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Ukraine-Krieg: Weit und breit keine Amazonen

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Von: Arno Widmann

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Ein Bild, wie man es derzeit eher selten sieht: Grundkampftraining für Zivilistinnen und Zivilisten in Mariupol.
Ein Bild, wie man es derzeit eher selten sieht: Grundkampftraining für Zivilistinnen und Zivilisten in Mariupol. © dpa

Ein Blick auf die Bilder vom Ukraine-Krieg, der auch unsere Wahrnehmung der Geschlechterverhältnisse verändern wird.

Frankfurt am Main - Unser Weltbild setzt sich zusammen aus dem, was wir sehen und was wir denken. Die Bilder widersprechen einander und auch die Gedanken gehen nicht immer in dieselbe Richtung. Dazu kommt: Die Gedanken widersprechen den Bildern. Wenn wir dann noch berücksichtigen, dass die Bilder nicht die Realität sind, merken wir, wie schwer es uns fällt, uns zurechtzufinden in der Welt.

In einem unserer virtuellen Meetings kam es zu folgendem Wortwechsel: „Ich weiß doch selbst nicht, wer ich bin“, sagte Friedrich. „Da kann ich Dir helfen“, beruhigte ihn Helmut, „Du bist der Friedrich und hast uns gerade erklärt, dass wir die Welt nicht verstehen können, schon weil wir uns selbst nicht begreifen.“ Friedrich grinste und antwortete Helmut: „Weißt Du, bei dem ,der‘ bin ich mir unsicher. Mal bin ich der, mal bin ich die Friedrich und mal beides. Ich glaube nicht, dass wir uns alle in die Schubladen des Binärcodes stecken lassen. Ich tue das jedenfalls nicht.“ Er hatte die Lacher auf seiner Seite. Das Gespräch – wenn man es denn so nennen möchte – liegt erst ein paar Tage zurück.

Der Krieg in der Ukraine wirft unser Weltbild durcheinander

Es fand also schon während des Ukrainekrieges statt. Der wirft gerade unser Weltbild durcheinander. Krieg wird wieder einmal sichtbar als die „bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“. Die Vernichtung scheint die einzig mögliche Lösung. Am 24. Februar 2022, Putins Truppen hatten gerade die Ukraine angegriffen, erklärte Außenministerin Annalena Baerbock: „Wir sind heute in einer anderen Welt aufgewacht.“ Nun, zum Aufwachen, was Wladimir Putins territoriale Machtträume angeht, hatte es schon früher an Gelegenheiten nicht gemangelt. Aber ist es nicht schrecklich, dass ausgerechnet der erste Außenminister der Grünen Deutschland wieder in einen Krieg führen musste und dass es jetzt wieder eine grüne Außenministerin ist, deren Tagesordnung von einem Krieg beherrscht wird. „Nie wieder Krieg“ war eine zentrale Parole der Friedensbewegung, aus der die Grünen schließlich auch hervorgegangen sind.

Inzwischen wird unser Alltag vom Krieg bestimmt. Nicht nur, weil alles teurer wird. Wir fangen an zu zögern, die Nachrichten einzuschalten. Wir mögen sie nicht mehr sehen, die zerstörten Städte, die fliehenden Menschen. Selbst wer Selenskyj bewundert, fühlt sich unwohl. Wer konfrontiert sich schon gerne mit seiner eigenen Hilflosigkeit.

Krieg ist Kerle-Zeit

Es dauerte eine Weile, bis mir auffiel, dass sich noch ein anderes Unbehagen in meine Gefühle mischte, wenn ich die Nachrichten betrachtete. Die Bilder aus der Ukraine zeigen uns fliehende Frauen und Kinder. Für sie wird über Fluchtwege verhandelt. Die Männer bleiben im Krieg. Eine archaische Arbeitsteilung. Es sind diese Bilder, die in unser Weltbild eindringen. Sie beherrschen die Berichterstattung. Dazu kommt der Präsident der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj. Er trägt meist keine Uniform, sondern tritt im olivgrünen T-Shirt vor die Kamera, als habe er die Uniformjacke ausgezogen, um nicht als oberster Befehlshaber, sondern als Zivilist zur Welt zu sprechen. Das ist klug. Aber es wirkt auch so, als habe er sich kurz aus dem Kampf verabschiedet, um danach sofort wieder zu ihm zurückzukehren. Manchmal wirkt er verschwitzt wie nach einem Handgemenge. Das ist eine Inszenierung. Sie verstärkt den Eindruck: Jetzt ist Krieg. Der ist Männersache. Krieg ist Kerle-Zeit.

Der Binärcode, gegen den Friedrich in unserem virtuellen Meeting seinen Einspruch erhob, beherrscht derzeit alle Nachrichtenkanäle. Unsere Gedanken wehren sich gegen die Vorstellung, der Kampf der in den vergangenen Jahrzehnten gegen die säuberliche Trennung von männlich und weiblich geführt wurde, könne innerhalb weniger Monate zurückgedreht werden. Zumal man sich fragen kann, ob der erneute Überfall Russlands auf die Ukraine nicht zum welthistorischen business as usual gehört, während die Infragestellung der Geschlechterteilung doch viel elementarer in die Definition des Menschlichen eingreift. Aber gerade darum ist sie auch so prekär. Sie erscheint vielen von uns als ein Wohlstandsprodukt, ein Luxusartikel, den zu erreichen der Aufwand sich nicht lohnt. Dabei ist sie eine der größten Befreiungstaten der Menschheitsgeschichte. Sie wird heute nicht zum ersten Mal probiert.

Den Blick auf die Wirklichkeit verändert

Ich erinnere mich an meine Großmutter, die in der Weimarer Republik eine junge Frau war. Sie blickte auf das Geschlechterverhältnis mit ganz anderen Augen als meine Mutter, die im Dritten Reich aufwuchs. Rückschritte sind möglich. Der Krieg selbst ist einer.

Aber diese Art von Krieg, die wir gerade beobachten, produziert Bilder, die unseren Blick auf die Wirklichkeit auch der Geschlechterverhältnisse verändern werden.

Mitte der 70er Jahre - oder war es schon zu Beginn der 70er Jahre? - gab es Gruppen in der Frauenbewegung, die sich in Kampfsportarten übten. Es ging dabei nicht nur darum, fitter zu sein. Es ging auch darum, sich zur Wehr setzen zu können gegen männliche Angriffe. Das Training stärkte auch das Selbstbewusstsein der Frauen. Heute gilt: Jeden Tag gibt es in Deutschland einen polizeilich registrierten Tötungsversuch an einer Frau. Jeden dritten Tag stirbt eine Frau durch die Hand ihres Partners oder Ex-Partners. Die Dunkelziffer vermisster und schwer verletzter Frauen kennt niemand. Geschlechterkampf – es wäre dumm, das nicht auch wörtlich zu nehmen.

Ukraine-Krieg: Müssen Frauen den Männern in allem gleichgestellt werden?

Im Juni 1978 forderte Alice Schwarzer in der Zeitschrift „Emma“ den uneingeschränkten, freiwilligen Zugang von Frauen zur Bundeswehr. Inklusive Dienst an der Waffe. Alice Schwarzer kritisierte „das Berufsverbot für Frauen“. Als Begründung zöge man eine vorgeschützte „Natur der Frau“ heran. Es folgte eine hitzige Debatte. Es ging darin auch um die Frage, ob Frauen in allem Männern gleichgestellt werden müssten, weil sie ihnen in allem gleich seien oder ob es nicht darum ging, Frauen in die Institutionen, in Führungspositionen zu bringen, um diese Institutionen und Positionen zu ändern, sie weiblicher zu machen. Die Auflösung des Binärcodes, von vielen Individuen schon immer gelebt, von Judith Butler 1990 in ihrem Welterfolg „Das Unbehagen der Geschlechter“ theoretisch reflektiert, half auch dabei, diesem Widerspruch zu entkommen.

1981 sah ich im Westberliner Schillerheater „Penthesilea“ (1808) von Heinrich von Kleist. Ein Kriegsdrama über die Amazonenkönigin und ihre Liebe zu Achill. Regie führte 1981 Hans Neuenfels. Die Titelrolle spielte Elisabeth Trissenaar, den Achill Hermann Treusch. Ich habe die Inszenierung vor allem deshalb in Erinnerung, weil Penthesilea Achill physisch überlegen war. Die Kleistsche Konstruktion, sie sei es gewesen, weil Achill sie siegen ließ, erschien unglaubwürdig angesichts der Übermacht der Penthesilea. In meiner Erinnerung war sie sogar größer als er. Jetzt beim Nachschlagen erfahre ich, dass Hermann Treusch zehn Zentimeter größer war als Elisabeth Trissenaar. Im Theater aber fand – jedenfalls in meiner Erinnerung – die physische Ermächtigung der Frau statt. Mit der bekannten mörderischen und selbstmörderischen Konsequenz.

Ukraine-Krieg: Es werden auch keine kämpfenden – tötenden oder getöteten – Männer gezeigt

Leser:innen werden andere Einschnitte in der Entwicklung ihres Blicks auf die Geschlechterverhältnisse nennen. Aber es wird niemanden geben, der die letzten Jahrzehnte erlebt hat, der nicht sieht, welche nicht nur begrifflichen, sondern auch die Gesellschaft umgrabenden Anstrengungen die derzeitige Berichterstattung über den Ukrainekrieg beiseite schiebt.

Es gibt ja nicht nur keine weiblichen Soldaten zu sehen. Es werden auch keine kämpfenden – tötenden oder getöteten – Männer gezeigt. Die Kriegsbilder tun so, als befänden wir uns noch immer im postheroischen Zeitalter. In Wahrheit werden gerade Heroen geschaffen. Mythos heißt Erzählung. In dieser Phase befinden wir uns. Wir warten darauf, wann uns die ersten Bilder der postheroischen Heroen gezeigt werden. Weit und breit keine Amazonen. Nichts als Männer. Selenskyj ist ihr Prophet.

PS: Musste nicht Achill seine Frauenkleider abwerfen, um zum Helden zu werden? (Arno Widmann)

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