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Berlin, Karl-Marx-Allee im April 2019. Foto: afp
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Berlin, Karl-Marx-Allee im April 2019.

Architektur

Wer Gentrifizierung sagt, ist dagegen

  • VonRobert Kaltenbrunner
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Buntgemischt oder totsaniert? Einige Anmerkungen zu neueren Entwicklungen in der Stadt.

Es ist ja durchaus bemerkenswert, dass sich das Kunstwort Gentrifizierung im deutschen Sprachraum durchsetzen konnte. Erfunden hat es die britische Soziologin Ruth Glass 1964. Sie be-zeichnete mit dieser Herleitung von „gentry“ – was so viel heißt wie niederer Adel – die aufstrebenden Londoner Stadtteile. Die „Veredlung“ von Quartieren auf Kosten der ärmeren Mieter ist kein neues Phänomen. Neu ist wohl nur die Haltung dazu: Wer Gentrifizierung sagt, ist dagegen.

Die Sache ist verzwickt, denn das, was man verdammt, sind die negativen Folgen einer positiven Entwicklung. Kaum jemand hat etwas dagegen, wenn in einem heruntergekommenen Quartier – zumeist als innenstadtnaher Altbaubestand – wieder eine Infrastruktur entsteht und Wohnungen instandgesetzt werden. Doch solchen Prozessen ist eine wirtschaftliche Asymmetrie inhärent: Während angestammte Mieter und Mieterinnen mehr zahlen müssen, profitieren Eigentümer und Eigentümerinnen unmittelbar, auch ohne selbst in den Aufschwung investieren zu müssen. Lange hielt man das für ein bloß amerikanisches, durch schrankenloses Wirken der Marktkräfte bestimmtes Phänomen, das im europäischen, zumal deutschsprachigen Raum nicht anzutreffen sei.

Die vielfache Sozialbindung des Eigentums stehe dem entgegen. Seit längerem aber sind Tendenzen der Gentrifizierung in allen hiesigen Großstädten unübersehbar.

Sie hat viele Agenten und Agentinnen, und der Latte macchiato ist nur einer davon. Am Anfang steht ein eher heruntergekommenes Viertel. Vielleicht ist es ein ein wenig in die Jahre gekommenes bürgerliches Viertel, vielleicht war es noch nie richtig schick, sondern eher Wohnort für das Kleinbürgertum und für Arbeiterschichten, es leben dort auch viele Alte, überdurchschnittlich viele Migranten, Migrantinnen und Arbeitslose.

Fast immer weist es viele Altbauquartiere auf und eine gewachsene, aber etwas vernachlässigte Struktur: viele kleine Läden, wenige Gaststätten, wenig, was für Touristen und Touristinnen attraktiv ist. Darum sind die Mieten günstig. Weil das so ist, kommen Studenten, Künstlerinnen und mit ihnen die ersten Kreativbranchen. Sie sind die Pioniere und Pionierinnen des Prozesses, machen das Land urbar. Sie eröffnen Galerien, Szenekneipen und Underground-Party-Locations. Dadurch wird das Viertel zunächst symbolisch aufgewertet, es gilt erst als Geheimtipp, dann als angesagt. Allmählich steigen die Mieten an, die Struktur der Geschäfte wandelt sich, das Viertel wird attraktiver, gilt als jung und szenig. Dann kommen die Investoren und Investorinnen. Sie sanieren die Gebäude nicht mehr – wie die zuvor Zugezogenen –, weil sie selber dort wohnen und arbeiten wollen, sondern weil sie in den Häusern Renditeobjekte sehen. Sie peppen das Viertel weiter auf, indem sie Wohnungen entmieten, mit Fußbodenheizungen und Marmorbädern ausstatten, neu stückeln und als Anlageobjekt zu Höchstpreisen an Kunden und Kundinnen in Madrid oder Moskau verkaufen. Sichtbar wird die damit einhergehende Verdrängung nur allmählich: Peu-à-peu verlassen Unterschicht, Handwerk und Kleingewerbe die Gegend. Und die Übriggebliebenen halten eher still.

Der urbane Strukturwandel ist damit aber nur zum ersten Teil zum Abschluss gekommen. Es folgt die zweite Phase: Die Künstler und Künstlerinnen weichen den Möchtegernkünstlern und Möchtegernkünstlerinnen. Die Geschäftsmieten werden so teuer, dass Avantgarde und Szene es sich nicht mehr leisten können und wollen. In die frisch ausgeräumten Läden ziehen hippe Stores, lokale Modelabels oder vegane Cafés, und auf einmal sieht es im Viertel so aus wie in allen anderen sogenannten Szenevierteln, die alles sind, nur nicht szenig. Die Restaurants werden noch exquisiter, Designergeschäfte prägen das Straßenbild. Nur noch einzelne Einheimische haben es geschafft zu bleiben. Der vielgerühmte Prenzlauer Berg zum Beispiel ist längst das langweiligste Viertel in Berlin geworden – von Wilmersdorf vielleicht einmal abgesehen.

Als mahnendes Beispiel in München könnte man den – wie es umgangssprachlich treffend genannt wird: totsanierten – Gärtnerplatz sehen: Dort habe der massenhafte Einfall der Gastro-Schickeria die Straße fast komplett von der Nachbarschaft abgekoppelt. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund gehen viele Stadtforscher und Stadtforscherinnen davon aus, dass in zehn Jahren kaum mehr über schicke Viertel diskutiert wird, weil die Städte dann wesentlich gravierendere Probleme haben werden: die Zusammenballung der Gentrifizierungsverlierer und -verliererinnen am Stadtrand.

Der Dokumentarfilm „Die Stadt als Beute“ will genau diesen Prozess illustrieren. Vier Jahre lang, von 2010 bis 2014, hat Andreas Wilcke einen Kampf um Berlin dokumentiert, dessen Ausgang allen Beteiligten klar zu sein scheint. Zwischen seine Gespräche hat er immer wieder wortlose Sequenzen von Bauaktivitäten eingeschnitten: Abrisse, Ausschachtungen, Ausbauten. Und Bilder der entstehenden neuen Wohngebäude: Reihenhäuser und das, wofür der Marketingeuphemismus der Immobilienbranche in jüngerer Zeit die Bezeichnung „Stadtvillen“ geprägt hat, als Gipfel der architektonischen Einfallslosigkeit und terminologischen Dreistigkeit. Auch durch Aufnahmen aalglatter Makler von enervierender professioneller Dauerfröhlichkeit bei Verkaufsanbahnungsgesprächen ergibt sich im Film ein Eindruck vom Geschehen auf dem Berliner Immobilienmarkt, den nur „schön“ nennen könnte, wer Augen und Ohren fest verschlösse.

Zur Wahrheit gehört freilich auch, dass das Verhindern von Wohnungsneubau wiederum die Gentrifizierung befeuert. Davon kann gerade die Stadt Berlin ein Lied singen: Während etwa in München oder in Freiburg jeder Quadratzentimeter der Innenstadt immer wieder daraufhin ab-geklopft werde, ob da nicht doch Wohnungen gebaut werden könnten, kämpfe – so der Journalist Max Thomas Mehr – „das grün-rote Milieu in Berlins gefragten Innenstadtbezirken um jede Pappel und gegen jede Verdichtung. Ob es um die Randbebauung des Tempelhofer Feldes geht, ob um eine Brache am Kleistpark oder eine Kleingartenkolonie in Wilmersdorf – beste City-Lage! – es finden sich immer Bürgerinitiativen gegen die Bebauung mit Wohnungen. Und manchmal wird daraus ein Volksentscheid.“ So dreht sich die Spirale der Verdrängung immer weiter.

Folgerichtig gelten manchen Stadtforschern und Stadtforscherinnen die Aktivisten und Aktivistinnen wider die Gentrifizierung zugleich als Modernisierer und Modernisiererinnen sowie als Modernisierungsgegner und Modernisierungsgegnerinnen. Sie seien Täter und Täterinnen, die sich als Opfer gerieren. Ihre Angst vor dem Verlust des Bestehenden, ihr Pochen auf narrativ überlieferte Stadtteilkultur sei zutiefst provinziell und lokalistisch. Und mehr noch: Wer sich gegen jede Art von Veränderung und Fortentwicklung sträube, der werde auch blind für mögliche Chancen und Alternativen, für bislang nur selten erprobte Formen der Einmischung, die eine emanzipatorische Perspektive eröffnen könnten.

Vertrackt ist das Thema ja insbesondere, weil es irgendwie mit so mancher Lebenslüge unserer Gesellschaft verbandelt ist. Vor Jahrzehnten schon wurde das Aussterben des Tante-Emma-Ladens beklagt. Betrauert von den vielen, die dennoch lieber in die großen Supermärkte strömten und mittlerweile womöglich aufs Internet umgestiegen sind. Drogerieketten kamen und verschwanden, und auch Discounter sind nicht für die Ewigkeit gebaut. Wer seinen Kiosk oder Späti liebt, darf sich den Sixpack nicht an die Haustür liefern lassen. Wer Cafés mag, muss seinen Kaffee nicht in Pappbechern forttragen. Wer Schreiner schätzt, sollte seine Möbel nicht nach weltweit lesbaren Piktogrammen zusammenschrauben. Und so weiter. Es ist verdammt schwer, das Alte, Vertraute, Geschätzte zu bewahren. Es gelingt, wenn überhaupt, auch nur in Maßen. Aber es liegt immer auch an uns selbst.

Was allerdings nichts daran ändert, dass die Prozesse der Gentrifizierung einen eisernen Kern aufweisen, an dem man sich reiben muss, bis die Funken fliegen, weil nur so – irgendwann – eine gesellschaftliche Übereinkunft getroffen werden kann.

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