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Vorwürfe gegen die Literaturnobelpreisträgerin: Annie Ernaux und die einseitige Seite

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Von: Judith von Sternburg

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Die französische Autorin Annie Ernaux auf einer Pressekonferenz in Paris, nachdem bekannt geworden war, dass sie den Literaturnobelpreis 2022 erhält.
Die französische Autorin Annie Ernaux auf einer Pressekonferenz in Paris, nachdem bekannt geworden war, dass sie den Literaturnobelpreis 2022 erhält. © afp

Unterschriften der Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux unter israelkritischen und massiv antiisraelischen Aufrufen.

Es sind keine Geheimnisse, aber erst die „Jerusalem Post“ hat nach der Literaturnobelpreisvergabe an Annie Ernaux im Netz nachgeschaut und mehrere Unterschriften gefunden, die sie unter israelkritische und massiv antiisraelische Aufrufe gesetzt hat. Einige der Aufrufe gehen unmittelbar von der BDS-Bewegung aus, andere nicht.

2018 unterschrieb Ernaux einen Brief, in dem Frankreich dazu aufgefordert wird, eine französisch-israelische „Kultursaison“ abzublasen. Diese helfe lediglich dem „Apartheids-Staat“ Israel dabei, sein Image aufzupolieren. 2019 fordert sie, den Eurovision Songcontest nicht in Tel Aviv abzuhalten, unter anderem ist auch hier „von offizieller Apartheid“ in Israel die Rede.

„A letter against apartheid“ ist ein Brief überschrieben, in dem 2021 israelische Angriffe auf Palästinensergebiete kritisiert werden, ohne allerdings die Angriffe von palästinensischer Seite zu erwähnen. Israel trete als „kolonisierende Macht“ auf, Palästina werde kolonialisiert. „Das ist kein Konflikt: Das ist Apartheid.“ Ernaux ist hier nicht als „Unterzeichnende“, sondern als „Unterstützerin“ („supported by ...“) aufgelistet, wie übrigens auch die ebenfalls regelmäßig für den Nobelpreis gehandelte Anne Carson oder die Autorin AL Kennedy.

Im selben Jahr unterschrieb Ernaux eine Forderung, den in Frankreich inhaftierten libanesischen Terroristen Georges Abdallah freizulassen. Abdallah habe gegen die „Kolonisierung Palästinas“ gekämpft und in diesem Zuge „Exekutionen“ durchgeführt. Als die Bild-Zeitung, die am Wochenende höchst schwungvoll auf den „Die Schattenseite der Nobelpreisträgerin“-Zug sprang, das „unfassbar“ nannte, erwähnte sie jedoch so wenig wie die „Jerusalem Post“, dass Abdallah seit immerhin 37 Jahren in Haft sitzt. Ausblendungen spielen auf allen Seiten eine Rolle.

Die politische Zeitgenossin

Es ist keine Flut von Ernaux-Unterschriften, gleichwohl ist es eine Enttäuschung. In ihren Büchern – in denen uns nichts darauf vorbereitet hat – ist Ernaux eine scharfsinnige Expertin für die Vagheiten des wirklichen Lebens, ausgeprägt ihr Sensorium für Simplifizierung, freilich auch für Ungerechtigkeiten, mit denen sie außerhalb ihrer Bücher einseitig umgehen mag. Die politische Zeitgenossin, die mit dem linkspopulistischen Politiker Jean-Luc Mélenchon sympathisiert, ist in Deutschland noch kennenzulernen.

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