+
Um Wildschweine von Ställen fernzuhalten, werden Zäune gezogen, das Jagdrecht gelockert, wilde Erschießungsszenarien entworfen.

Kolumne „Unter Tieren“.

Der verbarrikadierte Mensch und seine Würstchendose

  • schließen

Hilal Sezgins Kolumne „Unter Tieren“: Von Wild- und Nutztieren in der Zeit der Pandemie.

Da sitzen wir nun zu Hause, während draußen ein Virus sein Unwesen treibt, den wir der Sorglosigkeit verdanken, mit der wir Menschen uns an anderen Tierarten schadlos halten – ebenso wie die ersten Tuberkulose-Bakterien und bestimmte Pockenvarianten, etliche Grippe- und Erkältungsviren, Sars, Ebola, Salmonellen, Milzbrand und viele multiresistente Bakterienstämme.

Natürlich lässt sich aufgrund unserer biologischen Verwandtschaft mit anderen Tieren nicht verhindern, dass es überhaupt zu Zoonosen kommt, indem also zum Beispiel ein die Pest transportierender Floh von einer Ratte auf einen Menschen hinüberspringt. Aber wegen dieser Infektionsgefahr ist es eben keine gute Idee, auch noch möglichst viele Tiere auf engem Raum einzupferchen, wie es mittlerweile rund um den Globus geschieht. Und ebenso gefährlich ist es, wenn der Mensch immer entlegenere Wildtierpopulationen auf mögliche Speisekammerkandidaten durchforstet und sie auf „Wildtiermärkte“ verschleppt. Doch noch während sie sich zu Hause verbarrikadieren, bunkern viele Leute daheim Dosen mit Würstchen und Packungen mit Milch, Eiern oder Hühnerfleisch, die selbst wieder potentielle Zoonose-Erreger, Spuren von Tier-Krankheiten oder Reste von Antibiotika in sich tragen.

Währenddessen gehen in diesen Zeiten der Corona-Berichterstattung die vielen Folgen unter, die diese Pandemie wiederum für „Nutztiere“ hat. Am verrücktesten sind da wohl die Wechselwirkungen mit dem Schweinefleischmarkt. Die Deutschen sind nicht nur Schweinefleischkonsumenten, sondern ebenso fleißige Schweinefleischexporteure; China ist einer der Hauptabnehmer.

Hilal Sezgin, Jahrgang 1970, lebt als freie Autorin in der Lüneburger Heide. Jeweils zu Monatsbeginn schreibt sie an dieser Stelle „Unter Tieren“.

Das Auftreten der Afrikanischen Schweinepest (ASP) – die für den Menschen ungefährlich ist – drohte dieses Exportverhältnis empfindlich zu stören. Nicht zuletzt wegen der Angst, die Chinesen wollten kein deutsches Schweinefleisch mehr importieren, wenn es hier zum Ausbruch kommen würde, wurde und wird die ASP geradezu panisch bekämpft. Um Wildschweine von Ställen fernzuhalten, werden Zäune gezogen, das Jagdrecht gelockert, wilde Erschießungsszenarien entworfen – obwohl, wie jeder Biologe erklären kann, das Ausdünnen eines Bestands geradezu zwangsläufig zum Nachrücken verwandter Tiere aus benachbarten Regionen und somit zu einer schnelleren Verbreitung von Krankheiten führt.

In Polen und in Rumänien ist die ASP in den vergangenen Wochen bereits in einigen Betrieben aufgetreten, es wurden zehntausende von Mastschweinen, Muttersauen und Ferkeln „gekeult“. Wie mag dieses Gemetzel – ein zehntausendfaches Erschlagen oder Elektroschocken – genau aussehen? In asiatischen Ländern wurden 2019 wiederholt tausende von Schweinen in eine Grube getrieben und zugeschüttet. Wenn man bedenkt, dass den deutschen Landwirten die tierärztliche Narkose für zu kastrierende Ferkel zu teuer ist, kann man sich nicht vorstellen, dass das massenhafte Töten großer, wehrhafter Tiere hierzulande wesentlich „humaner“ abläuft.

Tatsächlich aber trat die ASP zunächst in China selbst, nicht etwa in Deutschland auf, Chinas Bestände „brachen zusammen“ (siehe oben, Stichwort Grube): Die deutschen Schweineexporteure jubelten, der Absatz lief.

Dann: Corona. Die weltweiten Transporte kamen ins Stocken, die Preise fielen.

Jetzt großes Aufatmen: Der Handel läuft wieder an!

Währenddessen wird in Laboren nicht nur an einem Corona-Impfstoff für den Menschen geforscht, sondern auch daran, „ob wir durch das Virus auch Schwierigkeiten in der Nutztierhaltung bekommen könnten“. Dies beschäftigt zum Beispiel das Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems, und man experimentiert dort mit Schweinen, Hühnern, Frettchen und Nilflughunden (einer Fledermausart).

Bereits die Erforschung von Krankheiten, von Therapien und von Impfstoffen im Tierversuch ist ein umstrittener (Um?)Weg, der womöglich kostbare Zeit raubt und zudem eine falsche Sicherheit verspricht, während die Verwendung von menschlichen Zellkulturen wesentlich sinnvoller wäre. Aber (Labor-)Tiere qualvollen Prozeduren zu unterwerfen, um (Nutz-)Tiere einzusperren und zu töten, ohne dass man Konsequenzen aus der Verschleppung nochmals anderer (Wild-)Tiere zu befürchten hat? Wer meint, das menschliche Recht auf Bequemlichkeit und Konsumfreiheit rechtfertige eine solche Kette von Brutalitäten, dem ist vermutlich mit keinem Impfstoff mehr zu helfen.

Hilal Sezgin,Jahrgang 1970, lebt als freie Autorin in der Lüneburger Heide. Jeweils zu Monatsbeginn schreibt sie an dieser Stelle „Unter Tieren“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion