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Virtualität und Raum: Ein Plädoyer für mehr Respekt vor dem Ort

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Von: Robert Kaltenbrunner

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Könnte aus dieser Draufsicht ein Computerspiel sein, ist aber ein realer Raum in einem Münchner Park.
Könnte aus dieser Draufsicht ein Computerspiel sein, ist aber ein realer Raum in einem Münchner Park. © AFP

Die Raumgebundenheit des Menschen hat sich in keiner Weise überlebt. Ein Essay.

Nach dem Zweiten Weltkrieg beobachteten Anthropologen auf vielen Südseeinseln ein zunächst schwer zu erklärendes Verhalten der Inselbewohner. Diese errichteten Flugzeugattrappen aus Ästen und Zweigen, sie paradierten vor Fahnenmasten und schulterten in Reih und Glied schwere Stöcke. Was hatten diese Leute erlebt? Sie hatten gesehen, dass genau dieses Verhalten mit unendlichen Reichtümern belohnt wird.

Immer wieder waren Soldaten auf den Inseln gelandet, waren marschiert, hatten Fahnen aufgehängt und vor diesen salutiert, hatten an Schreibtischen gesessen und Dokumente verfasst. Während die Bewohner der Inseln für alles schuften mussten, bekamen die Militärs Flugzeuge voll mit herrlichsten Waren nur für diese Tätigkeiten. Als die Soldaten wieder weg waren, dachte man sich: Was die können, können wir doch schon lange. Also setzte man sich an Schreibtische und uniformierte sich. Aber es kam keine Ladung.

Klar: Sie hatten zwar viel Respekt, aber nicht verstanden, um was es eigentlich ging. Doch Hochmut verbietet sich hier – auch wir verstehen oft nicht so recht, was Sache ist. Zum Beispiel beim aktuellen Hype um die neuen virtuellen Möglichkeiten. Unlängst haben die Auswirkungen des Corona-Virus einen Trend verstärkt, der vor einigen Jahren bereits eingesetzt hat. Viele Dinge, die sonst in der physischen Welt stattfanden, sind nun in die digitale Welt hinübergewandert. Web-Konferenzen gehören bereits zum Alltag, doch die Ambitionen reichen sehr viel weiter. Insbesondere mit Smart Cities verbindet man euphorische Hoffnungen. Die einschlägige Industrie macht vollmundig Versprechungen und weist, so beredt wie bildreich, auf verlockende Möglichkeiten hin: Städte – handlich, flexibel und hip wie das neueste Smartphone. Stadtverkehr – einfach, aber dennoch vernetzt, sauber und leise, wie in der Werbung.

Soweit die Theorie. Mit der Wirklichkeit hat dies bislang wenig zu tun. Zum einen gibt es den Versuch der Wirtschaft, sich die Städte als neuen globalen Megamarkt zu erschließen, indem man suggeriert, die alte Stadt sei out. Das ist insofern problematisch, als die angeblich kostenlosen Onlineservices der Internetwelt hier das Kernelement bilden, und wir uns gewissermaßen selbst enteignen (indem wir unsere Daten ohne Gegenleistungen der Internetökonomie zur Verfügung stellen) und uns Unternehmen und Geschäftsmodellen ausliefern, die mit ihren Servern in einer aufziehenden „The-Winner-Takes-It-All-Ökonomie“ die Macht übernehmen.

Zum anderen – grundsätzlicher – ist und bleibt der Mensch ein raumbezogenes, ein raumgebundenes Wesen. Zwar ist prophezeit worden, dass wir in Zukunft vorwiegend vor Bildschirmen und unter Datenhelmen hocken, um uns in einer bloß virtuellen Realität, auf Daten-Autobahnen und im Cyberspace, nicht mehr körperlich, sondern nur noch fiktiv zu tummeln. Aber diese Vorhersage hat sich in keiner Weise als tragfähig erwiesen. Aller avancierten Informations- und Kommunikationstechnologie zum Trotz finden nicht nur Demonstrationen, Ansprachen, Konzerte, Sportveranstaltungen, Feste, Streiks usw. noch draußen statt. Auch das Alltagsleben selbst hat immer einen festen physischen Ortsbezug: beim Wohnen wie beim Arbeiten (gleichgültig ob im Büro oder im Homeoffice).

Mag die Digitalmoderne auch vieles in der Stadt ändern, sie führt aber keineswegs dazu, dass das Stadtleben erlahmt, oder sich von den Straßen und Plätzen zurückzieht. Es gibt eine unbedingte Notwendigkeit, sich leibhaftig zu begegnen. Raum ist eines der Elementarerlebnisse des Menschen (wie aller Lebewesen). Ohne die Gegenwart des anderen kann es auf Dauer keinen Austausch und keine Kreativität geben. Und dafür braucht es immer einen konkreten Ort.

Denn Gesellschaften sind räumliche Einheiten. Die Interaktionen von Menschen finden nicht nur im Raum statt, sie haben vielmehr eine per se räumliche Komponente. Diese ist nicht nur statisch zu verstehen: „Im Raume lesen wir die Zeit“ (Karl Schlögel). Ohne den Raum als Referenzgröße können Wandlungen in historischer Dimension überhaupt nicht angemessen interpretiert werden.

Humane Gesellschaften sind aber nicht allein Strukturen mit Raumbezug, sondern sie leben im Einklang, vor allem aber in der Auseinandersetzung mit dem sie umgebenden Raum. Diese Konstellation ist häufig durch eine longue duree geprägt, also durch die Tradierung von Erfahrungen. Der Raum ist nicht nur ein Kontext oder ein neutraler „Container“, sondern eine grundlegende Basis von Gesellschaften, die gestaltet und erobert werden muss.

Geschichte ist in diesem Zusammenhang nicht obsolet. Im ursprünglichen Haus, im oikos, wie die Griechen es nannten, sind Produktion und Reproduktion zusammengefasst. Während oikos – aus dem sich etymologisch die Ökonomie ableitet – sowohl das Haus als auch den Hausherren, seine Familie, die Sklaven, ihre Tätigkeiten und alles Gut des Haushalts meinte, wurde der zweite griechische Begriff für Haus, domos, auch als Verb gebraucht – woraus sich dann die Domestizierung ableitete. Das Haus hat also von Beginn an einen doppelten Charakter: Als Urzelle der Ökonomie und als Verortung von Identität, als Haushalt und als Zuhause. Genau das gilt auch für die Stadt: Sie lebt vom Handel, und zugleich ist sie Lebensmittelpunkt vieler. Das ist ein konstitutives Element des Urbanistischen, die Digitalisierung hebt das nicht auf.

Die gebaute Umwelt ist etwas, an dem die meisten Menschen nichts ändern können oder wollen. Sie wird ihnen gewissermaßen vor die Nase gesetzt, sie wachsen darin auf und empfinden den gewohnten Gesichtskreis zumeist als völlig normal. Aus individueller Perspektive ist die Raumgebundenheit nichts, worüber man groß nachdenken würde. Sie war immer schon da, man verhält sich in und mit ihr, aber eher unbewusst. Möglicherweise gilt für sie, was Augustinus von der Zeit sagt: Er wisse genau, was es sei – solange ihn niemand danach frage.

Allerdings: Die Beziehung zwischen Raum und Gesellschaft erscheint mehrheitlich als eine Art Einwegkommunikation. Planer und Politiker mögen zwar Raumproduzenten sein (hier ein Haus, dort ein E-Werk und dahinten eine Klinik), aber oft auch gewissermaßen raumblind. Und in (Selbst-)Beschreibungen von Orten manifestiert sich derzeit die Wettbewerbsgesellschaft, die in der Konkurrenz eine Geschäftsbelebung und damit ein Allheilmittel gegen alles Übel sieht. Im Vokabular des Immobilienmarktes werden Orte in bestimmten Lagen als „Filetstücke“ angepriesen wie Teile von Tieren an der Fleischtheke. Ist es nicht eine prinzipielle Fehlwahrnehmung, wenn räumliche Gegebenheiten dem Sozialen nur nachgeordnet sind?

Zwar hat der Raumbegriff mit dem Spatial turn in den Kultur- und Sozialwissenschaften unlängst eine ungeahnte Aufmerksamkeit erreicht, aber auch, wie der Geograph Gerhard Hard meint, „den Status eines leeren Signifikanten“. Denn jenes Gemisch an Dingen und Menschen, das unter „Raum“ gefasst würde – zugleich materiell, mental und sozial –, sei eine „Rumpelkammer“, ja ein „ontologischer Slum“. Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen.

Fraglos jedoch existiert hier eine Wechselbeziehung. Und die impliziert, dass das Räumliche nicht nur passiv ist, sondern aktiv einen Anteil an gesellschaftlichen Veränderungsprozessen hat. Das heißt: ein Werkzeug für gesellschaftlichen Wandel sein kann. Das verdient entschieden mehr Aufmerksamkeit – auch in der Politik. Denn darin findet es nur in mutwillig zergliederten Einzelaspekten (Wohnen, Verkehr, Infrastruktur, Daseinsvorsorge, Bodenfrage, Umweltschutz usw.) statt. Doch die Raumgebundenheit des Menschen verlangt als Ganzes: mehr Respekt.

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