Peter Coleman-Wright als Caligula in der English National Opera. Droht auch Donald Trump zum caligulischen Herrscher zu werden?
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Peter Coleman-Wright als Caligula in der English National Opera. Droht auch Donald Trump zum caligulischen Herrscher zu werden?

Donald Trump - Der moderne Caligula?

Die USA stehen unter Donald Trump am Scheideweg

  • Claus Leggewie
    vonClaus Leggewie
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Unter Donald Trump bekommt die Verteidigung der Demokratie in den USA eine neue Bedeutung. Sonst droht das Land dem Cäsarenwahn geopfert zu werden.

  • Die Parallelen zwischen Caligula und Donald Trump sind unübersehbar
  • Trumps Regentschaft nimmt immer mehr autokratische Züge an
  • Mit der Wahl im November stehen die USA am Scheideweg

Im Jahr 1938 liest der 25-jährige Albert Camus die Darstellung des römischen Kaiserbiografen Sueton vom größenwahnsinnigen Tyrannen Caligula (12 bis 41 n. Chr.). Daraus entsteht das erfolgreichste Theaterstück des Autors, das auf vielen Bühnen der Welt bis heute gegeben wird. 

Caligulas Geschichte - Eine Vorahnung für Donald Trump?

Für das amerikanische Publikum hat Camus eine Art Abstract verfasst: „Caligula, bis dahin ein recht liebenswerter Prinz, stellt beim Tod von Drusilla, seiner Schwester und Geliebten, fest, dass ‚Männer sterben und sie nicht glücklich sind‘. Besessen von der Suche nach dem Absoluten und vergiftet durch Verachtung und Entsetzen, sucht er durch Mord und die systematische Pervertierung aller Werte eine Freiheit, die, wie er dann entdecken wird, keine ist. 

Freundschaft und Liebe, einfache menschliche Solidarität, Gut und Böse, alles lehnt er ab. (...) So entvölkert Caligula die Welt um sich herum und tut seiner Logik gemäß alles, was nötig ist, um die zu bewaffnen, die ihn schließlich töten werden. Caligula ist die Geschichte eines gehobenen Selbstmordes. Es ist die Geschichte der menschlichsten und tragischsten aller Fehler. Den Menschen untreu, aus Loyalität zu sich selbst, willigt Caligula ein, dafür zu sterben, dass er verstanden hat, dass kein Wesen sich selbst retten kann und dass man nicht frei gegen andere Menschen sein kann.“

Caligula und Camus Warnung vor dem Cäsarenwahnsinn

Anders als diese Exposition einer Revolte im Werk-„Zyklus des Absurden“, wurde das Stück meist als Exempel historischen Cäsarenwahnsinns und Warnung vor modernen Tyrannen in Szene gesetzt, wie in Camus’ eigenen Bearbeitungen angesichts von Hitler und Stalin und in der Premiere von 1945 im Pariser Théâtre Hébertot. Wenn der friedensbewegte Ludwig Quidde 1894 den römischen Kaiser als Größenwahnsinnigen stilisierte, zielte er damit auf den in vieler Hinsicht ebenso megalomanen Wilhelm II.

Altphilologen haben das von Sueton bis Quidde tradierte Image Caligulas mittlerweile korrigiert, aber er blieb der Haushaltsname für einen von allen guten Geistern verlassenen, von Beratern und Beamten nicht mehr zu bremsenden und am Ende alles zuschanden reitenden Diktator: Ein paranoider Sadist, der die Senatoren-Elite kujonierte, Menschen willkürlich verhaften und foltern ließ und zur Prostitution zwang, und ein zynischer Narziss, der sich als Gott verehren ließ, seinen Gaul zum Konsul bestellte und Zeremonien nach dem Vorbild orientalischer Despoten inszenierte.

Das Beispiel Caligula wirkt im Vergleich zu Donald Trump erschreckend aktuell

Das alles war für ein von republikanischen Fesseln befreites Kaisertum nicht ungewöhnlich, wirkt aber angesichts der Machenschaften eines Donald Trump und seiner imperialen Präsidentschaft im Ausnahmezustand erschreckend aktuell. Caligula, Arturo Ui, King Lear – Donald Trump hat schon viele Namen bekommen, alle passen nur bedingt und Caligula schon ob seiner Jugend nicht. Doch auch dem glühenden Verfechter transatlantischer Freundschaft und Bewunderer der vier Grundfreiheiten, für die Amerika weiter stehen soll, ist klar geworden, welche Gefahr der 45. Präsident für sein Land und die Welt darstellt.

Im Inneren setzt er auf die Militarisierung eines Bollwerks weißer Suprematie, nach außen lockert er die Selbstbindungen der Nukleargewalt und spielt mit der Bombe. Dass die Corona-Epidemie Menschen ruiniert und dahinrafft, interessiert ihn wenig – es sind überproportional Afro-Amerikaner, die ihn ohnehin nicht gewählt hätten. So darf man Trumps Re-Tweet verstehen, nur ein toter Demokrat sei ein guter Demokrat.

Dondal Trump - Der beliebte Autokrat

Trumps Wiederwahl im November wäre eine Katastrophe und bei einer drohenden Niederlage wird er alles daran setzen, die Präsidentenkür hinauszuzögern oder abzusagen. Ähnlich wie Caligula ist der Autokrat in Teilen des Volkes beliebt, das konservative Establishment und vor allem die Evangelikalen halten ihm die Stange. Mit William Barr hat er einen Justizminister an der Seite, gegen den Carl Schmitt, der „Kronjurist des Dritten Reiches“ und Theoretiker des Ausnahmezustands, ein Piepser am Ohr der Macht war. 

Bedenkenlos hetzt Trump seine Truppen, darunter bis an die Zähne bewaffnete Rechtslibertäre, zum Aufstand auf, statt endlich als Anführer einer Nation im freien Fall zu Einheit und Frieden aufzurufen. Doch möge er bloß seinen Mund halten: Die Rede, die er womöglich halten wird, könnte der Funke eines Flächenbrands sein, der Caligula in den Herostraten Nero verwandelt.

Die USA stehen unter Donald Trump am Scheideweg

Was sich gerade auf Amerikas Straßen abspielt, könnte Vorstufe eines veritablen Bürgerkriegs sein oder nun doch Trumps Niedergang einleiten. Wer jetzt gegen den Rassismus demonstriert, wie die an kulturellen Pluralismus gewöhnten Millennials aller Herkunft und Hautfarbe, der muss anders als bei bisherigen Aufwallungen im November zur Wahl gehen und für den in diesen Kreisen eher unbeliebten Joe Biden und seine hoffentlich zugkräftige Vizepräsidentin von Tür zu Tür ziehen. Amerika steht am Scheideweg, es wird sich zeigen, ob sich der politische Nihilismus weiter in seine Ligaturen hineinfrisst.

Trumps Wille zur Diktatur ist klar erkennbar und dabei ohne jede existenzielle Tiefendimension, aber die Demokratie kann sich verteidigen. Sie braucht keinen Cassius Chaerea, den vom Kaiser als Weichling verspotteten Tribun der Prätorianergarde, der Caligula im letzten Akt wie im wahren Leben umbrachte. (Claus Leggewie)

Die New York Times berichtet von russischen Prämien für getötete Nato-Soldaten an die Taliban. Alle Seiten dementieren bislang mehr oder weniger die Geschichte.

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