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Verfolgungswahn: RAF-Terror und die Festnahme von Andreas Baader in Frankfurt

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Von: Arno Widmann

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Der Ort der Festnahme, 2012 fotografiert: Hofeckweg 2-4, Frankfurter Dornbusch.
Der Ort der Festnahme, 2012 fotografiert: Hofeckweg 2-4, Frankfurter Dornbusch. © Imago

Vor 50 Jahren in Frankfurt: Der 1. Juni 1972, der Beginn des deutschen Terrorismus und die Diskussionen der radikalen Linken.

Am Morgen des 1. Juni 1972 wurden Andreas Baader, Holger Meins und Jan-Carl Raspe in einer schon länger observierten Garage im Hofeckweg 2–4 am Frankfurter Dornbusch verhaftet. Jan-Carl Raspe, der vor der Garage Schmiere stand, schoss, wurde aber entwaffnet und gefangen genommen. Die Garage, in der Baader und Meins sich befanden, wurde von der Polizei mit Tränengas beworfen und dann von außen verrammelt.

Als Baader versuchte, eine Tür einen Spaltbreit zu öffnen, schoss ein Beamter mit einem Zielfernrohr in seinen Oberschenkel. Holger Meins ergab sich darauf so, wie man es ihm gesagt hatte: Er warf seine Waffen weg, zog sich aus und ging bis auf die Unterhose nackt mit erhobenen Armen auf die Polizisten zu. Die Belagerung durch die Polizei hatte sich hingezogen. So waren außer vielen Schaulustigen auch Fernsehen und Reporter vor Ort.

Das Foto des mageren Meins ging um die Welt. Es habe, so schreibt Stefan Aust in seinem Buch „Der Baader Meinhof Komplex“, wohl viele an Aufnahmen von KZ-Gefangenen erinnert. Bilder sagen mehr als tausend Worte, heißt es. Man vergisst, wenn man das sagt, meistens, dass Bilder auch lügen können wie mehr als tausend Worte. Das Bild des gerade eben erst gefangen genommenen Holger Meins gehört sicher dazu. Es wurde so etwas wie eine Ikone der Komitees, die sich bildeten zur Unterstützung der RAF-Gefangenen. Aust erzählt auch, wie der Vater von Holger Meins seinen Sohn in einem Krankenhaus besuchte und der ihm seinen von Polizeibeamten grün und blau geschlagenen Körper zeigte.

Schlugen sie ihn zusammen, weil er ein Terrorist war? Oder weil sie es konnten? Vielleicht haben sie es ja auch nicht getan. Aber warum war Holger Meins dann in einem Krankenhaus?

„Sie haben Andreas!“, sagte mir ein Mann, den ich Jahre zuvor in einem Adorno-Seminar kennengelernt hatte, einer der belesensten und vielfältig interessiertesten Menschen, die ich jemals kennengelernt habe. Er war beinahe zehn Jahre älter als ich und starb 2019. Er war aufgewühlt. Ich wunderte mich. Denn ich war eher froh. Meine Hoffnung war, dass das der Anfang vom Ende des Unsinns vom Projekt Stadtguerilla sein würde.

Als Andreas Baader und Gudrun Ensslin ein Drittel ihrer Haftstrafe für den Anschlag auf das Frankfurter Kaufhaus Schneider (2. April 1968) verbüßt hatten, kamen sie frei. Als im November 1969 der Bundesgerichtshof den Revisionsantrag ihrer Verteidiger ablehnte, hätten sie wieder ins Gefängnis gemusst. Sie entschieden sich für den Untergrund. Kein Versteck, sondern Schlachtfeld. Aber in den Monaten ihrer Freiheit meldeten sie sich bei der Polizei und engagierten sich für Heimzöglinge.

Diese Meetings fanden samstags im Walter-Kolb-Heim am Beethovenplatz statt. Dort traf ich die beiden öfter. Ich kann mich nicht erinnern, was ich mit ihnen gesprochen habe. Aber ich kann mich an ein Treffen in der Buchhandlung Libresso am Opernplatz erinnern. Heute ist dort ein teures Restaurant. Bei dem Treffen stellten uns Baader und Ensslin – ich weiß nicht, wer noch – den Weg des bewaffneten Kampfes in den Metropolen vor. Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen ihnen und den Vertretern des „Volkskrieges“. Die warfen Baader & Co. Subjektivismus und Anarchismus vor. Baader antwortete, sie wandten sich an uns, die wir eine kommunistische Partei aufbauen wollten, ja gerade weil sie keine Anarchisten seien, sondern sich als Rote Armee Fraktion (RAF) beim Parteiaufbau einbringen wollten. Damals hörte ich das erste Mal den Begriff Rote Armee Fraktion.

Irgendwann verließ die Baadergruppe – so sagten wir damals –, nachdem sie sich auf Che Guevara und das Konzept, einfach mit einer kleinen Gruppe den Kampf zu beginnen, berufen hatte, wütend die Versammlung. Ich kann mich nicht erinnern, mich mit irgendjemandem damals darüber unterhalten zu haben. Obwohl ich das ganz sicher tat. Ich bin ein schlechter Zeitzeuge.

Am 7. Juni 1972 wurde Gudrun Ensslin in einer Hamburger Modeboutique verhaftet. Die Geschäftsführerin war in Ensslins abgelegter Jacke ein Revolver aufgefallen. Sie rief die Polizei. Am 15. Juni wurden in Langenhagen bei Hannover Gerhard Müller und Ulrike Meinhof verhaftet. Der Mann, den eine Bekannte gebeten hatte, zwei Leute bei sich unterzubringen, hatte die Polizei gerufen. Mitte Juni waren die bekanntesten Mitglieder der Roten Armee Fraktion im Gefängnis. Aber das war nicht das Ende, sondern jetzt erst begann der deutsche Terrorismus.

„Hitlers Kinder“? Sicher. Gudrun Ensslin hatte in ihrem mit Bernward Vesper betriebenen kleinen Verlag auch vor, eine Gesamtausgabe der Werke des Nazi-Schriftstellers Will Vesper – Bernward Vespers Vater – zu veröffentlichen. Sie bezeichnete ihn als „liebenswertesten, unterhaltendsten und geistreichsten Dichter, den Deutschland in diesem Jahrhundert besessen hat“. Sie verglich seine Haltung und die Missachtung, der er jetzt ausgeliefert sei, mit der Haltung der demonstrierenden Studenten und der Feindseligkeit der Bevölkerung, der sie sich gegenübersahen. Andere sprachen damals von den Studenten als den Juden von heute. Auch ein Blödsinn. Von Plänen des jungen Verlegerpaars Ensslin und Vesper, für die von Nazideutschland ermordeten Autorinnen und Autoren zu tun, was sie für den Nazi Will Vesper tun wollten, ist mir nichts bekannt.

Die Geschichte von 1968 ist keine gänzlich antifaschistische. Habermas’ später zurückgezogener Vorwurf vom Linksfaschismus traf einen Nerv. Aber es ist unmöglich, die Entwicklung zu verstehen nur aus der deutschen Situation heraus. Das gilt auch und ganz besonders für die 68er-Bewegung. Sie war international. Sie blickte sich überall um auf der Welt nach Vorbildern und Freunden. Das Fernsehen zeigte uns den studentischen Kampf gegen Flughafenerweiterungen in Tokio. Wir erlebten in unseren Demonstrationen in Frankfurt, mit welcher Energie und Wut kurdische Genossen und Genossinnen auf die Straße gingen. Wir lasen von der Stadtguerilla in Uruguay. Der Vietnamkrieg, die Kämpfe in Lateinamerika und in Afrika. Überall Krieg. Überall bewaffneter Kampf. Der durch freie Wahlen Präsident Chiles gewordene Salvador Allende wurde bei einem von den USA unterstützten Militärputsch 1973 ermordet.

Der Vorsitzende der italienischen kommunistischen Partei, Enrico Berlinguer, zog daraus den Schluss, 51 Prozent der Stimmen würden zwar genügen, um die Wahl zu gewinnen, um aber die Gesellschaft wirklich verändern zu können, dafür sei ein historischer Kompromiss notwendig, zu dem sich weit größere Teile der Bevölkerung bereiterklären müssten. Andere zogen aus Allendes Scheitern den Schluss, er hätte neben dem Amt eine Abteilung haben müssen, die sich darauf vorbereitete, Krieg gegen das Militär, die USA und die reaktionären Teile der Bevölkerung zu führen.

Solche Debatten fanden nicht nur in kleinen Zirkeln statt. Mein Eindruck ist: Hunderttausende haben sie geführt. Heinrich Bölls Diktum über die RAF – „6 gegen 60 Millionen“ – stimmte nie. Aber es half, die Dimensionen zurechtzurücken. Der bewaffnete Kampf wurde nicht unwesentlich genährt vom Kampf gegen ihn. Dass man ihn als eine solche Gefahr betrachtete, wertete den bewaffneten Kampf in den Augen der „gegen das System“ Opponierenden auf.

Aber das änderte nichts daran, dass viele bis tief in die Siebzigerjahre hinein an die Möglichkeit eines revolutionären Umsturzes in Europa glaubten. 1974 wurde der portugiesische Diktator Salazar gestürzt. In Spanien starb 1975 Francisco Franco mit den bekannten Folgen. In Frankreich saß eine Weile die kommunistische Partei mit in der Regierung, in Italien wartete sie darauf. Die radikale Linke dagegen setzte auf Streiks, soziale Bewegungen, Hausbesetzungen und Bewaffnung. Mal war alles sorgsam voneinander getrennt. Mal ging alles durcheinander. Niemand aber rechnete mit einem Zusammenbruch der Sowjetunion.

Ich glaube keinem Menschen, der in den zehn Jahren zwischen 1967 und 1977 dabei war, wenn er mir erklärt, er sei zu jedem Zeitpunkt und für jeden Fleck auf der Welt Pazifist oder Pazifistin gewesen. Das mag es gegeben haben, aber ich habe damals niemals einen solchen Menschen getroffen. Man entkommt der Gewalt nicht, wenn man sich weigert, sie anzuwenden. Alles hängt davon ab, sie zu dosieren. Darum gingen die Auseinandersetzungen damals. Darum gehen sie heute wieder.

Als Andreas Baader wegen seiner Schusswunde operiert werden sollte, weigerte er sich zunächst. Sein Argument: „Ihr wollt mich nur aushorchen.“ Das deutsche Wort Verfolgungswahn ist darum so treffend, weil es offenlässt, ob der Wahn darin besteht, dass man glaubt, die anderen würden einen verfolgen, oder nicht vielmehr darin, dass man glaubt, andere verfolgen zu müssen. Wer unterdrücken will, stellt sich gerne als einen aufbegehrenden Unterdrückten dar. „Faschistoid“ nannten viele Bundesrepublikaner damals die Bundesrepublik. Das machte, so hieß es in einer verlogenen Wendung, „Widerstand zur Pflicht“.

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