mit den Massen seiner Abfallproduktion nicht fertig geworden wäre.

Mir fällt, verehrter Josef Helmut Reichholf, verzeihen Sie mir bitte, an dieser Stelle ganz unpassender Weise Mario Adorf in „Kir Royal“ ein: „Ich scheiße dich so etwas von zu mit meinem Geld, dass du keine ruhige Minute mehr haben wirst.“

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