1. Startseite
  2. Kultur
  3. Gesellschaft

Christliche Rechte in den USA: „Ein Bund aus Blut, Boden und Religion“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Annika Brockschmidt

Kommentare

Nationalismus unterm Bild Marias: Jericho-Marschierer vor dem Pennsylvania State Capitol.
Jericho-Marschierer vor dem Pennsylvania State Capitol. © Imago

Ein Bericht zum Sturm auf das Kapitol nimmt den Christlichen Nationalismus in den Blick – in den USA immer noch unterschätzt und äußerst erfolgreich auf Macht aus.

Washington, D.C. – Etwas mehr als ein Jahr ist vergangen, seit ein gewalttätiger Mob am 6. Januar 2021 vor dem Kapitol einen Galgen errichtete, christliche Flaggen schwenkte und mit dem Kapitol das Herz der amerikanischen Demokratie stürmte. Die Bilder führten eindrücklich vor Augen, was die verschiedenen Gruppierungen, die an diesem Tag Kongressmitglieder und Polizisten bedrohten, einte: ihr Christlicher Nationalismus.

Auf die Präsenz christlicher Symbolik neben der von White Supremacists wurde bereits kurz nach dem Angriff hingewiesen. Jetzt ist unter Mitarbeit von Wissenschaftlern aus verschiedenen Disziplinen und einer Journalistin ein umfangreicher Bericht erschienen, der das Ausmaß des Einflusses des Christlichen Nationalismus an diesem Tag präzise und ausführlich analysiert. Beteiligt an der Studie waren auch die säkulare „Freedom from Religion Foundation“, das Bündnis „Christians Against Christian Nationalism“ und das „Baptist Joint Committee for Religious Liberty“, die eindringlich vor der Gefahr für die amerikanische Demokratie durch Christlichen Nationalismus warnen.

Aber was versteht man überhaupt unter Christlichem Nationalismus? „Christlicher Nationalismus“, erklärt der Soziologe Andrew Whitehead bei der Präsentation des Berichts, sei „ein sozio-kulturelles Gerüst mit ethno-nationalistischen Implikationen, das das Christentum mit dem öffentlichen Leben verschmelzen lässt“. Es vereine „verschiedene Elemente, darunter beispielsweise Traditionalismus sowie die Befürwortung von autoritärer und rassistischer Gewaltausübung“. Seine Legitimation zieht dieses Weltbild aus einem „Goldenen Zeitalter“, das nie existiert hat. Kurz gesagt: Weiße Christliche Nationalisten glauben, dass Amerika von Weißen Christen für Weiße Christen gegründet worden sei. Jeder, der diese Kriterien nicht erfüllt, kann in ihren Augen kein „wahrer“ Amerikaner sein.

USA: Religiöse Rechte glauben eher an Verschwörungsmythen

Doch diese Ideologie prägt nicht nur die Sicht auf die ferne Vergangenheit, sondern auch das Hier und Jetzt: „Christlicher Nationalismus, das zeigt unsere Studie, hilft Amerikanern dabei, die Ereignisse des 6. Januars in Richtung zukünftiger, autoritärer Gewalt umzudeuten“, sagt der Soziologe Samuel Perry. Konkret: Je mehr Indikatoren des Christlichen Nationalismus erfüllt sind, umso wahrscheinlicher ist es, dass die Befragten Trump keine Schuld am Sturm auf das Kapitol geben und dass sie an Verschwörungsmythen glauben, die behaupten, dass die „Black Lives Matter“-Bewegung oder die Antifa dafür verantwortlich seien.

Die Journalistin Katherine Stewart berichtet seit mehr als zehn Jahren über die Religiöse Rechte. Christlicher Nationalismus, so Stewart in dem Bericht, habe in Trumps Versuch, die Wahl zu stehlen, eine entscheidende Rolle gespielt. Mehr noch, der Christliche Nationalismus habe die Voraussetzungen geschaffen, die den Terrorangriff vom 6. Januar erst möglich gemacht hätten: eine hermetisch geschlossene Informationsblase, in der eine Anhängerschaft mit Falschinformationen versorgt und aufgestachelt werden konnte, sowie die Verbreitung eines Gefühls von Verfolgung und von Rachedurst unter den „Fußsoldaten“ der Religiösen Rechten. Diese Emotionen richteten sich direkt gegen die politischen Gegner, die als „dämonische Kräfte“ dargestellt seien, „gegen die man sich im Krieg befindet“. Und schließlich werde die Überzeugung verbreitet, dass die Legitimität der amerikanischen Regierung sich aus einer bestimmten religiös-kulturellen Grundlage herleite, „einem Bund aus Blut, Boden und Religion“.

Die von Christlichem Nationalismus ausgehende Bedrohung wird häufig kleingeredet oder als übertrieben abgetan. Immerhin, heißt es dann, sei doch klar, dass der Anteil derjenigen, die daran glaubten, kleiner werde. Doch das verkennt nicht nur das Wesen, sondern auch den Aufbau der Christlich-Nationalistischen Institutionen, die das Rückgrat der amerikanischen Religiösen Rechten ausmachen: ein enges Netz von juristischen Interessenvertretungen, ausgeklügelten Datentransaktionen, politischen Think Tanks und einer riesigen rechten Nachrichten-Sphäre.

Der christliche Nationalismus der USA ist zahlenmäßig in der Minderheit

Die Stärke der Bewegung liegt nicht in ihren Zahlen – ganz im Gegenteil, sie weiß sehr genau, dass sie nicht mehr mehrheitsfähig ist –, sondern in ihrer dichten Infrastruktur, und ihrem disziplinierten, organisierten Engagement für eine gemeinsame ideologische Vision, die nicht mit einer multi-ethnischen, pluralistischen Demokratie vereinbar ist. Das Ziel des Christlichen Nationalismus ist ein Amerika, in dem es sich in einer allen anderen vorangestellten politischen und gesellschaftlichen Machtposition befindet, Zugang zu Steuergeldern hat und Gesetze erlassen kann, die seine Weltsicht bevorzugen.

Dieses mächtige Netzwerk, so Stewart, habe der Verbreitung der „Großen Lüge“ Trumps vom angeblichen Wahlbetrug nicht nur Vorschub geleistet, sondern sie aktiv und koordiniert beworben. Mit dem „Council for National Policy“ (CNP) – eine Art Dachorganisation der Religiösen Rechten – verbundene Organisationen und Personen wie das „Conservative Action Project“ und Charlie Kirk („Turning Point USA“) unterstützen sie aktiv oder wenigstens indirekt – wie die „Alliance Defending Freedom“, die Zweifel an der Legitimität von Wahlen säte.

Die Warnzeichen waren schon vor dem 6. Januar da, berichtet Andrew Seidel von der „Freedom from Religion Foundation“. Er hat für den Bericht Hunderte Stunden Videomaterial angeschaut – nicht nur vom Angriff auf das Kapitol selbst, sondern auch von Veranstaltungen der Wochen vorher. Die „Jericho Märsche“, organisiert von der Religiösen Rechten überall im Land, nennt er als ein Beispiel von vielen. Nach der biblischen Überlieferung wurde Jericho von den Israeliten erobert und zerstört. „Die Schlacht von Jericho war ein Genozid. Organisierte Veranstaltungen haben diese Geschichte des Massenmords im Vorfeld nachgespielt. Wie konnten wir ernsthaft überrascht sein, dass es zu Gewalt kam?“

Der religiöse Subtext des Sturms aufs US-Kapitol

Aus Worten folgten Taten: Die Rhetorik der Christlichen Nationalisten, so Seidel, sei eine kriegerische: „Man dankte Gott für die ‚Kriegswaffen‘, mit denen er einen gesegnet hat“, berichtet er. Bischöfe, ehemalige Soldaten und Kongressabgeordnete hielten Reden, bei denen wortwörtlich „zu den Waffen“ gerufen wurde, der Anführer der Miliz „Oath Keepers“ rief zum „blutigen Krieg auf“ – alles in Gottes Namen.

Und auch Bilder vom Tag des Angriffs selbst, die Außenstehende nicht direkt mit Christlichem Nationalismus in Verbindung bringen würden, referieren darauf. So zum Beispiel der aufgestellte Galgen. Auf ihn schrieben die Aufrührer ihre Losungen: „Hängt sie hoch“, „In Gottes Namen“, „Amen“. Auch der Mob, den der Polizist Eugene Goodman nur knapp von noch anwesenden Kongressabgeordneten weglotsen konnte, trug christlich-nationalistische Symbole.

Am 6. Januar 2021 stürmen Anhänger:innen von Donald Trump das Kapitol in Washington, DC. (Archivfoto)
Am 6. Januar 2021 stürmen Anhänger:innen von Donald Trump das Kapitol in Washington, DC. (Archivfoto) © Evan Vucci/dpa/AP

Der religiöse Subtext war, analog zur heterogenen Zusammensetzung der Religiösen Rechten, an diesem Tag keinesfalls nur von Weißen Evangelikalen geprägt. Es gab auch katholische Symbolik: Banner und Transparente mit der Gottesmutter Maria wurden genauso in die Höhe gereckt wie eines mit Donald Trump im Braveheart-Aufzug (ein in der Kultur des Weißen Evangelikalismus besonders einflussreicher Film). Ein katholischer Priester gestand später, er habe im Kapitol einen Exorzismus durchgeführt. „Ich glaube, die meisten Menschen sind sich nach wie vor nicht bewusst, wie kurz davor wir an diesem Tag waren, Amerika zu verlieren“, resümiert Seidel.

Und der Angriff der Religiösen Rechten auf die amerikanische Demokratie ist keineswegs vorbei, im Gegenteil: Auf Bundesstaatsebene versucht sie durch diverse Gesetzesvorhaben und das aggressive Neuziehen von Wahlbezirksgrenzen dafür zu sorgen, dass der nächste Präsident keine Mehrheit mehr braucht. Wenn er das Electoral College nicht rechtmäßig gewinnt, könnten ihm republikanisch dominierte Parlamente in den Bundesstaaten den Sieg „schenken“, wenn kein Gouverneur sein Veto einlegt und der Kongress republikanisch dominiert ist – unabhängig vom demokratischen Wahlergebnis.

Je kleiner die religiöse Rechte, desto „militanter“

Der Angriff auf die Demokratie gehe von Beschneidungen des Wahlrechts, die besonders People of Colour treffen, bis zur Kontrolle von Lehrplänen an Schulen, analysiert der Historiker Jemar Tisby. „Christlicher Nationalismus nutzt legitime demokratische Prozesse für sich, um ‚christliches Amerika‘ zu schaffen.“ Und auch wenn die Gruppe der Religiösen Rechten kleiner wird, ist das für Perry kein Grund zur Entwarnung: „Je kleiner die Gruppe wird, desto militanter wird sie. Unter Weißen Amerikanern ist Christlicher Nationalismus statistisch mit antidemokratischen Ansichten verbunden – daher müssen wir wachsam sein.“

Die Autorin

Annika Brockschmidt ist die Autorin des Buches „Amerikas Gotteskrieger. Wie die Religiöse Rechte die Demokratie gefährdet“, 2021 bei Rowohlt erschienen, 416 Seiten, 16 Euro.

Denn die Rhetorik der Christlichen Nationalisten ist im vergangenen Jahr noch aggressiver geworden: Auf ihren Konferenzen werden politische Gegner mehr und mehr entmenschlicht dargestellt. Eine solche Sprache, betont Seidel, „ist einer der Vorläufer von Genozid“. Trotzdem sei noch nicht alles verloren: „Wir können Christlichen Nationalismus besiegen. Wir können ihn an den äußersten Rand zurückdrängen. Das bedeutet: den Mythos bekämpfen, und es braucht eine nationale Bewegung, die die Trennung von Kirche und Staat hochhält. Es kann keine Religionsfreiheit geben, ohne dass es Freiheit von Religion gibt.“ Es brauche eine „breite und diverse Koalition von Amerikanern, die sich gegen Christlichen Nationalismus stellen“, erklärt Amanda Tyler von „Christians Against Christian Nationalism“. Denn daran hänge die Zukunft der amerikanischen Demokratie, schließt Seidel: „Christlicher Nationalismus teilt nicht. Amerika als Demokratie und Christlicher Nationalismus können nicht friedlich koexistieren, eines von beiden wird gewinnen müssen. Wir können nicht beides haben.“ (Annika Brockschmidt)

Auch interessant

Kommentare