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Wer baute die Stadt auf? Und wer zerstörte sie?

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Von: Arno Widmann

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Tschernihiw, Ukraine: Blick auf ein zerstörtes Wohngebiet nach russischen Angriffen.
Tschernihiw, Ukraine: Blick auf ein zerstörtes Wohngebiet nach russischen Angriffen. © dpa

Bertolt Brechts lesender Arbeiter und die Trugschlüsse und Traumata des Krieges.

Bertolt Brecht schrieb 1935 im Exil im dänischen Svendborg das Gedicht „Fragen eines lesenden Arbeiters“. Es beginnt mit den immer wieder zitierten Zeilen: „Wer baute das siebentorige Theben?/ In den Büchern stehen die Namen von Königen./ Haben die Könige die Felsbrocken herbei geschleppt?/ Und das mehrmals zerstörte Babylon/ Wer baute es so viele Male auf? In welchen Häusern/ Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute?“

Blickt man auf die Arbeiter und ihr Leben, werden gerechtere Weltgeschichten geschrieben, denken Leserinnen und Leser. Ihnen fällt heute allerdings auch auf, dass Frauen in diesen „Fragen eines lesenden Arbeiters“ nicht vorkommen. Gerechtigkeit ist nicht einfach. Auch sie hat eine Geschichte. Dazu gehört zum Beispiel auch das Wissen darum, dass Babylon nicht nur immer wieder aufgebaut wurde von den Bauleuten – es waren auch sie und nicht nur die „Könige“, die es immer wieder zerstörten. Brechts Gedicht erschien erstmals 1936 in Moskau in der deutschen Exilzeitschrift „Das Wort“.

Der jüngste Krieg gegen die Ukraine wird gerne „Putins Krieg“ genannt. Sollte der „lesende Arbeiter“ nicht auch in diesem Falle einwenden: Putin überfiel nicht die Ukraine. Das taten Zehntausende Soldaten, lesende Arbeiter wie ich. Sie taten noch mehr. Sie vergewaltigten, sie folterten und massakrierten. Falsches Tempus! Sie tun es, während Sie diese Zeilen lesen.

Ohne Putin gäbe es diesen Krieg wohl nicht. Aber ebenso undenkbar ist er ohne seine Soldaten. Sie erst machen aus einer Kriegserklärung, einem Kriegsbefehl einen Krieg. Putin verzichtete bei seinem Angriff auf beides, und seine ersten Truppen wussten nicht einmal, dass sie in einen Krieg geschickt wurden.

Sehr schnell aber werden aus ganz normalen Menschen Soldaten. Die Gefahr getötet zu werden, verändert einen ebenso wie das Töten. Töten zu dürfen, verändert den Menschen, auch dann, wenn er es als Zwang empfindet. Kriegsverbrechen gehören zum Krieg dazu. Einen sauberen Krieg gibt es nicht. Eine Nation, die ständig Krieg führt, ist eine kranke Nation. Man sah das lange nicht, weil es kaum Nationen gab, die über längere Zeiträume im Frieden lebten. Es fehlte die Möglichkeit zum Vergleich.

Ich wurde 1946 in Frankfurt geboren. Mein Spielplatz waren die Ruinen an der Bockenheimer Landstraße. Ich interessierte mich für Geschichte, und so wartete ich auf den nächsten Krieg. Er kam. Fast überall auf der Welt wurden dauernd Kriege geführt. Der aus dem Indochinakrieg hervorgegangene Vietnamkrieg, der wieder zum Indochinakrieg wurde, war der Leben und Denken durchziehende Grundakkord mehrerer Generationen. Wir sind geprägt vom Krieg. Allerdings hatten wir die Wahl, „Frieden für Vietnam“ oder „Waffen für den Vietcong“ zu rufen. Ich tat letzteres.

Aber zur Erfahrung meiner Generation gehört auch: Zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg lagen in Deutschland kaum mehr als 20 Jahre. 20 Jahre mit Aufständen und Bürgerkrieg, mit Inflation und Massenarbeitslosigkeit. Fast nichts dergleichen in BRD und DDR. Als ich 30 Jahre alt wurde, fragte ich mich: Einen Dreißigjährigen Krieg hatte es in Europa mehrfach gegeben – aber gab es auf diesem Kontinent je einen dreißigjährigen Frieden? Als ich mich an den Gedanken zu gewöhnen begann, dass hinter der nächsten Ecke nicht der nächste Krieg lauerte, folgten 1979 der Nato-Doppelbeschluss und der Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan. Dann jedoch, 1985, kam Gorbatschow …

Kriege wurden weiter geführt. Aber ein Krieg in Deutschland schien immer unwahrscheinlicher. Bekannte, die in Vietnam Urlaub machen, erzählen mir wenig von den Verheerungen des Krieges, dafür umso mehr von der Freundlichkeit der Menschen und der Schönheit des Landes. Ich traue ihren Berichten nicht. Ich habe die Bilder der flüchtenden Boatpeople nicht vergessen und kann mir nicht vorstellen, dass ein mehr als ein halbes Jahrhundert dauernder Bürgerkrieg eine heitere Bevölkerung hinterlässt. Aber ich bin nicht hingefahren. Womöglich aus der Furcht, eines Besseren belehrt zu werden.

Ich bin überzeugt davon: Kriege zerstören Städte, Landschaften und Menschen. Die Überlebenden haben Glück gehabt. Glücklich sind sie nicht.

Der Krieg verändert alle. Er verändert auch ihre Rollen. Die Ukrainer wurden überfallen. Sie sind die Opfer. Aber um überleben zu können, müssen sie zu Tätern werden. In einem Krieg kann man kein guter Mensch bleiben. Solange man angegriffen wird, verteidigt man sich. Aber wenn Angreifer fliehen, muss man ihnen nachsetzen, man muss sie vertreiben. Der lesende Arbeiter muss zum mordenden Arbeiter werden. Er muss es werden, wenn er weiterleben möchte. Wenn er möchte, dass die Menschen, die er liebt, weiterleben. Für den Angreifer gilt das nicht. Er kämpft für ein Ideal, für seine Chefs, für den Sold, und auch er kämpft um sein Leben. Der Angreifer ist schlechter motiviert als der Verteidiger. Darum verspricht man ihm Beute. Raub und Vergewaltigung begleiten darum jeden Angriff.

Aber es gilt auch: „Die Lust der Zerstörung ist zugleich eine schaffende Lust“. Das erklärte der russische Anarchist Michail Bakunin 1842. Es ist der letzte Satz seiner Rede „Die Reaktion in Deutschland“. Der Satz ist in einem schrecklichen Sinne wahr. Wer anderes, wer andere zerstört, fühlt sich stark, erfährt sich als mächtig. Wir beobachten das an Kindern, aber auch in unseren Büros. Im Krieg wird diese Erfahrung fortwährend und deutlich brutaler gemacht. Sie wird freilich konterkariert von der Erfahrung, dass der andere einen ebenfalls zerstört. Dann gilt: „Macht kaputt, was euch kaputt macht“.

Zum Schluss ein Zitat aus einem Krieg zwar, aber es geht nicht um die Kriegserfahrung, sondern um die Judenvernichtung. Am 4. Oktober 1943 erklärte der Reichsführer der SS Heinrich Himmler in einer Lagebesprechung: „Von euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte …”

So ganz und gar falsch das klingt, so wahr ist es doch. Nach dem Massenmord wurden die Mörder wieder zu Bauleuten, errichteten ihr Babylon wieder. Die Verbrechensraten waren niedrig. Weit und breit keine Traumata zu sehen. Bei den Tätern.

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