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Läuft hier jeder und jede für sich allein?
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Läuft hier jeder und jede für sich allein?

Gesellschaft

Was hält die Gesellschaft noch zusammen?

  • VonOtfried Höffe
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Skepsis herrscht vor, aber tatsächlich erfreuen sich moderne Gemeinschaften eines nicht nur wirtschaftlichen Wohlstands.

Bekanntlich ist die Philosophie aus dem Thaumazein, dem Staunen, geboren. Gemeint ist aber nicht das bewundernde Staunen über die Ordnung und Schönheit der Welt, sondern das skeptische Staunen: dass sich vieles anders als zu erwarten verhält. Dazu gehört in den Diagnosen unserer Gesellschaft die Vorliebe für die Überdramatisierung. Denn Sozialwissenschaftler ziehen die Frage vor, was die Gesellschaft auseinandertreibt, und das Publikum teilt diese Vorliebe.

In der Tat können unsere Gesellschaften über einen Mangel an Herausforderungen nicht klagen. Man denke an den Terrorismus, die Umweltkrise und den Klimawandel, an die Finanzkrise des Jahres 2008 und an die sogenannte Flüchtlingskrise, ferner an die von Covid-19 verursachte Virokratie und die schon seit längerem zunehmende Gewaltbereitschaft.

Trotzdem haben die freiheitlichen Demokratien des Westens, lehrt deren Wirklichkeit, immer noch einen Ausweg aus den Gefahren, und sei es einen Notausgang gefunden oder erfunden. Obwohl die Kräfte der Auflösung also enorm sind, überleben unsere Gesellschaften und erfreuen sich sogar in wirtschaftlicher, wissenschaftlicher, medizinischer und kultureller Hinsicht einer trotz berechtigter Feinkritik bewundernswerten Blüte.

Eine erfahrungsoffene Sozialtheorie stellt sich daher der Gegenfrage zu den heute vorherrschenden Diagnosen: Was hält die Gesellschaften noch zusammen? Immerhin ist seit dem Zweiten Weltkrieg noch keine der modernen Gesellschaften zerbrochen. Ohnehin wäre es naiv, ihren Zusammenhalt als reine Harmonie zu verstehen. Wie die schlichte Lebenserfahrung lehrt, wie ein rascher Blick in die Geschichte bekräftigt und wie sowohl die schöne als auch die wissenschaftliche Literatur bestätigen, herrscht schon in vormodernen Familien, Nachbarschaften und Institutionen nicht eitel Liebe und Freundschaft vor. Wieso sollte man es dann von den modernen Gesellschaften erwarten?

Der Versuch, die Frage zu beantworten, was unsere Gesellschaften noch zusammenhält, erfolgt am besten in drei Schritten. Als Kontrast beginne man mit der Frage, was denn die früheren, vormodernen Gesellschaften zusammengehalten hat. Hier kann man bei der Blutsverwandtschaft anfangen, darf aber die nicht minder wichtige Gemeinsamkeit der Sprache nicht vergessen, ferner Sitte und Recht, häufig die Wertschätzung von Rechtschaffenheit und Gemeinsinn, weiterhin die Religion, nicht zuletzt eine politische Herrschaft „von Gottes Gnaden“.

Zur person:

Otfried Höffe , geboren 1943, ist emeritierter Professor für Philosophie an der Universität Tübingen, wo er die Forschungsstelle für politische Philosophie leitet. Seine Forschungsschwerpunkte sind Aristoteles und Kant sowie Moralphilosophie und Politische Philosophie.

Im April 2020 wurde Höffe Mitglied des „Expertenrats Corona“. Das Gremium aus zwölf renommierten Experten aus unterschiedlichen Disziplinen soll mit der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen Strategien für die Zeit nach der Corona-Krise erarbeiten.

Sein neues Buch „Was hält die Gesellschaft noch zusammen?“ erscheint im November im Kröner Verlag .

Daran schließt sich die Frage an, welche Entwicklungen diese Faktoren nach und nach geschwächt, am Ende sogar weithin zum Verschwinden gebracht haben. Diese Entwicklungen, sie mögen Modernisierungen heißen, beginnen in der Renaissance und dem Humanismus. Sie setzen sich in der Reformation und deren Religionskriegen sowie im Zeitalter der Entdeckungen und Erfindungen fort und werden in der Epoche der Aufklärung und in der Amerikanischen und der Französischen Revolution teils bekräftigt, teils weitergeführt und dauern wegen späterer Entwicklungen bis heute an.

Längst herrschen die daraus hervorgegangenen Eigenarten vor: Säkularisierung, Pluralismus und Kapitalismus sowie eine facettenreiche Globalisierung, neuerdings etwa eine veränderte Demografie, die Digitalisierung mit ihren bekannten Chancen, aber auch Gefahren.

Was also, dritter Überlegungsschritt, hält unsere Gesellschaften noch zusammen? Als Erstes und vermutlich Wichtigstes ist die Legitimation politischer Herrschaft von den Betroffenen her zu nennen, mithin die konstitutionelle Demokratie, die trotz Crouchs populärer Niedergangsdiagnose „Postdemokratie“ zwar nicht ungefährdet ist, sich aber gegen die Populismen immer noch behaupten kann. Auch hat sich, wenn auch erneut nicht ungefährdet, gesellschaftliche Toleranz durchgesetzt, herrscht vielerorts eine interkulturelle Neugier vor und beruft man sich mehrheitlich statt auf fremde Autoritäten auf die allen Menschen gemeinsame Vernunft.

Die Zufriedenheit der Bürger ist vermutlich wegen des doch beachtlichen materiellen, politischen und kulturellen Wohlstands in den letzten Jahrzehnten gewachsen, wenn auch von Rückschlägen nicht frei. Jedenfalls verstehen unsere Gesellschaften ihre moralischen Ressourcen, obwohl sie auf säkulare Weise freiheitlich sind, also im Widerspruch zum so gern zitierten Böckenförde-Dilemma immer wieder zu regenerieren. Hier darf man sich unter anderem auf die starke Zivil- bzw. Bürgergesellschaft berufen mit ihrem teils gesellschaftstragenden Engagement – man denke an die vielen ehrenamtlich Tätigen, vergesse aber auch nicht die Fülle von Vereinen, Verbänden, Clubs und Bürgerforen –, teilweise aber auch staatskritischem Einsatz.

Infolgedessen ist diese Bilanz erlaubt: Alle Gesellschaften sind Institutionen oder Institutionenkomplexe aus Kooperation und Konflikt. Heutige Gesellschaftstheoretiker heben gern, wie erwähnt, jene Faktoren hervor, deretwegen die modernen Gesellschaften auseinanderzudriften, sogar auseinanderzubrechen drohen. Tatsächlich, nimmt der wirklichkeitsoffene Blick wahr, halten sie noch immer zusammen und erfreuen sich dabei eines facettenreichen, keineswegs bloß wirtschaftlichen Wohlstands. Der Inbegriff der Ressourcen für diesen Wohlstand in einem weiten Verständnis, das Humankapital, besteht wegen der Natur des Menschen aus sechs Dimensionen: aus einem materiellen, einem sozialen, einem emotionalen Reichtum oder Kapital, ferner aus einem sprachlichen, wissenschaftlichen und kulturellem, einem rechtlichen und einem politischen Wohlstand beziehungsweise Kapital.

Mit der Wirtschaft verdient nun die Gesellschaft ihren Lebensunterhalt. Einen tieferen Zusammenhalt gewinnt sie jedoch durch die konstitutionelle Demokratie und die Bürgergesellschaft, dabei durch deren Medium, ihre Sprache (im Singular oder Plural), ferner durch das Gesundheits-, das Schul- und Hochschulwesen, durch Natur- und Geisteswissenschaften, Medizin und Technik, durch Musik, Literatur und Kunst. Auf diese vieldimensionale Weise erwirbt sie sich über den materiellen Wohlstand hinaus einen sozialen und kulturellen Reichtum, der mitlaufend zu so etwas wichtigem wie dem emotionalen Wohlstand, der inneren Zufriedenheit einer Gesellschaft, beiträgt.

Schließlich ist auch diese Fähigkeit nicht zu unterschätzen: mit den Nachbarn in Frieden zu leben.

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