Alexander Kluge

Versuch über den geglückten Tag

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Das Literaturhaus Berlin unternimmt mit Alexander Kluge eine Exkursion durch vermischte Geisteswelten.

Nach zweieinhalb Stunden hat man das Bedürfnis, den Kopfhörer abzunehmen, um die Talking Heads einfach sich selbst zu überlassen. Der Medienkonsument im Wohnzimmer nutzt die Gelegenheit, zum Kühlschrank zu gehen – oder er geht eine Runde Händewaschen. Der Alltag zwischen den Einheiten vor dem Laptop ist auf seltsame Weise bedeutend geworden. Wir suchen die Unterbrechung, aber kommen dabei doch nicht zur Ruhe.

Ich habe mich nach dem angekündigten Rückzug aus dem Familienleben am Dienstagabend auf die Webseite des Literaturhauses Berlin begeben, um dort einer „Revue mit Alexander Kluge“ in Corona-Zeiten beizuwohnen. Man kann die digital übertragene Veranstaltung mit jeweils zugeschalteten Gästen als Versuch betrachten, sich in der erzwungenen Pause nützlich zu machen. Warum Kluge? Weil der mit seinen DCTP-Produktionen im Grunde schon immer Fernsehen für Corona-Zeiten gemacht hat.

Sprechen, schauen, staunen, weitersprechen. Die Revue wird natürlich zu großen Teilen durch unermüdliche Assoziationskraft Kluges befeuert, der Fundstücke des Wissens präsentiert, von Gleichnis zu Gleichnis hüpft und die Welt von gestern mit der von morgen vergleicht. Im Gespräch mit Hans D. Christ vom Württembergischen Kunstverein Stuttgart etwa belobigt er das Futur II als grammatikalische Form, die uns reicher macht. Wer sich die Frage „Was werde ich gewesen sein?“ zu stellen vermag, ist nicht verloren.

Und natürlich geht es immer wieder um das poetische Gewächs, das wir selbst seien. Zu den unausgesprochenen Prinzipien Kluges gehört es, so wenig wie möglich in die Rhetorik des Niedergangs und des Verfalls abzugleiten. Und so kann er mit der Klage der beiden Chefinnen des Literaturhauses, Sonja Longolius und Janika Gelinek, wenig anfangen, dass sie ja nun dazu verdammt seien, auf so viele gelungene Abende zu verzichten, die sie für das Literaturhaus bereits geplant hatten. Kluge hält mit Walter Benjamin dagegen, für den es keine Verfallszeiten gab. Vergessene Schriftsteller können noch nach Jahrhunderten wiederentdeckt werden, und gegen den Geiz und die abstrakte Genusssucht, die für Karl Marx Wesensmerkmale des Kapitalismus waren, stellen Bücher und die Literatur Medien der Verschwendung dar, die sich gerade in Phasen der Stillstands und der Störung zu entfalten vermögen. Selbst das Internet, das zu Omnipräsenz und aufdringlicher Gleichzeitigkeit neigt, biete, so Kluge, erstaunliche Oasen der Abschweifung.

Ich habe mich mit Papier und Bleistift bewaffnet und schreibe mit. Später finde ich Merksätze, die kaum in eine neue Ordnung zu bringen sind. Poetische Verführungskunst bedarf des Mutes, sagt der Poet Kluge und berichtet von Künstlern, die nichts zustande gebracht hätten, so lange sie sich im Staatsdienst befanden.

Wert der Verschwendung

Die Aufgabe eines Literaturhauses könne selbst in der Krise nicht darin bestehen, für den Ertrag künstlerischer Existenzen zu sorgen. Ihr Auftrag bestehe vielmehr darin, generös Öffentlichkeit zu gestalten. Eine Lesung mit nur wenigen Besuchern ist demnach ein Fest der Verschwendung. Und wenn Kluge von Verschwendung spricht, dann möchte er sie in der vollständigen Bedeutung des Potlatsch-Begriffes des Ethnologen Marcel Mauss verstanden wissen. Ich gebe auf, denn war es nicht genau das, was Alexander Kluge unter Verwendung verschiedener Medien immer schon im Sinn hatte?

Später am Abend hat Kluge dann Pause. Die Schriftstellerinnen Yoko Tawada und Kathrin Röggla sowie der Soziologe Armin Nassehi sprechen mit Asmus Trautsch, Nassehi davon, dass das Virus hinsichtlich der Selbsterhaltung alles richtig gemacht habe. Es bringe seinen Wirt nicht einfach um, sondern lasse ihn meist leben, um sich weiter verbreiten zu können. Und was tun wir? fragt der Soziologe. Wir reagieren mit soziologischen Mitteln, sprechen über Abstandswahrung und Kontaktregeln. Man kann nicht Nicht-Denken, hat Alexander Kluge zu Beginn gesagt. Aber muss man in jeder Sekunde dabei sein? Die Revue des Literaturhauses Berlin lehrt, dass es leichter ist, sich irgendwann aus der Schalte zurückzuziehen als den vollbesetzen Saal einer Lesung zu verlassen, nachdem man in der Mitte einer Stuhlreihe Platz genommen hat.

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