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Vor 200 Jahren entziffert Champollion die Hieroglyphen –Die Moderne ist auch schon uralt

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Von: Arno Widmann

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Auch eine große Denksportaufgabe: Notizen von Jean-François Champollion zur Enträtselung der Hieroglyphen auf dem Stein von Rosette.
Auch eine große Denksportaufgabe: Notizen von Jean-François Champollion zur Enträtselung der Hieroglyphen auf dem Stein von Rosette. © imago/alimdi

Am 27. September 1822 gibt der Franzose Champollion seine Entzifferung der Hieroglyphen bekannt

Seit der späten Antike herrschte die Überzeugung, bei den ägyptischen Hieroglyphen handele es sich um eine Bilderschrift, bei der der Text von dem handele, was zu sehen sei. Es hatte immer auch Zweifel daran gegeben. Aber es siegt doch stets die Macht des Augenfälligen. Hinzu kam die Idee des Heiligen (hierós = heilig). Dass so wenig Alltagsdinge in den alten Texten vorkamen, schien damit erklärt zu sein.

Neben den Hieroglyphen gab es noch die hieratische und die demotische Schrift. Auf diese Bezeichnungen hat sich die Ägyptologie heute geeinigt. Die hieratische Schrift sind geschriebene Hieroglyphen, die von 3000 v.u.Z. bis 100 n.u.Z. in Ägypten lange meist verbreitete Schrift. Aus ihr entwickelte sich die demotische Schrift, die zwischen 650 v.u.Z. bis 450 n.u.Z. verwendet wurde. Wie diese drei Schriften zusammenhingen, ob sie es überhaupt taten, darüber wurde in den Jahrhunderten danach in Europa viel gestritten. Ob die Araber, die Ägypten etwa 640 eroberten, das auch taten?

Die Wellen von Ägyptomanien – man denke an Mozarts „Zauberflöte“ –, die die Geschichte des Abendlandes seit Herodot immer wieder durchfluteten, erreichten einen Höhepunkt mit Napoleons Ägyptenfeldzug (1798–1801). Damals wurde im Nildelta der schwer lädierte Stein von Rosette gefunden. Die Napoleons Feldzug begleitenden Gelehrten verstanden sofort die Wichtigkeit dieses Steines. Er enthielt eine Inschrift in Hieroglyphen, demotischer und griechischer Schrift. Der Stein – seit 1802 eines der Prunkstücke im British Museum – wurde zum Schlüssel der Entzifferung der Hieroglyphen.

Wer diese Geschichte detailliert erfahren möchte, also zum Beispiel, welche Rollen Ptolemäus und Kleopatra, die katholische Kirche und der Dendera-Zodiak dabei spielten, der lese „Wie der Hieroglyphen Code geknackt wurde“ von Andrew Robinson (Verlag Philipp von Zabern). Es ist eine Geschichte voller Intrigen und Gegenintrigen in Politik und Wissenschaft. Und es ist die Geschichte zweier Brüder. Denn ohne die Unterstützung seines zwölf Jahre älteren Bruder Jacques-Joseph wäre der gesundheitlich stets angeschlagene und wenig gesellschaftsfähige Jean-François Champollion (1790–1832) nicht 41 Jahre alt geworden.

Die entscheidenden Schritte zur Entzifferung der Hieroglyphen tat er 1821 bis 1824. Damals lebte er im Quartier Latin (sein geliebtes Grenoble hatte er aus politischen Gründen verlassen müssen) in der Rue Mazarine 28 – eine Plakette am Haus erinnert daran -, in der Wohnung seines Bruders. Politisch waren die beiden Gegner der Bourbonen. Sie waren Parteigänger Napoleons. Ihr Name wurde – zur Freude Napoleons – auch Champoléon geschrieben. Jean-François wurde von den Royalisten in Grenoble beschuldigt, während die Truppen ausgeschwärmt waren, um am 20. März 1821 einen Aufstand in den Straßen der Stadt niederzuschlagen, mit ein paar Leuten auf dem Dach der leer zurückgelassenen Zitadelle die Trikolore gehisst zu haben. Ein Husarenstreich, der womöglich niemals stattgefunden hatte, sondern erfunden worden war, um Champollion einen Kopf kürzer zu machen. Also floh er nach Paris.

Er vergrub sich wieder in seinen Lebenstraum: die Entzifferung der Hieroglyphen. Das war damals ein europaweiter Sport. Es fehlte nicht an Konkurrenz. Der englische Universalgelehrte Thomas Young (1773-1829) zum Beispiel, ein Augenarzt. Er ging in die Wissenschaftsgeschichte ein, weil er gegen Newtons Korpuskulartheorie des Lichtes hatte nachweisen können, dass es als Welle zu betrachten, eine Reihe von Erscheinungen besser erklären konnte. In der Frage der Bedeutung der Hieroglyphen war Young auch Champollion lange deutlich überlegen gewesen. Als der noch an der Bildsprache festhielt, hatte der Engländer bereits – wenigstens, was die Schreibung ausländischer Namen auf dem Stein von Rosette anging - auf die Möglichkeit eines Lautsystems hingewiesen. Auch den Zusammenhang von Hieroglyphen, hieratischer und demotischer Schrift hatte er schon Jahre vor Champollion richtig erkannt.

Die entscheidenden Schritte aber, die Erstellung eines Wörterbuchs und einer Grammatik, tat dann doch Champollion. Sein Vortrag am 27. September 1822 vor der Académie des Inscriptions et Belles Lettres in Paris war freilich mehr ein Eklat als ein durchschlagender Erfolg. Aber er war stur, und seine 1824 erschienene Schrift „Zusammenfassung des Systems der Hieroglyphen im Alten Ägypten“ machte ihn endgültig zum Begründer der modernen Ägyptologie. „Die Hieroglyphenschrift“, hieß es darin, „ist ein komplexes System. Sie ist eine Schrift, die bildhaft, symbolisch und phonetisch zugleich ist, und zwar in ein und demselben Text, in ein und demselben Satz und – ich wage es, auch das zu sagen – in ein und demselben Wort.“

Champollion war der wohl beste Kenner des Koptischen in Europa. Davon profitierte seine Entzifferungsarbeit immens. Denn das Koptische ist die Weiterentwicklung des Alt-Ägyptischen. Er konnte so den Zeichen die richtigen oder fast richtigen Laute zuordnen. Je breiter die Textbasis wurde, desto genauer konnte er dabei werden.

Nach Ägypten kam Champollion erst 1828. Er machte sich auf seiner mehrmonatigen Reise ebenso viele Notizen über die Altertümer wie über das moderne Ägypten. Kurz vor seiner Abreise war er in einer Papyrus-Sammlung des Finanzbeamten François Sallier in Aix-en-Provence noch auf altägyptische „Oden oder Litaneien“ gestoßen. Das Datum ist bekannt, und der in Oxford lehrende Ägyptologe Richard B. Parkinson meint darum: „Die Wiederentdeckung der alten ägyptischen Literatur kann präzise auf den 28. Juli 1828 datiert werden.“

Ende 1827 hatte Goethe nach der Lektüre eines chinesischen Romans Eckermann gegenüber die „Epoche der Weltliteratur“ ausgerufen. Mit der Entzifferung der Hieroglyphen wurde sie bald danach um Jahrtausende umfangreicher.

Die „Sonnengesänge Echnatons“, entstanden um 1345 v.u.Z., sind Dokumente des Glaubens an einen einzigen, alles Leben bestimmenden Gott, wie wir sie bis dahin nur aus dem Jahrhunderte späteren Alten Testament kannten.

„Das Gespräch eines Lebensmüden mit seiner Seele“ entstand um 1800 v.u.Z. Das ist ein moderner Titel. Der Text ist nur fragmentarisch erhalten, gibt viele Rätsel auf. Aber dass jeder von uns allein ist, dass das Leben selbst eine Zumutung ist, das steht darin, wie es in keiner Pariser Dachkammer des 20. Jahrhunderts klarer formuliert wurde.

Die Zeilen „Mit prangendem Hintern und schmalen Hüften,/ tragen ihre Schenkel ihr Schönstes;/ mit edlem Gang, wenn sie dahinschreitet,/ raubt sie mein Herz mit ihrem Gruß ...” stammen aus einem Liebeslied, das etwa 1300 v.u.Z. aufgeschrieben wurde. Zu ihm gehört das Gedicht einer Frau, die voller Sehnsucht von ihrem Geliebten erzählt. Wann gab es wieder solche Wechselgesänge des Begehrens? Jetzt haben wir sie, und wir haben uns, unsere Art zu lieben und nicht zu lieben. Aber wir werden bereichert durch all das, was vor uns war. Es sei denn, wir verschließen unsere Augen und Ohren, unsere Herzen vor Formen der Liebe, die wir offiziell gerade nicht goutieren.

Die alten Texte hatten nicht vor, zu uns zu sprechen. Wir sind nicht ihre Adressaten. Es ist das Leben der anderen, das wir da beobachten. Es hilft uns herauszukommen aus unserer Haut und es hilft uns, uns neue Häute über zu ziehen. Wie Thomas Mann seinen Felix Krull so kunstvoll – dank ägyptischer und mesopotamischer Quellen – in einen „Joseph und seine Brüder“ verwandelt hatte, dass es dem Sohn eines rheinischen Schaumweinhändlers, als er das Fragment – wie Osiris – noch einmal zum Leben erwecken wollte, zu fad schien für diesen Versuch.

Wir wissen heute, dass die ältesten Zeugnisse der ägyptischen Literatur, die Pyramidentexte, die Reise des toten Pharao in den Himmel beschreiben, dass aber jüngere Texte aus dem Mittleren Reich, Reisen schildern, die in das Reich des Osiris, des Gottes der Unterwelt, führen. Es ist als habe in jenen Jahren, in denen auch das „Gespräch des Lebensmüden mit seiner Seele“ entstand, die Literatur die Tore geöffnet zu den Abgründen unserer Existenz. Nicht nur im Persönlichen, sondern auch im Großen und Ganzen. Wir werden bei der Lektüre dieser Texte das Gefühl nicht los, uns auf vertrautem – also unheimlichem, lebensgefährlichem – Gelände zu bewegen. Es gibt Momente, da scheinen uns diese 4000 Jahre alten Blicke auf die Welt näher als der doch ach so geliebte Fontane.

Ohne Champollions Vorarbeit hätten wir keine Ahnung davon, wie alt die Moderne ist.

Jean-François Champollion, 1831.
Jean-François Champollion, 1831. © akg-images / Erich Lessing

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