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Paris, 17. Oktober 1961: Die französische Polizei geht brutal gegen algerische Demonstranten vor, es gibt viele Tote. Hier Festgenommene in einem Polizeibus.
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Paris, 17. Oktober 1961: Die französische Polizei geht brutal gegen algerische Demonstranten vor, es gibt viele Tote. Hier Festgenommene in einem Polizeibus.

1961

Vor sechzig Jahren

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Kalter Krieg und Klassenkampf, Mauerbau und Migration: Bedrohliche Eskalationen, aber auch unterschätzte Anfänge in den konzentrierten Zeitläuften des Jahres 1961.

Der 12. April 1961 ist eines der wichtigsten Daten der Menschheitsgeschichte. Um 10.55 Uhr Moskauer Zeit landete Juri Gagarin nach einer Stunde und 48 Minuten Flugzeit relativ sanft wie geplant mit einem Fallschirm in einem brachen Feld in der Nähe von Saratow. In der Zeit hatte er einmal die Erde umkreist, in einem Abstand von mehr als 100 Kilometern. So weit war noch nie ein Mensch gekommen.

Damals – es war Kalter Krieg – war wichtig: Der erste Astronaut war ein Kosmonaut. Beim Wettlauf ins All hatte die Sowjetunion die Nase vorn. Die USA antworteten am 17. April mit überaus konventionellen Mitteln. John F. Kennedy hatte im Januar den ehemaligen Zweiter-Weltkrieg-General Dwight D. Eisenhower als Präsident der USA abgelöst. Jetzt probten Exilkubaner eine Invasion in der Schweinebucht. Geplant war die Vertreibung Fidel Castros. Das ging gründlich schief. Die kubanische Armee wurde innerhalb weniger Tage fertig mit den 1300 Mann der Invasionstruppen. Für die USA militärisch und politisch ein Debakel.

Noch am 18. April hatte Kennedy in einem Brief an den sowjetischen Regierungschef Nikita Chruschtschow erklärt: „Ich habe es früher schon gesagt und ich wiederhole es jetzt, dass die Vereinigten Staaten nicht die Absicht haben, in Kuba militärisch zu intervenieren.“ Schon Tage später übernahm er in aller Öffentlichkeit die Verantwortung für den Invasionsversuch.

Die Regierung der Sowjetunion strotzte vor Überlegenheit. Das All hatte sie schon erobert, die Erde würde sie auch noch schaffen Der Kalte Krieg blieb ja nicht überall kalt. Er setzte sich zusammen aus Hunderten großen und kleinen heißen Kriegen. Der Vietnamkrieg, der unter Kennedy bald gigantisch angefeuert werden würde, war nur einer von vielen. Im Kongo halfen die USA am 17. Januar dabei, Patrice Lumumba, den ersten Premierminister des freien Kongo, zu ermorden. Der Kampf gegen die Kolonialmächte war überall auf der Welt ein bewaffneter Kampf. Die Sowjetunion stellte sich auf die Seite der Antikolonialisten und kämpfte darum, unter ihnen wenigstens ideologisch die Führung zu haben. Der Algerienkrieg (1954-1962) prägte Westeuropa. Als am 17. Oktober Zehntausende Menschen in Paris gegen den französischen Kolonialismus demonstrierten, erschoss die Polizei mindestens 200 von ihnen.

Am 13. August begann die Regierung der DDR mit dem Bau der Berliner Mauer. Am 15. Juni noch hatte der DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht, Kennedys Erklärung vom 18. April parodierend, erklärt: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“. Die Erklärung war die Antwort auf eine entsprechende Anfrage der Journalistin Annamarie Doherr (1909-1974) von der Frankfurter Rundschau. Eine Journalistenanfrage sollte auch beim Fall der Mauer wieder eine Rolle spielen. Die Bevölkerung der DDR hatte bis zum Mauerbau zur industriellen Reservearmee der BRD gehört. Von September 1949 bis August 1961 waren 2,8 Millionen Menschen aus der Deutschen Demokratischen Republik in die Bundesrepublik Deutschland geflohen. Allein vom 1. bis zum 13. August waren es mehr als 47 000. Am 13. August war Schluss damit. Erst jetzt gab es nur noch die BRD und die DDR und kein Deutschland mehr.

Am 25. Oktober drohte der Kalte Krieg in Berlin zu einem heißen zu werden. Amerikanische und sowjetische Panzer standen einander am Checkpoint Charlie gegenüber, nachdem DDR-Grenzsoldaten Westalliierte daran hinderten, den sowjetischen Sektor zu betreten. Erst am 28. Oktober zogen sich beide Seiten wieder zurück. In Berlin blieb es beim Kalten Krieg und den Mauertoten.

Berlin, Oktober 1961: Menschen stehen an der Sektorengrenze und winken auf die andere Seite.

Am 30. Oktober unterschrieben die Regierungen der Türkei und BRD das Anwerbeabkommen. Statt der DDR-Bürger kamen nun Türken nach Deutschland. Anwerbeabkommen hatte es zuvor schon mit Italien, Spanien und Griechenland, danach mit Marokko, Südkorea, Portugal, Tunesien und Jugoslawien gegeben.

Neben dem deutschen Facharbeiter gab es immer mehr nur schnell angelernte „Massenarbeiter“. Das war keine deutsche Besonderheit. Überall in Westeuropa gab es sie. In Italien kamen sie meist aus dem Süden. In Frankreich aus Marokko und Algerien. Überall aber waren sie die entschlossensten Kämpfer. In der Bundesrepublik wären die sogenannten „wilden“ – also nicht von den Gewerkschaften organisierten – Streiks von 1969 undenkbar gewesen ohne sie. Das Gleiche gilt für die Fabrikbesetzungen und Häuserkämpfe in Italien und Frankreich. Der Reichtum Westeuropas und die immer freieren Lebensbedingungen für große Teile der Bevölkerung waren nicht nur Ergebnis der Arbeitskraft der Ausländer und Ausländerinnen, sondern auch ihrer Kampfbereitschaft.

Die Deutschen – und nicht nur sie – weigerten sich, das zu sehen. Sie kämpften und kämpfen bis heute mit allen Mitteln – vom Wahlrecht bis zum Pogrom – um ihre Dominanz. Die sie längst den Ausländern, den Ausländerinnen und deren Langmut verdanken. 2019 lebten in Deutschland 21,2 Millionen Menschen, die selbst oder deren Eltern nicht in Deutschland geboren worden waren. Das sind 26 Prozent der Bevölkerung. Nicht unwesentlich wird zu dieser Entwicklung die von der Schering AG am 1. Juni 1961 auf den BRD-Markt gebrachte Antibabypille beigetragen haben.

Der Arbeitsemigrant war in jenen Jahren zu einer zentralen Figur der westeuropäischen Geschichte geworden. Er veränderte das Gesicht Europas. Nein: Der Europäer veränderte durch ihn sein Aussehen. Die Unternehmen wussten das, die Bevölkerung ahnte es. Die Künste zeigten es uns. Schon 1960 kam in die italienischen Kinos Luchino Viscontis Film „Rocco und seine Brüder“. Er schildert das Leben einer Familie sizilianischer Arbeitsmigranten in Mailand, Landarbeiter, die zu Fabrikarbeitern werden, betrachtet von dem direkten Nachfahren einer Familie, die Jahrhunderte lang Mailand regierte. Eines der Hauptwerke des italienischen Neo-Realismus.

In der azione scenica „Intolleranza 1960“ des Komponisten Luigi Nono – uraufgeführt am 13. April in Venedig – treten auf: Flüchtlinge, Gefangene, Algerier, Gefolterte, Demonstranten, Polizisten. Am 2. November wurde im Schauspielhaus Zürich „Andorra“ von Max Frisch uraufgeführt. Das Stück zeigte, wie „der Andere“ gemacht und vernichtet wird.

Dem Anwerbeabkommen mit der Türkei vom 30. Oktober waren dort ein paar wichtige Entwicklungen vorausgegangen. Seit 1952 war die Türkei Mitglied der Nato, seit 1958 hatten die USA auch dort nukleare Mittelstreckenraketen stationiert. Die Sowjetunion antwortete darauf mit der Stationierung von Atomraketen in der DDR. Am 9. Juli gab es eine Volksabstimmung in der Türkei, bei der die demokratischste Verfassung, die die Türkei jemals hatte, angenommen wurde.

Die Chance für eine Antwort auf die Umzingelung von Natotruppen kam für die Sowjetunion durch Fidel Castros Erfolge 1961. Dadurch angespornt, versuchte Chruschtschow 1962, sowjetische Atomraketen auf Kuba zu stationieren. Kennedy war fest entschlossen, das mit allen – auch atomaren – Mitteln zu verhindern. Das führte zur Kubakrise. In der Endphase der Verhandlungen schrieb Chruschtschow am 27. Oktober 1962 an Kennedy: „Ihre Raketen stehen in der Türkei. Sie sind beunruhigt über Kuba. Sie sagen, das beunruhigt Sie, weil es nur 150 Kilometer vor der Küste der Vereinigten Staaten von Amerika liegt. Aber die Türkei grenzt an unser Land, unsere Wachtposten patrouillieren hin und her und können einander sehen. Meinen Sie denn, Sie hätten das Recht, Sicherheit für Ihr Land zu verlangen und den Abzug der Waffen zu fordern, die Sie offensiv nennen, uns aber dasselbe Recht nicht zuzugestehen?“

Die Sowjetunion zog sich aus Kuba zurück. In aller Öffentlichkeit. Es war eine Schmach. Ein wenig später taten das die USA – im Geheimen – ebenfalls. Niemals wieder waren die beiden Supermächte einer direkten atomaren Konfrontation so nahe gekommen. Der Schreck saß tief.

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