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Der Tod, wie er sich unter die Pariser Karnevalisten mischt - hier auf einer Arbeit von Alfred Rethel (1816  - 1859).

Epidemie

Das vermaledeite Coronavirus

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Von dem, was wir gerade erleben, hat Heinrich Heine schon 1832 erzählt.

Insgesamt sechs Mal habe Emmanuel Macron das Wort „guerre“ erwähnt, zählten Journalisten nach dessen Ansprache an die französische Nation. In Ermangelung einer ähnlichen Erfahrung dient der Kriegszustand in diesen Tagen immer häufiger zum Vergleich. Angela Merkel bezeichnete unsere derzeitige Lage zuletzt als größte Herausforderung an unsere Gemeinschaft seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Vorstellung, gegen eine Krankheit in den Krieg zu ziehen, beschrieb schon Heinrich Heine, vor 188 Jahren. Den sicherlich ergreifendsten seiner damaligen Artikel für die „Allgemeine Zeitung“, den er später als „Artikel VI“ in die Sammlung Französische Zustände aufnahm, schickte er seinem Verleger Johann Friedrich von Cotta am 20. April 1832. Er berichtet darin über die Choleraepidemie, die in der französischen Hauptstadt während der Faschingsfeierlichkeiten und der ersten Frühlingstage ausbrach, „und die, ohne Rücksicht auf Stand und Gesinnung, tausendweise ihre Opfer niederwirft.“

Heine schrieb über die Epidemie, kurz nachdem sie sich in der Stadt ausgebreitet hatte. Zwar vergleicht er sich mit dem griechischen Geschichtsschreiber Thukydides, der im fünften Jahrhundert v. Chr. über die Attische Seuche berichtete, und mit Giovanni Boccaccio, der in seinem „Dekameron“ von der Pest erzählte, die Mitte des 14. Jahrhunderts in Europa wütete. Aber anders als er hätten seine beiden Vorläufer aus zeitlicher Ferne auf die Epidemien zurückgeblickt. Er selbst hingegen liefere der „Allgemeinen Zeitung“ ein „Bulletin (…), welches auf dem Schlachtfelde selbst, und zwar während der Schlacht, geschrieben worden ist und daher unverfälscht die Farbe des Augenblicks trägt.“

Im wörtlichen Sinne als ein Bulletin werden uns die Neuigkeiten derzeit minütlich online aufbereitet, und im digitalen Rausch der Schlagzeilen, die der Nachrichtenlage kaum hinterherzukommen scheinen, versuchen wir, uns des Ernsts der Lage bewusst zu werden, nicht ohne die von Heine 1832 erwähnten „Irrtümer, falschen Prophezeiungen und schiefen Ansichten, die (…) zur Geschichte der Zeit gehören“, auf unsere Weise zu wiederholen.

Zur Autorin

Margit Dirscherl ist Professorin für Neuere deutsche Literatur und Medien an der Ludwig-Maximilians- Universität München.

Gleichzeitig tritt alles andere des täglichen Medien- und Alltagsgeschehens, dem wir sonst Aufmerksamkeit schenken würden, in den Hintergrund. Heine setzt dazu an, die damalige politische Lage in Frankreich zu beschreiben, die „Staatsveränderungen“, ehe sein Zeitungsartikel eine abrupte Wendung nimmt: „Die Gegenwart ist in diesem Augenblicke das Wichtigere, und das Thema, das sie mir zur Besprechung darbietet, ist von der Art, daß überhaupt jedes Weiterschreiben davon abhängt.“ Wir kennen die beiläufige, ja lapidare Art und Weise, in der Heine rhetorisch mit Existenziellem umgeht. Noch deutlicher tut sie sich darin kund, wie er sich zu seinen Arbeitsbedingungen äußert: „Ich wurde in dieser Arbeit viel gestört, zumeist durch das grauenhafte Schreien meines Nachbars, welcher an der Cholera starb.“

Ein solcher Ton ist uns unvertraut, mutet uns seltsam an. Die Inhalte hingegen, die Heine berichtet, sind uns heute auf die seltsamste Weise vertraut. Man habe der Epidemie „um so sorgloser entgegengesehen, da aus London die Nachricht angelangt war, daß sie verhältnismäßig nur wenige hingerafft.“ Aber die Krankheit habe aus „Furcht vor dem Ridikül“ umso heftiger zugeschlagen, bis das Volk mit seinem ansonsten „grenzenlosen Leichtsinne“ sie schließlich ernst nehmen musste. Die Pariser hätten sich im sonnigen Märzwetter noch auf den Straßen getummelt und mit ihren Karnevalsmasken die Cholera-Ängste und die Krankheit selbst verspottet, ehe „plötzlich der lustigste der Arlequine eine allzu große Kühle in den Beinen verspürte, und die Maske abnahm, und zu aller Welt Verwunderung ein veilchenblaues Gesicht zum Vorscheine kam.“ Angesichts der Möglichkeit, sich anzustecken, habe man die ersten Toten noch in ihrem Karnevalskostüm beerdigt; „lustig wie sie gelebt haben, liegen sie auch lustig im Grabe.“

Unter all den Jecken jener eine, der vom Fieber gepackt zusammenbricht – so spektakulär war es 2020 nun nicht, auch wenn wir uns rückblickend darüber im Klaren sind, dass es bei den diesjährigen Karnevalsfeierlichkeiten im Rheinland zu jeder Menge Ansteckungen gekommen sein muss. Eine Karnevalssitzung nahe der niederländischen Grenze wurde rückblickend als „Stunde Null der deutschen Corona-Epidemie“ bezeichnet (NZZ, 12.3.2020). Zugegeben, ebensowenig spektakulär war es in Paris, das erste Opfer der Cholera in der Stadt soll ein Koch gewesen sein, und sich nicht auf dem Karneval vergnügt haben. Hat Heine geschummelt, um uns zu vermitteln, wie radikal sich die Stimmung innerhalb kürzester Zeit auf den Pariser Straßen wandelte? Oder wollte er uns den Leichtsinn all derer vorzuführen, die, in den Worten Marietta Slomkas, „den Schuss nicht gehört haben, oder nicht hören wollen“? „Nur ein Tor konnte sich darin gefallen, der Cholera zu trotzen“, schrieb Heine, und diese Toren gibt es anscheinend noch immer.

Die erfundene Anekdote vom Arlequin mit veilchenblauem Gesicht hinter der Karnevalsmaske erinnert uns nicht zuletzt an die händeringende Suche nach „Patient Null“ im chinesischen Wuhan. Ebenso hoch scheint der Aufwand gewesen zu sein, den man 1832 betrieb, um nach dem achtlos gefeierten Karneval mit einem Mal Sicherheit zu gewährleisten. Statt darzustellen, was für Maßnahmen getroffen werden, erzählt uns Heine allerdings von all jenen, die ihre eigenen Interessen gegen diese Maßnahmen verteidigen, wie von den Lumpensammlern, die gegen die Säuberung der Straßen aufbegehren, weil sie auf das sich dort ansammelnde Gerümpel angewiesen sind. Ihre Verbündeten finden sie ausgerechnet in den königstreuen Karlisten, die darauf hoffen, dass die Cholera noch weiter um sich greift, um in der Folge die Regierung zu Fall zu bringen. Glücklicherweise zeichnen sich zumindest hier wesentliche Unterschiede zu unserer Zeit ab. Während Heine sich die Frage stellen musste, wer „in dieser Misere die Zügel des Ministeriums ergreifen“ werde (in einem Brief an Cotta), gelingt es den Landes- und Bundespolitikern, zusammenzuarbeiten und sich zu einigen, auch wenn erst einige Stimmen laut werden mussten, ehe es bundesweit zu konsequenteren Maßnahmen kam.

Andere Szenen bei Heine erinnern uns hingegen allzu sehr an das, was wir derzeit aus den Medien erfahren. In seiner Beschreibung der in Leichensäcken aufeinandergestapelten Toten erkennen wir die erschütternden Bilder der vielen Särge aus Norditalien wieder. Auch die Fake News sind kein neues Phänomen. Bei Heine wird dem Gerücht geglaubt, „die vielen Menschen, die rasch zur Erde bestattet würden, stürben nicht durch eine Krankheit, sondern durch Gift. (…) Je wunderlicher die Erzählungen lauteten, desto begieriger wurden sie vom Volke aufgegriffen“. Und nicht zuletzt tritt während der Epidemie das wechselseitige Misstrauen zutage, das mitunter in Bedrohungen mündet. Das Unsolidarische des Menschen offenbart sich in dramatischen Szenen, die tatsächlich wie Krieg anmuten: „An der Straße St.-Denis hörte ich den altberühmten Ruf ‚A la lanterne!‘ und mit Wut erzählten mir einige Stimmen, man hänge einen Giftmischer.“ Tags darauf erweist sich besagtes Gift als ein harmloses Pulver, in dem man sich ein „Schutzmittel gegen die Cholera“ erhoffte. Eine Packung Klopapier ist wahrlich kein Schutzmittel gegen Corona, doch dieser Tage scheinbar wert, im Supermarkt mit einem Messer erstritten zu werden.

„Seitdem ist hier alles ruhig (…). Eine Totenstille herrscht in ganz Paris. Ein steinerner Ernst liegt auf allen Gesichtern. Mehrere Abende lang sah man sogar auf den Boulevards wenig Menschen, und diese eilten einander schnell vorüber, die Hand oder ein Tuch vor dem Munde. Die Theater sind wie ausgestorben.“ Zuletzt erzählt Heine von den Leichenzügen und, „was noch melancholischer aussieht, Leichenwagen, denen niemand folgte.“ Er erzählt von den Fiakern und den Möbelwagen, die als „Totenomnibusse, als omnibus mortius herumfuhren“. Im Paris der 1830er wird der Anblick der vielen Toten nicht der Öffentlichkeit entzogen, wie wir es gewohnt sind, auch wenn in Norditalien inzwischen Särge von Militärtransportern abgeholt werden. Heines Artikel schließt mit einem Friedhofsbesuch, mit einem Blick auf „nichts als Himmel und Särge“ und einem bewegenden Panorama von Paris, das er, der nun „bitterlich über die unglückliche Stadt“ weint, vom Friedhof Père-Lachaise aus überblickt. Jede Zuversicht fehlt darin, aber eine Liebeserklärung an Paris ist es dennoch, die, auf ihre Weise, erhebend ist.

Trotz aller Fake News, Panik, kurzweiliger Frömmigkeit und sonstiger wechselhafter Launen sind die Pariser in Heines Artikel aber nicht abergläubisch, sondern gehen immer wieder auch pragmatisch mit der Krise um. Während die Reichen aus der Stadt fliehen, tragen die Daheimgebliebenen „Leibbinden von Flanell“ und geben sie teilweise großzügig an andere Bürger weiter. „Flanell ist wirklich jetzt der beste Panzer gegen die Angriffe des schlimmsten Feindes.“ Das Thema von Heines Artikel und dessen Darstellung sind vor allem erschütternd; aber bemerkenswert ist auch die Modernität des Paris der frühen 1830er Jahre, die in Heines Bericht über die „vermaledeite Cholera“ (Brief an Karl August Varnhagen von Ense) sichtbar wird.

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