Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Die Bilder der Monokultur gleichen sich.
+
Die Bilder der Monokultur gleichen sich.

Natur und Gesellschaft

Waldsterben: Unter allen Wipfeln - ein Rückblick auf Tage in den Wäldern

  • VonReinhart Wustlich
    schließen

Wie sich die Bilder der Mono-Kultur gleichen: Eine ernüchternde Wanderung durch französische, spanische und deutsche Wälder.

Unvergessen das kleine Gehölz, hingekrallt an den Steilhang, sechs Kilometer vor Kap Finisterre. Eine Ansammlung von Myrten, ein Felsenabbruch dahinter, und tief unten: das Meer. Erstes Wäldchen auf der Westspitze des Kontinents, letztes Gehölz vor der Weite des Atlantiks. Vielstämmig aneinandergedrängt, zur Herde vereint, vor Stürmen geneigt, im Winddruck behauptet. Die Kronen, zum Blätterpelz vereint, in Lee gespreizt über den schmalen Pfad, der am Saum Europas entlangführte. An der Costa da Morte nennt man ihn Camino de Faros, Weg der Leuchttürme. Im galicischen Malpica beginnend, eine Tagesetappe westlich von A Coruña. Der Große Weg, der all die regionalen Strecken vereint, kommt von weit her, von der Normandie, den bretonischen Küsten, der Vendée, les Landes, dem Baskenland, Galicien: auch das eine Art Herkunft.

Eine Waldpassage zum Cabo Estaca de Bares, Spaniens nördlichstem Punkt. Dem Kap zwischen offenem Atlantik und rauher Biskaya. Der Weg, unvermutet endend am kleinen Strand der Praia de Vilela. Der Ausblick, der die Partie über anschließende Felsenpassagen begehbar erscheinen ließ: über das Geröll, über seepockenbesetzte Findlinge, die mit Strandpassagen nichts mehr gemein hatten. Über algenbedeckte Rücken hinter dem Felsenabsturz der kleinen Bucht, dann hinauf auf der schrägen Felsenplatte, hinein in den Stangenwald der Eukalyptusbäume. So licht, dass die Adlerfarne mannshoch und höher wuchsen. So dicht, dass die Wedel ineinandergriffen. So eben zu überschauen, der Richtung wegen. Der Blick auf den Waldboden: versperrt. Der eigene Schritt: unsichtbar. Antonio Machado (1973) beschrieb es genau: Wanderer, deine Spuren sind der Weg, und nichts sonst; Wanderer, es gibt keinen Weg, der Weg entsteht beim Gehen.

Unter den Ranken der Farne: eine eigene Etage. Grün und dämmrig. Ohne Pfad, ohne Wildwechsel, ohne Spur. Wie spottete Kathrin Passig? „Wer sich verirrt, entdeckt die Welt.“ Wer sich verirrt, entdeckt den Wald. Vergleichbar dazu die Fichtenplantagen, Fabriken des Holzes hierzulande? Undenkbar.

Das Mikado gekappter Stammreste in einer Mono-Natur.

Der unsichtbare, gerade noch fühlbare - was denn? - Pfad war selbst gewählt. Der Stangenwald, weit genug, dass das Licht zum Boden reichte, weit genug, dass der gefilterte Sonneneinfall und mit ihm die Himmelsrichtung ablesbar blieb. Sah man, wohin man trat? Schlingen versuchten, den Fuß zu fangen, unbemerkte Zweige knackten unter dem Schritt. Mittendrin im Fremden, das ursprünglich das Nahe war: Natur. Der Eukalyptus? Ein Widerspruch.

Erinnerung an die Natur, die in der Stadt nicht heranzukommen vermag. Hier berührte sie, unmittelbar. Vom Fremdsein zum Verbundensein war alles mit allem – verbunden. Bedeutete das nicht: Ökologie? Die Kante von Felsen voraus, Wegsperre. Von weither nicht bemerkbar. Nicht zu erklimmen. Der suchende Blick nach Passagen, die weniger dicht bewachsen schienen. Die Suche nach Sicht. Erleichterung über die Einkerbung, in der ein gestürzter Stamm bergan wies. Brückensteg über den Farn. Der Weg nach oben, nach draußen, durch dünner werdenden Bewuchs. Der Stangenwald, der seine Rinden wie Schlangenhäute abstreifte, Zunder auf dem Boden, gemischt mit Blättern des Eukalyptus, voll ätherischer Öle. Ein Wald, angepflanzt, um dem Klima der Trockenheit der Sommer zu widerstehen, schnell wachsend, zugleich über die Jahre verwildert. Ungemein brandgefährdet.

Auf den Wegen der Herkunft hatte Julien Gracq in „Der große Weg“ (1992) über Les Landes, die bewaldete Region Aquitaniens zwischen Gironde und dem Bassin d’Arcachon, notiert, es sei ein Landstrich „des Rückzugs aus der Geschichte“, „in dem das ländliche Leben leise auftritt und seine Spuren verwischt: Es gleitet filzbeschuht über den Nadelteppich der Erdoberfläche, die es weder aufgräbt noch ankratzt“. Zu endlosen Kiefernwäldern fühlte er sich hingezogen, „zu diesem Saum, der nur locker an Frankreich genäht, man könnte auch sagen, darauf verpflanzt ist wie ein Fetzen Bindegewebe“. Ehemals Heidelandschaft, seit Napoleons (III.) Aufforstungen der größte Wald Europas. Seit den 1980er Jahren – Rückkehr in die Geschichte – Aufbruch der Waldschäden. Mono-Kultur statt Natur. Mono-Natur gibt es nicht, sie ist menschengemacht: Von Zeit zu Zeit „eine lange geradlinige Schneise (…) zu den Dünen; (…) die vor dem helleren Himmel kammförmig ansteigende Silhouette der Kiefern“, vom Dünenkamm aus, Blick auf „die riesigen Brecher“ auf den Strand, der sich über hundert Kilometer hinzieht. „Nur Wald, Strand und Meer.“

Unvergessen der Kiefernwald am Cap de la Chèvre, um das bretonische Dorf Rostudel, der anschließt an die Dünen von Lesteven. Der Pfad hatte dem Wanderer die Beschaffenheiten der Wege nahegebracht. Von tiefsandigen Passagen am Rande der Dünen, die den Schritt mahlend bremsten, über samtige Graswege vor heckenbegleiteten Passagen, in Stieleichenpulks übergehend, mit grünen Dächern über der Spur. In die Dunkelheit hinein flog eine Amsel voraus. Als die Kiefern begannen, wechselte der Untergrund, begleitet von Heidekraut, von tonigen Passagen zu Strecken, die von den langen Nadeln der Kiefern gepolstert waren. Dann Passagen, vom abgestorbenen Farn der Vorjahre bedeckt, einer Art Streu. „Das Vergnügen in den Kiefernwäldern“, schrieb Francis Ponge im August 1940: „Man kommt leicht voran (zwischen den großen Stämmen, die etwas von Bronze und Kautschuk haben). Keine niederen Äste. Kein Durcheinander, weder Lianengewirr noch sonstige Sperren. Setzt man sich, so kann man sich bequem ausstrecken. Ein allgegenwärtiger Teppich. Vereinzelte Felsblöcke als Mobiliar, ein paar sehr kleinwüchsige Blumen. (…) Diese großen violetten Masten, noch mit den Überbleibseln der Flechten und der rissigen, blättrigen Rinden.“

Den Nachmittag über die Begleitung des Kuckucks. Mal vorauseilend, so schien es, mal hinterherrufend. Auf und ab durch wunderbar lichte Kiefern mit Farnen als kniehoch bodendeckender Schicht. Windgeschützt hinter dem Kap, mit traumhaften Ausblicken in die Tiefe: kleine Buchten, grün schimmerndes Wasser, Felsentürme. An gefassten Quellbecken vorbei, in geheimen Taleinschnitten, ehemals Brunnen, Waschplätze, die man erreichte, wand man sich unter niedrigen Baumbrücken hindurch, führte der Pfad. Auf lakonische Weise rhythmisch, Ravels Bolero ähnlich, so die Erinnerung, näherte sich Francis Ponge im „Notizbuch vom Kiefernwald“ (dt. 1982): „Ihre Anordnung bestimmte diese Bäume, bei Lebzeiten Totholz zu schaffen.“

Seit den Aufforstungen durch Napoleon III. der größte Wald Europa. Seit den 1980er Jahren Aufbruch der Waldschäden. Mono-Kultur statt Natur. Mono-Natur gibt es nicht, sie ist menschengemacht.

Reinhard Wustlich

Ihr Standort, erinnerte sich der Wanderer – der von den tiefgepflügten Sandschneisen an Portugals Küste stets auf die Teppiche der Kiefernpassagen gewechselt war -, an Ponges Diktum, sei der Ort, an dem Kiefern dem Totholz in die Höhe zu entwachsen trachteten („Befreit – bis zur halben Höhe hinauf – von ihren Ästen, sowohl durch die eigene Sorge ausschließlich um den grünen Wipfel – um den grünen Kegel an ihrem Wipfel“).

Die Rolle, Totholz zu schaffen, in unseren Landstrichen ist sie, in existentieller Weise, auf die Fichte übergegangen. Wer von den Küsten zurückkehrte, fragte sich, wie, in zwei, drei Jahren der Klimawandel so unübersehbaren Passagen der Fichten, durchweg auf Höhenzügen der Mittelgebirge, „den Saft“ hatte entziehen können. Ging man durch Ausläufer des Westerwalds, des Hunsrücks über dem Rhein, durch Passagen des Taunus, sah man jüngst breitflächig aus der Landschaft gefräste Lichtungen, die in einem Lidschlag der Erdzeit zu Wüstungen geworden waren.

Eben noch die mäandernde Wasserfläche einer Talsperre, deren Bild ungemein an galicische Rías erinnerte, hier vom ergrauten Spitzenbesatz abgestorbener Fichten begleitet. Keine drei Kilometer weiter ein Waldpanorama des Grauens. Ehemals idyllische Wegekurven, jetzt gesäumt von Fichtenpfählen, die, auf ein Drittel der ursprünglichen Baumhöhe gekappt, am Hang geblieben waren, nicht von Stürmen geknickt. Tatsächlich Marterpfähle, umgeben vom Mikado der Stammreste, die mechanisierte Berserker dort geköpft, achtlos im Zufallsmuster zur Seite geschleudert hatten.Kreischende Ästebarrieren, ausgebleichtes Gewirr undefinierter Reste – wie Gebeine eines gestrandeten Leviathans.

Mittendrin in der Lichtung, im Fremden, das ursprünglich das Nahe war: Zerstörung. Die in der Stadt nicht an dich herankommt. Hier berührt sie, unmittelbar. Dahinter Kulissen restlicher Borstenstände lebensschwacher Masten mit Zweigskeletten, bereits ohne Nadeln. Der Mensch, der für diesen Wald Gewähr leistete, er hatte dem Tod der Bäume ein eigenes, empathieloses Chaos aufgepfropft: Nihilismus, bildgebend für andere Zustände der Gesellschaft. Trauer müssen andere tragen.

Auf dem Weg der Herkunft hatte Bertolt Brecht vor langer Zeit in dem Gedicht „An die Nachgeborenen“ (1934-39) festgestellt: „Was sind das für Zeiten, wo/ Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist/ Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!“ In Zeiten, in denen sich Brechts Befürchtungen erneuert haben, legt sich ein zweiter Zyklus über diese Gewissheiten: Was sind das für Zeiten, wo kein Gespräch über Bäume ein Verbrechen ist? (Reinhart Wustlich)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare