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Digitale Transformation oder Verkehrswende verblassen vor der Wohnungsfrage.

Wohnungsnot

Ware Wohnen oder das wahre Wohnen: Wem gehört die Stadt?

  • vonOliver Herwig
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Welche Herausforderungen ergibt sich aus der aktuellen Wohnraumsituation? Die neue Wohnungsfrage und ihre Theoretiker - Ein kleiner Überblick.

  • In den Städten sind die Menschen von steigenden Mieten bedroht.
  • Investoren und Stadtplaner stehen vor großen Herausforderungen.
  • Neue Formen des Zusammenlebens als Mittel gegen Wohnungsnot.

Der Druck steigt. Wenn selbst Diskussionen zu „lebens- und liebenswerten Stadträumen“ in Grundsatzdiskussionen münden, wie unlängst bei der „polis convention“ geschehen, wirkt das wie ein Alarmzeichen. Stadtplaner wie Investoren diskutieren augenblicklich lieber über die Herausforderungen als über die schönen Seiten der Stadt. Kein Wunder: Klimawandel, Verkehr und vor allem bezahlbare Wohnungen sind drängende Probleme für immer mehr Menschen. Das unterscheidet die Lage von der vor 20 Jahren. Selbst die Mittelklasse fühlt sich heute durch steigende Mieten bedroht.

Wohnungsnot in Deutschland: Die Probleme drängen auf die politische Bühne

Noch etwas kommt hinzu: Probleme lassen sich nicht mehr vertagen oder nach Priorität sortieren und abarbeiten. Sie drängen zugleich auf die politische Bühne. Digitale Transformation oder Verkehrswende verblassen freilich vor der Wohnungsfrage. Und die ganze Republik schaut auf Berlin, das mit seinem Mietpreisdeckel (https://mietendeckel.berlin.de/) gerade als Testfeld neuer alter Konflikte zwischen Wohnungseigentümern und Mietern dient.

Die eigene Wohnung, das selbstverständlichste Gut, ist offenbar gar nicht mehr so selbstverständlich. Soziologen und Politiker, Städtebauer und Psychologen haben daher gleichermaßen diesen Nukleus der Stadtgesellschaft in den Blick genommen. Unter den vielen Büchern zum Thema könnte man etwa Christopher Dells Analyse „Ware: Wohnen!“ herausgreifen. Bereits vor sieben Jahren hatte der improvisierende Jazzer und Stadttheoretiker die mit Wucht wiederkehrende Wohnungsfrage untersucht und mit politischer Ökonomie verknüpft. Seine These: „Akkumulation der Menschen in Städten und Akkumulation des Kapitals in Banken bilden die gesellschaftspolitische Klammer, in deren Horizont sich die Praxis des Wohnens als Schnittstelle zwischen den Menschen und der von ihnen selbst geschaffenen Warenförmigkeit des Stadtraums erweist.“ Mit einem Satz: Wohnen ist Sozialpolitik, kein Reinraum für Marktkräfte.

Das Buch

Ernst Hubeli: Die neue Krise der Städte. Rotpunktverlag. 200 Seiten, 15 Euro.

Hieran schließt der Schweizer Architekt Ernst Hubeli unmittelbar an, der gerade ein ausnehmend provokantes und gut geschriebenes Buch vorgelegt hat: „Die neue Krise der Städte.“ Wie jede gute Streitschrift lässt sich auch diese auf wenige Thesen herunterbrechen. Der Autor nennt sie selbst im ersten Kapitel. Eine der wichtigsten: „Wie ist es möglich, die stadtzerstörende Wucht zunehmend aggressiver Immobilienspekulation abzufedern?“

Wohnungsnot versus Niemandsland der Gewerbegebiete

Hubeli greift Enthüllungen rund um die Paradise Papers auf und schätzt, dass allein 2014 bis 2016 „zwischen einem Drittel und der Hälfte des Immobilienumsatzes von 700 Milliarden Euro als Schwarzgeld oder ‚vorgewaschenes‘ Geld bewegt“ wurde, „steuerfrei und herkunftsunbekannt“. Seine Folgerung: Der Gebrauch beziehungsweise Verbrauch von Boden habe in den letzten Jahrzehnten „eine soziale und ökonomische Krise der Städte ausgelöst und deren Peripherien veröden lassen.“ Damit reiht Hubeli sich nicht etwa ein in den Chor der Stadtkritiker, die das Niemandsland der Gewerbegebiete rein ästhetisch betrachten oder als „Zwischenstadt“ gebrandmarkt haben, ihm geht es um Grundsätzliches: Um die Frage nämlich, welche Stadt wir wollen: als Aktiengesellschaft oder offene Stadtgesellschaft. Keine Frage, auf welcher Seite Hubeli steht.

Der Architekt schreibt vorzüglich: elegant und gewitzt, dabei so wuchtig, dass man manchmal die Lektüre absetzen muss, um die ganze Dimension seiner Streitschrift zu erfassen. „Im Unterschied zum Kapital kann Boden weder akkumuliert noch vernichtet werden“, schreibt er und fordert: „Er ist ein Allgemeingut und seine Privatisierung in sich ein Widerspruch. Ohne eine Sozialisierung des Bodens sind Entwicklungen der Städte nicht zu lenken. Das gilt auch für das Wohnen.“

Wohnungsnot bekämpfen durch neue Formen des Zusammenlebens

Mit „lenken“ meint Hubeli eben das Gegenteil der unsichtbaren Hand des Marktes, er wünscht eine gemeinwohlorientierte Wende, die intransparentem Geschiebe hinter den Kulissen einen Riegel vorschiebt. Denn die Wohnfrage ist eigentlich eine Bodenfrage. Wer sollte die gesteigerten Bodenpreise abschöpfen – und welchen Einfluss hat die Gesellschaft darauf, die schließlich alle Investitionen, die der Steigerung des Bodenwertes dienen, schultert: Straßen und Kitas, Hochschulen und Theater, U-Bahnen und Hochschulen. Solche Überlegungen sind keinesfalls neu. Wer einen Blick etwa in die Bayerische Verfassung Artikel 161 Absatz 2 (https://bayerische-verfassung.de/artikel-151-bis-177/#Art_161) tut, stößt auf einen hochaktuellen Passus: „Unverdiente Gewinne“, also „Steigerungen des Bodenwertes, die ohne besonderen Arbeits- oder Kapitalaufwand des Eigentümers entstehen, sind für die Allgemeinheit nutzbar zu machen.“ Darauf hatte zuletzt Hans-Jochen Vogel hingewiesen. Sein Buch von 2019 – „Mehr Gerechtigkeit!“ – sollte sein Vermächtnis werden.

Hubeli wiederum gelingt es, aus der Ware Wohnen das wahre Wohnen herauszuarbeiten und einige Alternativen zu gleichförmigem Einerlei anzubieten: Hybride und informelle Häuser und Formen des Zusammenlebens. Das neue Wohnen setzt beim Boden an, der bekanntlich nicht vermehrbar ist. Das ist kein Aufruf zur Revolution, sondern der Versuch eines Neustarts, der bewusst viele verschiedene Wege geht. Und das ist gut, denn Städte müssen auf engstem Raum aushalten, was die Gesellschaft als Ganzes ausmacht: ihre Wünsche und Spannungen, Egoismen und Konflikte. Good Governance ist gefragter denn je: Was hier (einvernehmlich) ausgehandelt wird, hat schließlich Bestand über Jahre. Dieser Bestand nennt sich Immobilie.

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