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„Kreative können sehr unkonventionell an Soforthilfen herankommen“, sagt Monika Grütters.

Interview

„Viele haben jetzt begriffen, dass Kunst kein Luxus ist“

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Kulturstaatsministerin Monika Grütters über die Situation der Kultur und das vorgestellte Hilfspaket.

Monika Grütters, 1962 in Münster geboren, studierte dort Germanistik, Kunstgeschichte und Politikwissenschaft. ist seit Ende 2013 Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien. In der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit war sie während ihres Studiums und danach unter anderem für die Oper Bonn, das damalige Museum für Verkehr und Technik in Berlin und die Verlags- und Buchhandelsgesellschaft Bouvier tätig. Seit 2005 gehört sie für die CDU dem Bundestag an, dessen Ausschuss für Kultur und Medien sie von 2009 bis 2013 vorsaß. Außerdem ist sie Mitglied des CDU-Präsidiums.

Frau Grütters, die Kunst- und Kulturszene war von der Coronakrise als erste existenziell betroffen, weil Kultur fast immer mit Publikum zu tun hat. Wie groß ist der Schaden?

Die Szene ist maximal betroffen, flächendeckend. Allein der Schaden durch mehr als 80 000 ausgefallene Veranstaltungen wird auf 1,25 Milliarden Euro geschätzt. Deshalb blutet mir das Herz. Denn dabei gerät ja auch ein Lebensmodell in die Krise. Künstler und Kreative leben fast alle in soloselbständigen und kleinunternehmerischen Verhältnissen. Sie haben nie auf große Verdienste geschielt. Ihnen ging es immer um die Verwirklichung ihrer kulturellen Träume. Deshalb ist die Erschütterung besonders groß. Wir haben das erkannt. Und wir lassen sie nicht im Stich. Schon in der vorigen Woche haben wir zum Beispiel entschieden, dass wir einmal gezahlte Zuwendungen nicht wieder zurückfordern. Und wir bauen sehr flexibel unsere Förderprogramme zugunsten der in Not geratenen Künstler um.

Nun hat das Kabinett Milliardenhilfen für Soloselbständige und Kleinunternehmer auf den Weg gebracht. Inwiefern profitieren Künstler davon?

Das Paket beruht auf drei Säulen. Erstens geht es um die Grundsicherung der persönlichen Lebensumstände auch für Wohnung und Heizung. Zweitens geht es um die Sicherung des Betriebs kultureller Einrichtungen. Hier können Kreative sehr unkonventionell an Soforthilfen herankommen, etwa für die Miete eines Kinos, einer Galerie oder einer Buchhandlung. Da werden über drei Monate bis zu 9000 Euro ausgezahlt oder bei mehr Beschäftigten sogar 15 000 Euro. Betroffene können damit auch Kredite für Betriebsräume oder Leasingraten überbrücken. Und dann gibt es noch eine dritte Säule. Dazu zählt zum Beispiel die Änderung des Mietrechts. Man kann nicht wie bisher gekündigt werden, wenn man zwei Monate lang seine Miete nicht zahlt. Auch können Steuerschulden gestundet und Beiträge zur Künstlersozialkasse gesenkt werden. Ganz wichtig ist: Betroffene können Leistungen kumulativ in Anspruch nehmen; sie werden nicht miteinander verrechnet.

Wo können sich die Betroffenen das Geld holen?

Die Grundsicherung der privaten Lebensumstände läuft über die Bundesagentur für Arbeit und die dazu gehörigen Jobcenter. Die 50 Milliarden Euro Hilfen für die Sicherung des Betriebs sollen über die Länder und Kommunen ausgezahlt werden. Diese können das abgleichen mit eigenen Hilfsprogrammen. Und sie kennen die Betroffenen.

Reicht das?

Die Hilfe ist ziemlich umfassend, zumal man sie kumulativ nutzen kann und wir die in der vergangenen Woche beschlossenen Liquiditätshilfen für Unternehmen und Selbständige nicht vergessen sollten. Da sind Kredite bis 30 000 Euro möglich, die unkompliziert bei der Hausbank beantragt werden können, denn die staatliche Kreditanstalt für Wiederaufbau übernimmt den größten Teil des Ausfallrisikos.

Der kulturelle Schaden der Krise wird so oder so immens sein. Es werden wahrscheinlich nicht alle als Künstler überleben. Gibt es auch einen Nutzen?

Zunächst einmal hoffe ich, dass doch alle überleben – egal ob der Sologeiger, die Malerin oder der Schriftsteller, die Kinobetreiber, Musikclubs, Buchhändler, Galeristen und Verleger. Ich denke, dass manche schöpferische Kraft in dieser Situation sogar neuen Schwung bekommen kann. Überdies haben digitale Vermittlungsformen gerade richtig Konjunktur. Diese vielen neuen Ideen im Netz hätten wir mit noch so schlauen Programmen gar nicht stimulieren können. Und schließlich habe ich den Eindruck, dass jetzt sehr viele den Stellenwert von Kultur unmittelbar begriffen haben. Sie ist eben kein Standortfaktor und kein Luxus, den man sich nur in guten Zeiten leistet. Kultur ist Ausdruck von Humanität. Das werden wir jetzt umso mehr spüren. Alle.

Interview: Markus Decker

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