feu_inauguration1_311020
+
Washington, 7. März 2017. Mit Blick auf das spärliche Interesse an Trumps Amtseinführung prägte eine Beraterin das Wort „alternative Fakten“.

US-Wahlen

Vertigo - Leben mit dem Schwindel

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
    schließen

Kein Tag seiner Präsidentschaft ohne Lüge: Sie ist das Fundament der Politik Donald Trumps, sie ist der Deal, dem sich seine USA fanatisch anvertrauen.

Er hat sie als amerikanischer Präsident legalisiert, Donald Trump die Lüge. Schon wahr, dass sie seit je ein Mittel der Politik ist. Aber auch in dieser Dosis, wie sie durch Trump verabreicht worden ist? Tausende falsche Behauptungen sind dem Präsidenten in seiner Amtszeit nachgewiesen worden. Die Lüge ist zur halluzinogenen Substanz der US-Politik geworden. Der Politiker Trump hat die Lüge nicht nur legalisiert, der Präsident zeigt sich durch sie legitimiert.

Zur Wahrheit gehört allerdings ebenfalls, dass nicht erst seit Trump die Unwahrheit die Politik beherrscht. Wahrheitsabweichungen, wohin Platon auch schaute, als er sich vor 2500 Jahren auf der Polis von Athen umsah. Sokrates, seinen Lehrer, ließ er in einem seiner Dialoge sagen: „Also wenn auch dich jemand fragte nach dreimal siebenhundert, welche Zahl das ist, so würdest du, wenn du nur wolltest, ganz vorzüglich und geschwind das Richtige hierüber sagen?“

Das Richtige? Dass sich auch mit Zahlen lügen lässt, bewies Trump, als er das Wort von den „alternativen Fakten“ aufbrachte, um vor aller Welt die Anzahl seiner Anhängerschaft am Tag seiner Amtseinführung falsch darzustellen. Zeit seiner Präsidentschaft basiert Trumps Herrschaft auf nachweislich mehr als einem Dutzend Lügen pro Tag, so haben es ihm die Faktenchecker der „Washington Post“ nachgewiesen, die in ihrem Dossier 20 055 Verstöße gegen die Fakten in 1267 Amtstagen aufgezählt haben, 16 pro Tag, Stand Frühsommer 2020.

Diese Bilanz Trumps ist in den letzten Wochen häufiger veröffentlich worden – dieses Lügenkonto wird ebenfalls in dem kürzlich erschienenen Buch „Im Wahn. Die amerikanische Katastrophe“ (C. H. Beck) von Klaus Brinkbäumer und Stephan Lamby zitiert, eine Zahl, für die die beiden Autoren eine verhängnisvolle Erklärung parat haben. So lasse sich eine Lüge durch „das Gefühl, bedroht zu werden, leicht rationalisieren und verklären.“

Die Autoren analysieren eine konservative Wählerschaft in den USA, die sich ideologisch in der Defensive glaubt. Die republikanischen Wähler sehen ihre Lebensweise massiv in Frage gestellt, und das führe „zu Ängsten, zur Selbstverteidigung, auch zur Rechtfertigung von Dingen, die gestern noch als moralisch verwerflich gegolten haben.“ Damit finden die Autoren eine Erklärung für das Verhalten der Trump-Anhänger, ohne es zu rechtfertigen, im Gegenteil, ihr Urteil ist für die politische Kultur in den USA vernichtend: Die Lüge „erscheint politisch notwendig und ist darum moralisch geboten, gelogen wird ja für ein höheres Gut, fürs Vaterland.“

Die Welt als eine Wahnwelt, darin die Lüge als Wille und Vorstellung, wie man einen Gedanken Arthur Schopenhauers abwandeln könnte, der bereits vor 200 Jahren den Gedanken aufbrachte, dass der Wille nicht etwa vernunftgeleitet ist, vielmehr einem dumpfen Bewusstsein oder auch Gefühl nach Selbsterhaltung nachgibt. Ausgelöst durch eine moralische Kränkung oder körperliche Bedrängung, sieht sich der Wille zur Selbstbehauptung motiviert. So verwerflich die Lüge, so plausibel erscheint sie als List in einer Notwehrsituation - eine Vorstellung, die Trump in seiner Welt systematisch verbreitet hat.

Trumps Wille und Vorstellung basiert auf der Lüge – seine Politik erklärt sich durch die Lüge. Sind es doch, so haben Umfragen ergeben, zwei Drittel der Wähler, die ihn weder für ehrlich noch für vertrauenswürdig halten, mehr noch: Es ist ihnen gleichgültig. Auf dieser Grundlage lässt sich als Lügner wie legitimiert agieren. Die Lüge ist ein Deal, dem sich Trumps USA fanatisch anvertrauen, um wiederum einen wütenden Vertrauensvorschuss zu gewähren.

Was immer dieses sich ständig verdichtende Lügengewebe für eine Gesellschaft bedeutet – historisch ist die Lüge unterschiedlich bewertet worden, die Notlüge anders als die Schönrednerei und diese wiederum anders als die vorsätzliche Falschaussage. Ein Platon sprach von „edlen und heilsamen Lügen“, die Politik hatte schon in der griechischen Demokratie ein instrumentelles Verhältnis zur Wahrheit. Die Lüge ebenso wie Moralvorstellungen sind so wenig widerspruchsfrei wie auch andere Normen und Regeln. Es wäre Selbstbetrug, wenn man meinte, die Lüge unterläge nicht auch historischen Sichtweisen.

Die Lüge hat in den letzten Jahren nicht erst durch Trump, Orban, Boris Johnson oder Erdogan eine krasse Konjunktur erlebt. Nicht erst der Populismus hat Verzerrungen und Fälschungen aufgewertet und die Lüge in einem positiven Licht erscheinen lassen. So sind es Psychologen und Soziologen, die, wie Maria-Sibylla Lotter schreibt, „ihre Unverzichtbarkeit für das Sozialleben beschwören“. Die Autorin weist in ihrem hochaufschlussreichen Buch über „Die Lüge“ (Reclam Verlag) darauf hin, dass Biologen die Lüge als „evolutionäre Triebfeder loben“. Täuschungsverhalten als Techniken des Überlebens, ob es sich nur um Tarnfarben in der Pflanzenwelt handelt oder um Ablenkungsmanöver unter Affen. Der Leumund der Lüge ist sehr stark kulturell geprägt, Lotter verweist darauf, dass das „Lügentabu“ und die „Listenblindheit der westlichen Welt“ zum Beispiel nach chinesischem Verständnis die „kulturelle Selbstverdummung begünstigen“.

Eine neue Wahrnehmung von Lüge und List? Eine positive als Ausdruck einer neuerlichen Umwertung der Werte? Kaum. Beträchtlich älter als die christliche Verteufelung der Lüge ist das Lob der List und der Lüge in der griechischen Götterwelt. Und so waren es denn auch die Götter selbst, die das Vorgehen des „listenreichen“ Odysseus zu schätzen wussten, einen „Lügenkünstler“, wie ihn Lotter nennt, wenn (nicht nur) sie daran erinnert, dass bereits ein Platon dem Helden des Homer, dem Lügner Odysseus weit mehr abgewinnen konnte als einem Achilles. Geradewegs nur Kampfmaschine, war dieser Achilles gemessen an dem abgefeimten Odysseus ein tumber Tropf. Das Image des Lügners war also nicht von allem Anfang an ein miserables – wenn man denn die homerischen Epen als einen moralischen Anhaltspunkt für das Alte Europa nimmt.

Aber Trump und Homer? Trumps doppelte Heuchelei besteht darin, dass er das populistische Trugbild einer „ehrlichen Politik“ anstelle einer Politik der korrupten Eliten genutzt und demagogisch angeschärft hat, während er gleichzeitig seine demonstrative Verachtung einer transparenten Politik zeigt, ja zelebriert. Um sich darüber nicht nur in Entrüstungen aufzureiben, kann man sich mit dem Politologen Claus Offe sagen, dass „die Wirklichkeit der Politik“ eine „Politik mit der Wirklichkeit“ ist. So ließe sich Politik als eine Gestaltungsabsicht verstehen – was ein positives Politikverständnis wäre im Gegensatz zu einem negativen Verständnis, der Manipulation. Trumps Politik mit der Wirklichkeit beruht auf permanenter Manipulation.

Ob Trump, der sich für einen exorbitanten Präsidenten in der Geschichte der USA hält: Ob der an Superlativen interessierte Narzisst sich auch für den größten Lügner unter den Präsidenten der USA hält? Wie sieht sich Trump – darüber lässt sich nicht nur spekulieren, kann doch die Welt täglich wahrnehmen, dass er seinem Spiegel nicht etwa unverrichteter Dinge den Rücken kehrt. Was sein Narzissmus ihm ins Gesicht schreibt, betrachtet er im Spiegelbild als eine Aufforderung zum Handeln, zur Manipulation. Enorm der Aufwand zur Zurschaustellung seines Ich, den man als Facefaking bezeichnen könnte. Oder Fakefacing?

Einen Satz Theodor W. Adornos aus seinen „Minima Moralia“, seinen „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“ nur um das Subjekt verändernd, ließe sich sagen: Trump „ist ein Mensch, der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben“. Ein weiterer Aspekt kommt hinzu, die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft, die nicht nur auf das Konto der Politik geht, weil die (elektronischen) Medien die Polarisierung zu ihrem Geschäftsmodell gemacht haben. In den letzten Jahren ist in den USA noch jedes Thema in die Polarisierung hineingetrieben worden und zu einer Identitätsfrage geworden, bei dem zwei Lager gegeneinander nicht nur antreten, sondern wüten: entweder wir oder die. Nur in den USA? Ein lukratives Mediengeschäftsmodell auch in Deutschland.

In ihrem Buch kommen Brinkbäumer und Lamby mehrfach auf eine fatale Identitätspolitik zu sprechen, die Menschen nur noch nach einem simplen Schema sortiert. Sortierung hat die US-amerikanische Gesellschaft in einen Ausnahmezustand getrieben, der von Rundfunk und Fernsehen täglich als Machtkampf zweier Lager aufgeheizt wird, wobei ein weiterer Faktor hinzukomme. Auf die Polarisierung, die Sortierung nach Klasse und Rasse, nach Geschlecht, Religion und Kultur, kann Trump wahrhaftig keine Urheberschaft anmelden. Sie hat sich aber deswegen so verschärft, weil in den USA die „Parteiidentitäten“ seit den 1960er Jahren eine immer aggressivere Rolle gespielt haben, mit der Folge, dass „Hass aufgrund von politischer Identität in den USA als sanktioniert und legitim gilt“, wie Brinkbäumer/Lamby den Stanford-Politologen Shanto Iyengar zitieren.

Parteimitgliedschaften sortieren sich nach Gesinnungen und Überzeugungen – und das lässt an Friedrich Nietzsche denken. Nicht von ungefähr in einem so gesinnungsträchtigen Zusammenhang wie seinem Buch „Der Antichrist“ führte der Philosoph aus, dass die Lüge von Überzeugungen getrieben werde. Diese, die Überzeugungen, seien „gefährlichere Feinde der Wahrheit als die Lügen“ – eine mit Blick auf Trump äußerst plausible Erkenntnis.

Dass Trump ein Überzeugungstäter ist, wird man ihm kaum absprechen können, getrieben von dem „Bedürfnis nach Glauben, nach irgendetwas Unbedingtem von Ja und Nein“, charakterisierte Nietzsche den Lügner, den er auch einen „Parteimenschen“ nennt. Er ist ein Ignorant, der nicht sehen will, was er sieht.

Nur Trump? In den letzten Jahrzehnten sind amerikanische Präsidenten wie Lyndon B. Johnson und Richard Nixon, Bill Clinton und George W. Bush wegen Lug und Trug zur Rede gestellt worden. Ein neues Level ist von dem Tag an erreicht worden, als sich beides durch das Internet in Lichtgeschwindigkeit verbreiten ließ. Trump, der „seine politische Karriere auf dem schamlosen Anzweifeln von Obamas Geburtsort gründete“, so Michiko Kakutani in ihrer exzellenten Analyse „Der Tod der Wahrheit“ (Klett-Cotta), verbreite mit seiner Tweet-Politik Unwahrheiten über den Klimawandel (das Pariser Klimaabkommen), über die Wirtschaftspolitik (die Strafzölle), den Handelskrieg mit China, die Einmischung Russlands in seinen Wahlkampf, über den Mueller-Bericht (der, anders als Trump behauptete, vom Vorwurf der Einmischung Moskaus eben nicht entlastete), über Kriminalitätsstatistiken, über die Migration, über Migranten, über die Ukraine, über Mexikaner, über das „China-Virus“, über die EU, über das FBI, die US-Geheimdienste, über die Krise im Nahen Osten, über Corona.

Seine Strategie der Desinformation folgt dem Gesetz „giftiger Polarisierung“ (Kakutani) durch gezielte sprachliche „Entgleisungen“. Sie gehörten zum Konzept – erwiesenermaßen nicht nur zum Repertoire faschistischer Propaganda, sondern zum bolschewistischen, das ausdrücklich von Lenin Maximen der Menschenverachtung beziehe. Wie ja wiederum ein „Neo-Bolschewik“ wie Steve Bannon sich als Trump-Berater auf Lenin zu berufen wusste.

Die Hegemoniebestrebungen des rechtsextremen Populismus sind so offensichtlich wie Trumps Politikstil, der seine USA unter seinen Regierungsschirm vorsätzlicher Täuschung locken konnte. Dazu hat die wie immer weitsichtige Hannah Arendt vor 60 Jahren bereits festgehalten, dass der „ideale Untertan der totalitären Herrschaft nicht der überzeugte Nazi oder der überzeugte Kommunist“ sei, vielmehr der „Mensch, für den die Unterscheidungen zwischen Fakt und Fiktion sowie zwischen Wahr und Falsch nicht mehr existieren“.

Trump und der Triumph der Verwirrung. Der große Schwindel hat die USA in eine Konfusion versetzt, seine Gefolgschaft in einen Taumel wütender Begeisterung, die Gesellschaft in eine bestürzende Gleichgewichtsstörung. Vertigo als soziales Symptom, zum Leben mit dem Schwindel gehören die Missachtung von Tatsachen, die Denunziation der faktischen Realitäten und der Vernunft, nicht zuletzt das systematische Vorgehen gegen die Fachkenntnis, die Verachtung des Fachwissens. Stattdessen hat Trump den Behauptungswillen stark gemacht: die Behauptung anstelle der Kenntnisse und des Wissens ebenso wie den Behauptungswillen eines Milieus, so ressentimentgeladen wie rachegetrieben, ja, rachsüchtig.

Viel hat dieser Behauptungswille mit einer Kultur des Narzissmus zu tun, mit einer, um es wenigstens angesprochen zu haben, umfassenden Kränkung. Was Christopher Lasch 1980 in seinem epochalen Buch als ein Signum des Zeitalters analysiert hat, nämlich den Narzissmus als eine Verteidigungsstrategie gegen sozialen Wandel und unübersehbare Zumutungen, ist von Trump zu einer rücksichtslosen Offensivstrategie umgepolt worden. Eitel, mit sich selbst beschäftigt, will der Narzisst nicht genau wissen, was um ihn herum realiter vorgeht.

Gerade die Massen, die Trump zu mobilisieren wusste, wollten es nie genau wissen. Geschätzt wird der Frontmann ausdrücklich dafür, dass er mit seiner Meinung, darunter seinen unflätigen Beleidigungen und seinem menschenverachtenden Zynismus, nicht hinter dem Berg hält. Hannah Arendt, wie immer ungemein weitsichtig, als sie sich 1971 wegen der Pentagon-Papiere intensiv mit den Lügen Richard Nixons beschäftigte, hinterließ die Erkenntnis, dass die Lüge eine Manipulationsstrategie darstellt, die mit einer gezielten Verwechslung arbeitet, indem die Lüge den Umgang mit Tatsachen zu einer Meinungsfrage macht. Wo Trump lügt, und wann tut er das nicht, gilt für ihn, mit dieser Verwechslung zu arbeiten. Mit seiner Politik der falschen Tatsachen beabsichtigt er die große Kopflosigkeit, America first, ohne es dabei bewenden zu lassen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare