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Victoria Woodhull for President – Ihre Stimmen wurden nicht gezählt

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Von: Arno Widmann

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Victoria Woodhull spricht vor einem Ausschuss des Kongresses über die Vorteile des Frauenwahlrechts. 1871.
Victoria Woodhull spricht vor einem Ausschuss des Kongresses über die Vorteile des Frauenwahlrechts. 1871. © imago/UIG

Vor 150 Jahren ließ sich die erste Kandidatin für die US-Präsidentschaft aufstellen - eine kurze Erinnerung an Victoria Woodhull.

Am 10 Mai 1872 gründete in der Apollo Hall in Cincinnati Victoria Woodhull (1838 – 1927) die Equal Rights Party. Sie ließ sich dort auch als Kandidatin für die Präsidentschaftswahlen im November aufstellen. Frauen durften nicht wählen, aber die Verfassung erlaubte es, sie zu wählen. Natürlich ging es bei der Kandidatur nicht darum, Victoria Woodhull zur nächsten Präsidentin zu machen. Es war eine Kandidatur, die den Bürgern Amerikas die gewaltige Ungerechtigkeit des amerikanischen Wahlrechts vor Augen führen sollte.

Dazu passte, dass Victoria Woodhull Frederick Douglass (1817-1895), einen ehemaligen Sklaven, der einer der bekanntesten Kämpfer für die Gleichberechtigung der Schwarzen war, als Vizepräsidentschaftskandidaten vorschlug. Frauen dürfen in den USA erst seit 1920 wählen. Eine Präsidentin hat es bis heute nicht gegeben. Aber immerhin 2009 mit Barack Obama einen ersten schwarzen Präsidenten.

Victoria Woodhull war eine der interessantesten Frauen der amerikanischen Reformbewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Karl Marx warf ihre Organisation, die seines Erachtens der Frauenemanzipation eine zu große Rolle zuschrieb, aus der I. Internationale hinaus. Sie sei keine Arbeiterpartei, sondern eine Versammlung bürgerlicher Intellektueller.

Mit letzterem hatte er sicher recht. Aber das traf auf die meisten sogenannten Arbeiterorganisationen der I. Internationale zu. Tatsächlich waren die Interessen von Victoria Woodhull erstaunlich weit gefächert: Sie war nicht nur die erste Präsidentschaftskandidatin der US-Geschichte. Sie war die erste Frau an der New Yorker Börse, Verlegerin und eine überaus erfolgreiche Rednerin und Autorin. Antje Schrupp beginnt ihre sehr zu empfehlende Biografie der bekennenden Spiritistin und Propagandistin der freien Liebe so: „Heiligabend im Jahr 1837, in einem kleinen Dorf namens Homer, Ohio, USA: Ein methodistischer Prediger hat am Ortsrand ein riesiges Zelt aufbauen lassen, er will die Menschen zu Christus bekehren… Die Menge schreit, tanzt und lobt den Herrn. Mitten drin eine der enthusiastischsten Anhängerinnen des Predigers: Roxanna Claflin… Irgendwann fällt die junge Frau in Trance… sie schreit weiter ‚Halleluja, Halleluja‘, bis sie schließlich entkräftet zu Boden sinkt. In dem Moment kommt Buck, ihr Ehemann, zieht sie hinter eine Bank und schiebt ihr den Rock hoch. Rings herum sinken Menschen zu Boden, schreien, stöhnen und singen. Religiöse Ekstase und sexuelle Leidenschaft vereinigen sich zu einer gewaltigen Flamme der Lust – und genau so wurde, jedenfalls nach ihrer eigenen Darstellung, Victoria Woodhull gezeugt.“ (Antje Schrupp: Das Aufsehen erregende Leben der Victoria Woodhull, buch & netz 8,66 Euro). Der Ausdruck Reformbewegung bekommt plötzlich eine viel plastischere Gestalt. Man könnte sehr viel lernen von Victoria Woodhull.

Wie viele Stimmen bekam sie bei den Wahlen im November? Das weiß man nicht. Sie wurden nicht gezählt. Offizielle Begründung: Sie war zu jung. Das von der Verfassung vorgeschriebene Mindestalter von 35 Jahren erreichte sie erst am 23. September 1873. Das hatte Präsident Grant während des Kampfes um seine Wiederwahl nicht daran gehindert, Victoria Woodhull zu beschuldigen, sie verführe verheiratete Männer zum Ehebruch.

Die Welt ändert sich unentwegt und bleibt doch immer auch dieselbe.

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