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Nach Rassismus-Vorwürfen: Verlag zieht Buch zu „Der junge Häuptling Winnetou“ zurück

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Von: Daniel Kothenschulte

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Karl May als Old Shatterhand.
Karl May als Old Shatterhand. © akg-images

Der Ravensburger Verlag hat die Buchausgaben zum Kinderfilm „Der junge Häuptling Winnetou“ vom Markt genommen. Förderinstitutionen des Films zeigen sich verhalten.

„Heute startet endlich der lang ersehnte Film ‚Der junge Häuptling Winnetou‘ in den Kinos‘, vermeldete der Ravensburger Verlag noch am 11. August auf seinem Instagram-Account mit einem fröhlichen Smiley. „Das passende ‚Buch zum Film‘ ab 8 Jahren und das ‚Erstlesebuch zum Film‘ ab 7 Jahren findet ihr ab sofort bei uns.“

Umso überraschender las sich nun die Folgenachricht an gleicher Stelle: „Wir haben die vielen negativen Rückmeldungen zu unserem Buch ,Der junge Häuptling Winnetou‘ verfolgt und wir haben heute entschieden, die Auslieferung der Titel zu stoppen und sie aus dem Programm zu nehmen. Wir danken Euch für Eure Kritik. Euer Feedback hat uns deutlich gezeigt, dass wir mit den Winnetou-Titeln die Gefühle anderer verletzt haben. Das war nie unsere Absicht und das ist auch nicht mit unseren Ravensburger Werten zu vereinbaren. Wir entschuldigen uns dafür ausdrücklich.“

Verlag zieht nach Rassismus-Vorwürfen Winnetou zurück: Stereotyp des „Edlen Wilden“

Die Entscheidung ist bemerkenswert, zumal der 1883 gegründete Traditionsverlag seither von negativen Kommentaren („Wann ist denn die Bücherverbrennung?“) förmlich überschüttet wurde. Auch die FR hatte zum Kinostart auf die rassistischen Implikationen des Films hingewiesen, die insbesondere das Stereotyp des „Edlen Wilden“ an das kindliche Zielpublikum weitertransportiert. Karl-May-Fans verweisen gerne darauf, dass es der Autor selbst an negativen Zeichnungen indigener Völker nicht mangeln ließ, vor allem der Kiowas und Komantschen, zugleich aber auch auf die Unterdrückung durch den weißen Mann verwies: Erst der Abschuss der Büffel, Überfälle auf zugesichertes Land und sonstigen Vertragsbruch habe sie in eine räuberische und gewalttätige Existenz getrieben.

Doch bereits die paternalistische Verklärung des indigenen „Anderen“ ist rassistisch. Die damit verbundene Reduktion auf ein erfundenes Ideal bedeutet einen Raub von Identität, der durch Werke wie „Der junge Häuptling Winnetou“ weiter befeuert wird. Erst wenn dieser Rassismus identifiziert und problematisiert wird, kann er überwunden werden – aber gerade hiermit tut man sich gerade in Deutschland schwer, was auch in vielen Kommentaren zum Ravensburger-Post durchscheint.

Verlag zieht nach Rassismus-Vorwürfen Winnetou zurück: Der Film erhielt dennoch Förderungen

Jeder Angriff auf Winnetou berührt bei vielen Deutschen auch einen Schatz sehr angenehmer Kindheitserinnerungen. Nur verschwinden diese ja nicht durch ein erweitertes Bewusstsein über die Kontexte, im Gegenteil. Besseren Familienfilmen gelingt es im Übrigen auch, das Spielerische und Phantastische zu feiern ohne an problematischen Stereotypen festzuhalten. Vielleicht ist Ravensburger als ein vor allem durch seine Gesellschaftsspiele bekannter Verlag hier sogar besonders berufen, neue Wege der Vermittlung auszuprobieren.

Weit schwerer tut man sich bei den Förderinstitutionen mit der Problematik dieses Familienfilms. Erst nach Kinostart erreichte uns eine Stellungnahme von Claudia Roth, als Kulturstaatsministerin verantwortlich für die Filmförderung des Bundes. Sie beruft sich auf ihre Neutralitätspflicht, verweist aber auf den gesetzlichen Ausschluss der Förderung verfassungsfeindlicher, gesetzeswidriger, pornographischer oder gewaltverherrlichender Filme oder solcher, die „,offenkundig religiöse Gefühle tiefgreifend und unangemessen verletzen‘ (§ 46 Filmförderungsgesetz)“.

Verlag zieht nach Rassismus-Vorwürfen Winnetou zurück: Diversitäts-Workshops für Jurymitlieder geplant

Auch die Berücksichtigung von Diversität sei im Filmförderungsgesetz festgeschrieben. „Zusätzlich werden derzeit in Zusammenarbeit mit der FFA Sensibilisierungsworkshops erarbeitet. Damit soll mehr Bewusstsein für das Thema Diversität bei denjenigen geschaffen werden, die über Filmförderanträge entscheiden – also bei Kommissions- und Jurymitgliedern. Ziel dieser Workshops ist es, dass in den zur Förderung empfohlenen Projekten die Vielfalt der Gesellschaft künftig noch stärker abgebildet wird – sowohl vor als auch hinter der Kamera.“

Was bedeutet das aber für die Verwendung rassistischer Stereotype? Wie weit ist das Bewusstsein für Diversität in der deutschen Kulturpolitik entwickelt, wenn sie durch alle Raster fallen? Wäre es nicht sinnvoller, die Filmförderung wieder als das anzusehen, als das sie einmal gegründet wurde, als ein Instrument, die Qualität deutscher Filme zu verbessern? Künstlerische Positionen gegen über rein kommerziellen Interessen zu stärken? Selbst wenn sie wollte, könnte Claudia Roth die Förderung rassistischer Inhalte offensichtlich nicht verhindern. (Daniel Kothenschulte)

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