1. Startseite
  2. Kultur
  3. Gesellschaft

Richtig in die Gänge kommen

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Nicola Förg

Kommentare

Eine Radfahrerin vor Bergkulisse..
„Mit dem Rad hoch hinaus.“ © Nicola Förg

Wer mit vollem Saft auf Berge radelt, wird oft angefeindet. Dabei ist E-Mountainbiken gar nicht so leicht - wie Bestseller-Autorin Nicola Förg bei einem Fahrtechnikkurs lernt.

Sie ist eine der beliebtesten unter den klassischen Mountainbiketouren in Bayern, sozusagen die Mutter aller Routen: Hinauf zur Kenzenhütte in den Ammergauer Alpen. Eine wunderbares Schutzhaus auf knapp 1300 Metern, zwölf Kilometer sind es vom Ausgangspunkt im Halblechtal, wo man lange an den Gestaden des Halblechs radelt, es aber auch steile Rampen gibt. Traumblicke auf den Geiselstein inklusive und am Wankerfleck die Kapelle, die von alpenländischer Frömmigkeit zeugt, man bittet um die Gunst des Himmels, dass das Almvieh den Sommer gut überstehen mag und das Wetter gnädig bleibe. Hinterm Wankerfleck in einer orchestralen Landschaft kommen die letzten steilen Kurven zur Hütte, früher stiegen so einige ab und schoben.

Heute geben sie Saft, die Akkus surren im Turbo-Modus, rauf kommen sie alle, aber nicht mehr runter! Es zählt nicht mehr die Luft bergauf, schier jeder und jede kann das Weißbier ohne Schnappatmung lächelnd ordern, die Tücke liegt im steilen Rückweg. Das bekommen die Leute von der Bergwacht, die ihre Hütte einige Höhenmeter tiefer haben, an schönen Wochenenden zu spüren. Es geht nicht um jene Fahrer:innen der um die 50-Generation und darüber, die immer schon zu Berge fuhren – und nun eben auf ein E-Bike umgestiegen sind. Diese Menschen können biken, haben die nötige Fahrtechnik.

Aber es streben Leute hoch hinaus, die das sonst nie getan haben. Ihnen fehlt es an Können – und oft auch an der Ausstattung der Bikes: Wenn nicht alle Komponenten, vor allem aber Rahmen und Bremsen, für eine holperige Fahrt auf einem Bergweg ausgerichtet sind. Da versuchen sich Menschen mit Discounter-Tiefeinsteigern an der Talfahrt, haben keine Scheibenbremsen und riskieren mit solchen Gefährten Hals- und Beinbruch. Gefährden sich, andere und binden die Bergwacht und den Helikopter – mit einem hausgemachten Problem.

„Mountainbiken ist Bremsen und Position.“
„Mountainbiken ist Bremsen und Position.“ © Nicola Förg

Und selbst wenn es ein hochwertiges Rad ist, muss man es beherrschen lernen, seine Features kennen und auch nutzen. Dafür gibt es Kurse und nein, die Einweisung beim Händler – sofern es eine solche gibt – reicht niemals aus. Eine Erfahrung, die Martina aus München gemacht hat. Sie ist nach einer Knie-OP vom normalen Mountainbike (MTB) auf das E-Bike umgestiegen und spürt, dass sie die Möglichkeiten ihres Radls nicht ausschöpfen kann. Und sie hat Angst zu bremsen von der Kenzen talwärts.

Bremsangst und Sicherheitscheck

Da hilft ein Kurs von Profis, findet Martina. Ortstermin in Eschach im Allgäu. Noch steht die Sonne tief an diesem Samstagmorgen, ein paar Jungviecher (im Allgäu „Schumpa“) äugen herüber. Aber sie kennen das schon, weil in ihrer Nachbarschaft der neue Panorama-Bikepark Buchenberg liegt. Maßgebend in der Planung und Gestaltung: Reiseveranstalter und Bikeschule „TrailXperience“ aus Lenggries. Im Team sind Bikeprofis, denen ein sicherer Umgang mit MTBs und E-MTBs am Herzen liegt. Expertin Corinna kommt angeradelt und sechs Menschen beäugen sie etwas unsicher, so als würden sie sich plötzlich die Frage stellen, warum sie hier sind. Radlfahren kann doch jeder, oder? Die Motivationen sind unterschiedlich: Martina hat Bremsangst, Peter, Stephan und Maren sind Urlauber aus Frankfurt, fahren zu Hause fast nur auf Teer und haben Respekt vor Schotter. Lutz kommt vom Rennradfahren.

Die erste Lektion ist ein Sicherheitscheck. „Es gibt fünf sicherheitsrelevante Features, die ihr auch zu Hause vor jeder Fahrt checken solltet“, weiß Corinna und stellt bei Lutz gleich mal fest, dass die Griffe nicht fest sind, was die Gefahr des Abrutschens in sich birgt. Dann geht es darum, jeweils die Vorder- und Hinterbremse getrennt zu betätigen und das Rad auf einem Reifen „steigen“ zu lassen. Corinna kontrolliert den Luftdruck, Peter hat einen bockharten Reifen, damit ist im Trail schnell Ende im Gelände, weil ein zu harter Reifen nicht richtig greifen kann. Auch einige Federgabeln werden optimiert. „Der Gummiring an der Gabel sollte in etwa ein Drittel nach oben wandern, wenn ihr euch jetzt mit vollem Gewicht draufstützt“, sagt Corinna. „Was für ein Ringerl?“ Martina hat das noch nie gesehen.

Wer geglaubt hat, E-Biken ist eine sitzende Tätigkeit, der irrt

Allein diese Beschäftigung mit dem eigenen Rad, ist neu. Neu ist auch, dass Corinna den Klickpedalen, bei denen der Schuh fest mit der Trittfläche verbunden ist, sofort eine Absage erteilt. Wer welche hat, muss sie abgeben und bekommt Flatpedals aufgeschraubt. „Wir müssen beim Mountainbiken vor allem aus dem Sprunggelenk arbeiten und da tust du dich mit Flatpedals um ein Vielfaches leichter – und der Moment des Ein- und vor allem Ausklickens entfällt“, erläutert Corinna. „Mountainbiken ist Bremsen und Position“, sagt sie und genau an letzterer will sie nun arbeiten.

„Wir müssen vor allem aus dem Sprunggelenk arbeiten.“
„Wir müssen vor allem aus dem Sprunggelenk arbeiten.“ © Nicola Förg

Und für die meisten ist das eine Offenbarung: Wer geglaubt hat, E-Biken ist eine sitzende Tätigkeit, der irrt. Im rauen Gelände, über Hindernisse und bei jeder Bergabfahrt steht man. Und es gibt sicher jede Menge unnötiger Gimmicks am Bike, unverzichtbar ist aber eine absenkbare Sattelstütze, die einen nahtlosen Wechsel vom Anstieg zur Abfahrt ermöglicht. Der Remote-Hebel sollte intuitiv zu bedienen sein, ohne bleibt der Spaß weitgehend auf der Strecke.

Die Zeigefinger gehören generell immer leicht an die Bremse

Mit abgesenktem Sattel geht es nun ans Eingemachte: „Es gibt die neutrale, entspannte Position zentral über dem Tretlager. Aus dieser heraus gehst du tiefer, je schwieriger, rumpeliger oder steiler das Gelände wird, und dabei schiebt sich die Hüfte automatisch nach hinten“, erklärt Corinna und demonstriert das über eine Wellenbahn und simulierte Wurzeln. „Wir nennen dies Aktivieren der Position.“ Sieht einfach aus. Martina eiert mehr über die Wellenbahn, flüssig ist anders, die Arme sind viel zu durchgestreckt, die Ellenbogen sollen – locker gebeugt – deutlich sichtbar nach außen zeigen. „Die Flügel müssen raus“, lacht Corinna. Sie hat ein Tablet gezückt und bewegte Bilder sind unbestechlich. „Siehst du, dass du mit dem Arsch nach hinten hängst? Du sollst aber lediglich die Hüfte verschieben!“ Sieht Martina – leider!

Corinna setzt bunte Hütchen ein, man übt Bremsmanöver, die Gruppe soll lernen, den Bremsweg einzuschätzen. Die Zeigefinger gehören generell immer leicht an die Bremse. Ein Tag fliegt nur so dahin, eine Einkehr auf der Gletscheralp bei einer verdienten Brotzeit ist ein Muss. Die Räder liegen im Gras vor dem gewaltigen Bergpanorama. Der Tag senkt sich, der Kopf hat viel zu verarbeiten.

Ganz ohne Motor zu fahren, ist Unsinn

Der neue Tag bringt ein neues Spiel: das Gelernte nun auf den Wegen und Stegen in Eschach umsetzen. Corinna ist hellwach und gut drauf: „Guten Morgen, wir müssen erst mal eine gemeinsame Sprache finden!“ Denn je nach Modell und Motor sind die Unterstützungsstufen, die den Saft dosieren, ganz unterschiedlich: Beim einen Motor gibt es „Eco“, „Tour“, „Sport“ und „Turbo“, beim anderen dagegen zum Beispiel „Eco“, „Standard“ und „High“. Corinna erarbeitet als gemeinsame Sprache „Eco“, „Medium“ und „High“, damit alle in etwa dieselbe Unterstützungsstufe wählen können. Und los geht es einen steilen Feldweg hinauf: Eco schalten, und dann die Gänge betätigen, das wird selbst im kleinsten Gang ganz schön mühsam. Oder andersrum: Auf der Ebene führt die höchste Unterstützungsstufe zu unnötig hoher Trittfrequenz. Was Corinna beweisen will: Das E-Bike bringt nur dann etwas, wenn man die Gänge und auch die Unterstützungsstufen intelligent kombiniert.

„Keine Schummelmaschine für Faulpelze.“
„Keine Schummelmaschine für Faulpelze.“ © Nicola Förg

Das ist vor allem für Martina eine Offenbarung, die zugibt, dass sie meist einen mittleren Gang wählt und nur die Unterstützungsstufen ändert. Peter hingegen fährt alles auf Eco, weil er ja Sportler sei. „Das ist ein Kapitalfehler“, meint Corinna. „Auch ganz ohne Motor zu fahren, ist Unsinn. Ein E-Bike ist schwer, hat wenig Gänge, dann kaufe ich besser ein unmotorisiertes Rad. Das ist einfach eine ganz andere Sportart.“

Bergauf kann man bremsen. Uphill Flow nennen das die Profis

Corinna biegt in einen Weg ein, der mal grobschottrig ist, dann eher feinkiesig. Es geht in raschem Wechsel bergauf und bergab. Das Terrain ändert sich stetig, die Konzentration treibt angestrengte Stirnfalten unter die Helme. Stopp auf einer Lichtung, Corinna fragt nach den Erfahrungen und Peter, der nun doch ein Freund des „High Modus“ wurde, hat ein Problem. „Manchmal schiebt das Rad richtig an, im Steilen fühle ich mich da unsicher.“ Darauf hat Corinna gewartet, und sie hat noch eine Offenbarung im Gepäck: Bergauf kann man bremsen und es ist ein Lernprozess, mit der Bremse die Leistung des Motors situationsangepasst zu regulieren, um mit noch mehr Traktion bergauf zu fahren. Uphill Flow nennen das die Profis, alles ist im Fluss – auch der Schweiß. Das hier ist definitiv Sport! Martina hat sich anderntags sofort Flat Pedals gekauft und achtet auf die Flügel…

So gerüstet kann ihre nächste Tour zur Kenzenhütte nur ein Erfolg werden, aber oben ist da so ein Stänkerer. Er grantelt in Richtung der E-Bikerin. „Faules Pack. Ihr habt’s nix in unsere Berg zum suchen.“ Nun ja, soeben fährt der Kenzenbus vor, der Menschen aus dem Tal per Kleinbus transportiert, meist Wanderer, die sich so diese erste Etappe ersparen. Die stänkert der Biker aber nicht an – und diese ganze Wer-gehört-auf-die-Berge-Diskussion ist allemal müßig, denn dann müssten Lifte und Bahnen natürlich auch verboten werden.

Mit Saft geht es leichter, aber nicht mühelos

Er grummelt weiter, auch dass „die Dinger 45 gehen.“ Was so nicht stimmt: Während sich in der Anfangszeit viele Unternehmen und Fachleute für den Gebrauch des (eigentlich richtigen) Begriffs „Pedelec“ eingesetzt haben, hat sich heute im allgemeinen Sprachgebrauch, der auch international übliche Ausdruck E-Bike für alle Arten von Elektrorädern eingebürgert. Früher waren Pedelecs jene, die eine Unterstützung beim Treten bis maximal 25 Kilometer pro Stunde (plus Toleranz) und eine Nenndauerleistung des Motors von 250 Watt haben. Sie sind also Fahrräder! Ein E-Bike hingegen war jenes, das bis 45 Kilometer pro Stunde unterstützt, man braucht dazu einen Führerscheinklasse AM oder einen PKW-Führerschein Klasse B. Eine Haftpflichtversicherung inklusive Kennzeichen ist nötig, und diese Räder dürfen Radwege weder innerorts noch außerorts befahren. Auch eine Freigabe für Mofas reicht nicht aus.

Bestseller-Autorin Nicola Förg fährt seit ihrer Studienzeit Mountainbike, vor vier Jahren ist sie nach einem Radunfall aufs E-Bike umgestiegen. „Ich konnte nach eineinhalb Jahren kaum laufen, aber radeln. Es gab mir die Freiheit zurück.“
Bestseller-Autorin Nicola Förg fährt seit ihrer Studienzeit Mountainbike, vor vier Jahren ist sie nach einem Radunfall aufs E-Bike umgestiegen. „Ich konnte nach eineinhalb Jahren kaum laufen, aber radeln. Es gab mir die Freiheit zurück.“ © Florian Deventer

Wer aber ein Pedelec oder ein E-Bike 25 fährt, der fährt Fahrrad und keine Schummelmaschine für Faulpelze! Und wenn man dann mal wieder irgendwo liest, dass sich „selbst steilste Anstiege für jedermann mühelos bezwingen lassen“, trifft das nicht zu und ist schlicht gefährlich, weil es falsche Zeichen setzt. Mit Saft geht es leichter, aber nicht mühelos! Das weiß auch Corinna: „Mir läge daran, den Leuten zuzurufen: Weniger Dogma, mehr Probefahren und dann Abwägen. Es geht doch nicht um normales Mountainbike gegen E-Bike!“ In der Ebene fahren E-Biker:innen auch oft und lange ganz ohne Hilfe, weil sie nämlich schneller als 25 Kilometer pro Stunde sind. Und wenn die Strecke dann kontinuierlich sanft ansteigt und man die unterste Stufe zuschaltet, wird man dennoch einen gleichmäßigen Tritt benötigen, und das macht nicht bloß Laune, sondern ist auch noch gesund. Sportliches Radfahren sollte nämlich bewirken, dass man ein bisschen außer Atem ist, aber nie in Sauerstoffnot kommt. „Aerobes Ausdauertraining“, heißt das Zauberwort. Eine Regel lautet: Die maximale Pulsfrequenz sollte 180 minus Lebensalter betragen.

Der Grantler hat angesichts seines Ärgers gerade bestimmt eine deutlich höhere und da erhebt sich ein Urgestein der Region, geht langsam auf sein eigenes E-Bike zu und sagt mit gewaltiger Stimme: „Bursche, der Neid isch was ganz Greißliches!“ (Nicola Förg)

Auch interessant

Kommentare