Interview mit Anne Applebaum

US-Wahl 2020: „Donald Trump untergräbt das Vertrauen in die Demokratie“

  • vonMichael Hesse
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Journalistin und Autorin Anne Applebaum spricht im FR-Interview über die Pläne von Joe Biden und die „Wahlbetrug“-Vorwürfe von Donald Trump.

  • Anne Applebaum ist eine US-amerikanische Journalistin und Historikerin.
  • Im Interview mit der FR spricht Applebaum über Donald Trump, Joe Biden und die Zukunft der USA.
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Mrs. Applebaum, alles, was Sie vor vier Jahren in Interviews, auch in der FR, über Trumps Absichten gesagt haben, ist eingetroffen.

(Applebaum lacht) Ich habe mich eben lange mit Diktaturen beschäftigt.

Applebaum: Die „Wahlbetrug“-Vorwürfe von Donald Trump sind „von langer Hand geplant“

Der amtierende US-Präsident, Donald Trump, weigert sich, den Wahlsieg von Joe Biden anzuerkennen. Droht nun eine monatelange juristische Schlacht?

Er hat es vorher angekündigt und von langer Hand geplant, nun setzt er das um. Donald Trump hat es ja wieder und wieder gesagt. Wir wissen, warum die Zählung der Stimmen in Michigan, Wisconsin oder Pennsylvania so lange dauert: weil die Vertreter der republikanischen Partei in diesen Staaten entschieden haben, mit der Zählung nicht vor dem Wahltag der Präsidentschaftswahl 2020 zu beginnen. Wir wissen auch, dass Trump diese Verzögerung nutzen will, um den Wahlprozess zu zerstören. All das passiert genau so, wie er es vorhergesagt hat.

„Biden hat denen die Hände ausgestreckt, die ihn nicht gewählt haben. Das hat Trump nie getan.“

Anne Applebaum, Journalistin

Wird Trump überhaupt das Weiße Haus räumen?

Biden wird das Amt übernehmen und Donald Trump nicht im Weißen Haus bleiben. Was aber passieren wird: Trump wird versuchen, eine Basis, eine Anhängerschaft oder eine Fraktion hinter sich zu scharen, die immer davon überzeugt sein wird, dass diese Wahl gestohlen wurde. Trump will das für künftige politische, finanzielle, kommerzielle Vorhaben nutzen.

Donald Trump: Laut Historikerin Applebaum spaltet er die USA ganz bewusst.

Donald Trump wird die Republikaner spalten, sagt Applebaum

Gibt es jemanden in der Republikanischen Partei, der ihn hier stoppen könnte?

Er wird die Republikanische Partei spalten zwischen denen, die nun weitermachen wollen, und solchen, die die Behauptung der gestohlenen Wahl für ihre politischen Zwecke nutzen wollen. Ein Beispiel hierfür ist Marko Rubio, der in Florida neu gewählt wurde, er ist eine Art Echo der Vorwürfe von Donald Trump. Aber es gibt auch andere Stimmen unter den Republikanern.

Bürgerkrieg in den USA? „Wir befinden uns nicht im 19. Jahrhundert“, sagt Anne Applebaum.

Welchen Einfluss hat Trumps Behauptung auf die amerikanische Gesellschaft?

Das kennen wir bereits von anderen Teilen der Welt. Es untergräbt das Vertrauen in die Demokratie, in die Medien, es vertieft die Gräben. Es bestärkt die Leute, die ohnehin offen für die „alternativen Fakten“ sind und Facebook, Youtube und so weiter nutzen, um „ihre“ Wahrheit zu finden. Das ist der Zweck, den Donald Trump verfolgt.

Applebaum: „Biden hat die Hände ausgestreckt, Donald Trump hat das nie getan“

Die USA sind ohnehin schon ein gespaltenes Land, 71 Millionen stimmen für Trump, 74 Millionen für Biden. Was folgt nun?

Amerika ist immer ein gespaltenes Land gewesen, das ist nichts Überraschendes. Viele Leute wählen die Partei, die am ehesten ihre Weltsicht repräsentiert. Ich denke nicht, dass die Menschen, die die Republikanische Partei gewählt haben, in Gänze Trump fanatisch unterstützen. Einige natürlich schon. Wir werden sehen, Biden hat denen die Hände ausgestreckt, die ihn nicht gewählt haben. Das hat Donald Trump nie getan.

Was muss die neue Regierung in Angriff nehmen?

Es ist einer der katastrophalsten Momente, in dem eine neue Regierung ihr Amt antreten muss. Die größte Gesundheitskrise der letzten 100 Jahre. Eine massive Wirtschaftskrise, eine Krise in Bezug auf Rassismus, die amerikanische Außenpolitik war noch nie so schwach wie heute. Es gibt viel zu tun für Biden. Er muss den Virus in den Griff bekommen und die Wirtschaft stärken, daran muss sich alles andere anschließen. Für Europa ist natürlich von Interesse, wie er das transatlantische Verhältnis ausgestaltet. Er wird die USA und Europa wieder miteinander verbinden und eine transatlantische Partnerschaft weiterentwickeln.

Zur Person

Anne Applebaum, geboren 1964, stammt aus einer reformierten jüdischen Familie in Washington D.C. Ihre journalistische Arbeit begann sie 1988 als Korrespondentin des „Economist“ in Warschau. Von 2002 bis 2006 war sie Mitglied des Redaktionsausschusses der „Washington Post“. Zudem hat Appelbaum an verschiedenen Hochschulen in den USA (Yale, Harvard, Columbia und Texas A&M, Houston), in Großbritannien (Oxford, Cambridge, London und Belfast), in Deutschland (Heidelberg und Berlin), in Maastricht und Zürich gelehrt. Sie ist mit dem ehemaligen polnischen Außenminister Radoslaw Sikorski verheiratet.

Auf Deutsch sind von ihr mehrere Bücher erschienen, darunter: „Der Gulag“ oder „Der Eiserne Vorhang: Die Unterdrückung Osteuropas 1944–1956“, zuletzt „Roter Hunger – Stalins Krieg gegen die Ukraine“.

Applebaum ist enttäuscht darüber, das die Demokraten den Senat nicht gewonnen haben

Wer wird eigentlich für das Tagesgeschäft verantwortlich sein? Joe Biden oder seine Vize-Präsidentin Kamala Harris?

Nur Biden zählt. Er wird Kamala Harris einige besondere Aufgaben übertragen, zum Beispiel in Bezug auf die Rassismus-Problematik. Aber er ist derjenige, der im Amt ist und daher die Politik bestimmen wird.

Was erwartet die Wirtschaft von Biden?

Wir brauchen den ökonomischen Glauben zurück, wir brauchen eine bessere Infrastruktur, wir benötigen ein besseres Gesundheitssystem. Da müssen wir dringend etwas tun.

Joe Biden will die Gesellschaft vereinigen. Schafft er das? Ist das ein Wendepunkt in der US-amerikanischen Geschichte?

Ich hoffe, dass es ein Wendepunkt ist. Wir benötigen einige große Reformen. Wir benötigen große Veränderungen. Was mich enttäuscht hat, ist, dass die Demokraten nicht den Senat gewonnen haben, auch wenn sie im Januar noch zwei Sitze hinzugewinnen können. Sie hätten Mehrheiten in beiden Häusern des Kongresses benötigt, um wirklich große Vorhaben umzusetzen, wie die Reform des Gesundheitssystems. So wird es schwierig. Die Gefahr ist, dass wir eine gespaltene Regierung haben werden.

Einen Bürgerkrieg wird es nicht geben, ist sich Applebaum sicher

Wird Biden die Spaltung überwinden?

Er versucht es auf jeden Fall. Man muss es jedoch abwarten.

Wird es einen Bürgerkrieg geben?

Ich habe nie verstanden, warum von einem Bürgerkrieg die Rede war. Wir befinden uns nicht im 19. Jahrhundert. Niemand stellt gerade Armeen auf. Es gibt vielleicht Gewalt zwischen Anhängern von Donald Trump und demokratischen Unterstützern. Bisher ist es relativ ruhig geblieben. Es wird keinen Bürgerkrieg geben.

„Eine Rückkehr Trumps kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.“

Anne Applebaum

Was passiert, wenn Biden mit seinen Zielen scheitert? Gibt es eine Rückkehr Trumps?

Der nächste Präsident könnte wieder ein Republikaner und ein Verbündeter von Donald Trump sein. Aber eine Rückkehr Trumps kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, das ist in den USA unüblich. Er wird versuchen, eine geschäftliche und eine TV-Karriere anzustreben. Aber er hat keine politische Zukunft.

Applebaum: „Biden wird eine stärkere Koalition gegenüber China suchen, Trump hat das nie getan“

Wie wird die Beziehung zwischen Europa und den USA aussehen im Vergleich zur Trump-Zeit?

Sie wird ganz anders und viel besser sein. Zu den ersten Prioritäten wird ein umfassender und tiefer Meinungsaustausch mit den Alliierten gehören, um die Politik gegenüber Russland und China festzulegen. Biden wird keine America-First-Politik mehr betreiben, sondern auf die Verbündeten setzen.

Die US-Politik gegenüber China und Russland wird härter?

Es sind die beiden Nationen, von denen die größte Gefahr für unsere Demokratie ausgeht. Biden wird eine stärkere Koalition gegenüber China suchen, das ist etwas, was Donald Trump nie getan.

Amerika war unter Trump eher isolationistisch. Ändert sich das?

Die Biden-Regierung wird sicher nicht in den Krieg ziehen.

Interview: Michael Hesse

Rubriklistenbild: © SAUL LOEB/afp

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