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Eine Ähnlichkeit, die zu nichts führte: Betrachtung einer Fotomontage aus Trump und Johnson vor 10 Downing Street im Sommer 2019.
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Eine Ähnlichkeit, die zu nichts führte: Betrachtung einer Fotomontage aus Trump und Johnson vor 10 Downing Street im Sommer 2019.

Großbritannien und USA

USA & Großbritannien: Mythos der „besonderen Beziehung“

  • vonRüdiger Görner
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„Special relationship“: Die besonderen Beziehungen zwischen den USA und Großbritannien, auch in diesen Tagen beschworen, sind eine englische Fiktion.

Ein noch amtierender Präsident inszeniert sein eigenes Satyrspiel, und es gerät ihm unter der Hand zur Schmierenkomödie auf der Bühne des Weißen Hauses und der sogenannten sozialen Medien. Dass er dabei seinen bisherigen Verteidigungsminister feuert, verbreitet Endzeitstimmung. Und er will noch immer nicht wahrhaben, dass er die Wahl verloren hat.

Ein mit hybris-verdächtiger, absoluter Mehrheit versehener Premierminister, der seinem sinkenden Idol am Potomac River bis in die Haarspitzen gleicht, entlässt seinen engsten Berater und wühlt weiter hilflos in der Chaosgemengelage von Corona und Brexit. Und er will noch immer nicht wahrhaben, dass er die Wahl so peinlich haushoch gewonnen hat.

Gemeinsam ist beiden Regierungschefs, dass sie damit nichts anfangen können: sei es mit ihrer Niederlage, sei es mit ihrem Erfolg. Denn für beides sind ihre jeweiligen Staaten zu tief gespalten; denn auch das haben sie gemeinsam – erreicht.

Derweilen verkriecht sich Trumps britischer Wahlhelfer, Nigel Farage, nach dessen Niederlage ebenso, wie er sich nach seinem und Johnsons Sieg beim Brexit-Referendum verkrochen hat.

In Großbritannien hallt die Geschichte lange nach

In dieser Situation ergriff als erster der Außenminister der Krone, Dominic Raab, die Initiative und gratulierte Joe Biden, wobei er sogleich den Geist der „special relationship“ zwischen den gespaltenen Vereinigten Staaten und dem gespaltenen Vereinigten Königreich beschwor. Johnson und Biden oder: Churchill grüßt Roosevelt, so sähe man es gerne in Downing Street, derweil die Gesundheitsbehörde des Landes zu Protokoll gibt, allein die Organisation der Verteilung neuer Impfstoffe bedeute eine logistische Herausforderung, die jener des D-Day am 4./5. Juni 1944, also der alliierten Invasion in der Normandie, gleichkomme. Es gibt eben nichts auf diesen britischen Inseln, das sich nicht mit dem Verweis auf den Zweiten Weltkrieg legitimieren und patriotisch aufladen ließe. Man pflegt leidenschaftlich gerne die Wunden, und drohen sie zu vernarben, dann reißt man sie eben wieder auf.

Dass gegenwärtig in den britischen Medien alles „Deutsche“ einstweilen noch hoch im Kurs steht, ist eine seit der Fußballweltmeisterschaft von 2006 anhaltende Atempause in der Verteufelung der Germans. Man könnte „anhaltende Atempause“ in dieser Hinsicht auch so definieren: noch immer hält man vor Erstaunen dieser neuen Wertschätzung den Atem an. Nun sprach der betagte britische Thronfolger in Deutschland sogar, wo er zu Hause nicht sprechen dürfte: vor dem nationalen Parlament – für Albions Patrioten tröstlicherweise unter einer Glaskuppel eines britischen Meisterarchitekten, dessen internationaler Ruf nur wankt, wenn er über die Themse eine Brücke zu konstruieren hat. Volkstrauertag war’s und Prince Charles sprach vom Aufschlagen eines „neuen Kapitels in den britisch-deutschen Beziehungen“ – nach vollzogenem Brexit. Seine begrüßenswerten Worte kamen der Konzeption einer „special relationship“ zwischen Berlin und London auffallend nahe, auch wenn er das amerikanisch-britische Monopol für dergleichen Sonderbeziehungen nicht tangieren wollte. Ohnedies gehört es zu den guten nach-revolutionären republikanischen Tugenden, königliche Hoheiten nicht zu überfordern. Aber mit seiner Ansprache unterstrich der britische Thronfolger, was in den Regierungskreisen von Westminster schon vor dem Brexit zur Parole wurde: Bilateralität statt Multilateralität.

Eigentlich kein besonders Verhältnis zwischen USA und Großbritannien

Am Maßstab der EU gemessen und angesichts des neuen asiatisch-pazifischen Handelsverbunds unter chinesischen Vorzeichen ist diese neue Lust am Bilateralismus ein Griff in die diplomatische Mottenkiste. Seit geraumer Zeit hat sich die britische Diplomatie genau auf das eingestellt: durch Bilateralitäten den multilateralen Zusammenhalt in der EU zu unterminieren. Wir sollten also Vorsicht walten lassen, bevor wir die neue Partnerschaft zwischen Deutschland und Großbritannien zu lautstark aus der Taufe heben. Es gab ja auch einmal eine „Entente cordiale“ zwischen Paris und London; und wohin diese führte, sollte ja gerade in England bekannt sein, wo die Erinnerung sogar an den Ersten Weltkrieg lebendiger gehalten wird als an das Fiasko des letzten Irak-Krieges.

Doch wollen wir den Bogen nicht zu sehr überspannen und uns beschränken auf das, was einmal war. Denn wer in Mythen zu denken gewohnt ist, dem ist alles Gewesene Gegenwart mit Zukunftsgewissheit. Und das ist es, was Sache ist: das Besichtigen eines Mythos, dem der „special relationship“ zwischen Washington und London, ein, sagen wir, postkoloniales Husarenstück der Weltgeschichte, aus englischer Kriegsnot um 1941/42 geboren, von amerikanischen Überlegenheitsgefühlen (trotz Pearl Harbour) in den Sattel gehoben, aber erst 1946 von Churchill auf diesen Begriff gebracht.

Großbritannien und USA: Enge Freundschaft nicht krisentauglich

Nimmt man es historisch genau, dann begann alles in Glasgow anno 1941, als ein hochrangiger Diplomat, Harry Hopkins, der von Präsident Roosevelt entsandt wurde, um die Lage und Stimmung im Vereinigten Königreich zu sondieren, bei einem Bankett aus dem alttestamentarischen Buch Ruth zitierte: „Wohin du gehst, werde ich gehen … dein Volk sei mein Volk, und dein Gott der meine.“ Solchermaßen biblisch beglaubigt und damit ins Religiöse gesteigert, konnte die „special relationship“ kriegsentscheidende Wirkung zeitigen.

Unmittelbar nach Kriegsende, als Churchill einen eisernen Vorhang zwischen Ost und West wahrnahm und die Vereinigung der westlichen kontinentaleuropäischen Staaten empfahl, glaubte er, das damalige Großbritannien deswegen nicht in eine solche europäische Vereinigung integrieren zu müssen, weil er mit Präsident Harry Truman eine primär militärstrategische „special relationship“ beschwor. Er brauchte damals die historischen, kulturellen und ökonomischen Gemeinsamkeiten nicht weiter anzusprechen; sie schienen selbstverständlich.

In der Folge definierte man dann diese Partnerschaft durch Politikerpaarungen: Kennedy-Macmillan, Reagan-Thatcher, Bush II-Blair, Obama-Cameron. Der Rest ist Gegenwart, und diese ist problematisch. Man könnte freilich auch darauf hinweisen, dass es auf dieser politisch-strategischen Makroebene schwere Missverständnisse gab, dann etwa, als die USA die Briten während der Suez-Krise, 1956, im Regen stehen ließen (auch wenn dieser in Ägypten selten ist), wie umgekehrt Harold Wilson sich dem Ansinnen Lyndon B. Johnsons verweigerte, mit in Vietnam zu intervenieren.

Wirtschaftspolitisch im Gleichschritt: USA und Großbritannien

Gleich schlecht verstanden Richard Nixon und Edward Heath einander. Dass dagegen Thatcher als einzige westliche Politikerin am Grab von Reagan (2004) sprechen durfte, galt eingefleischten Transatlantikern in Großbritannien dann als Manifestation dieser besonderen Beziehungen mit den USA.

Ian Buruma spricht gar von einem „Churchill-Komplex“, dem die Briten auch in Sachen „special relationship“ geradezu huldigten. Die wirtschaftstheoretische Geschäftsgrundlage vor allem für Reagan und Thatcher war die These Milton Friedmans, nach der die Welt von Einzelinteressen bestimmt werde, die sich ökonomisch maximieren ließen. Dies wurde perverserweise zum anglo-amerikanischen „Gemeinsinn“ erklärt, um den bedeutenden indischen Essayisten und Literaturkritiker Pankaj Mishra zu zitieren.

Obama brachte eine realistische Perspektive in das Verhältnis

Die Gewichte in dieser Beziehung verschoben sich merklich unter Barack Obama und David Cameron, bevor sie unter den blondschöpfigen Tweedledum und Tweedledee vollends in eine im Grunde überraschende Schieflage gerieten, bedenkt man die prinzipielle Nähe der ideologischen Einstellung von Trump und Johnson. Bei seinem Besuch in London gab Obama am 22. April 2016 eine morgendliche Pressekonferenz, auf der seine einleitende Erklärung mehr aufhorchen ließ als alles, was seit langem über diese „special relationship“ gesagt worden ist. Den Hintergrund bildete das bevorstehende Referendum über den Brexit. Obama sagte: Der europäische „Binnenmarkt ist für das Vereinigte Königreich von ungeheuer großem wirtschaftlichen Nutzen. (…) Wir alle legen Wert auf unsere Souveränität. Aber (…) ich denke, das Vereinigte Königreich trägt als Mitglied der Europäischen Union zu unser aller Sicherheit als auch zu unserem gemeinsamen Wohlstand bei. (…) Ich denke schon, dass es irgendwann einmal ein bilaterales Handelsabkommen zwischen dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten geben wird, aber nicht in absehbarer Zeit, denn beim Abschluss eines Freihandelsabkommens liegt unser Hauptaugenmerk auf Verhandlungen mit einem großen Block – der Europäischen Union. Und da wird sich das Vereinigte Königreich hinten anstellen müssen“, wenn es diesen Block verließe. Dies hatte Obama, was er damals noch nicht ahnen konnte, seinem eigentlichen Nachfolger, Joe Biden, und nicht diesem tragischen Irrtum der US-amerikanischen Geschichte namens Donald Trump, ins Stammbuch geschrieben.

Brexit läutet neues Kapitel in der Beziehung Großbritanniens zur USA ein

Und der jetzige Stand der Dinge? Der vermeintliche englische Pragmatismus besteht aus einer Fiktionspolitik, die mit Theresa May begann und sich mit Johnson noch steigerte. Ihr Kern ist das Festhalten an lächerlichen Souveränitätsfantasien, gespickt mit Alleinstellungsbehauptungen, die das wohl nun unvermeidlich Harsche des Übergangs in die Nach-Brexit-Zeit rhetorisch, sprich: wortkosmetisch abfedern sollen. Derweilen werden ganze Landstriche des sogenannten Gartens von England, der Grafschaft Kent, in Riesenparkplätze für LKWs verwandelt, die dort auf ihre Abfertigung in Dover warten werden. Wenn es tatsächlich soweit kommen sollte, dass Westminster durch einen harten Brexit die Vereinbarungen über Nordirland (das Good Friday Agreement von 1998) gefährdet, wird die immens einflussreiche irische Lobby in Washington das Ihre tun, um Biden zu einem harten Kurs gegenüber London zu verpflichten.

Ob die längst überfällige Entlassung von Johnsons mehr als sinistrem Chefberater, Dominic Cummings, bedeutet, dass die hartgesottenen Brexiteers in Whitehall wirklich an Einfluss einbüßen, ist noch nicht absehbar. Eines dagegen ist sicher: Die „special relationship“ mit den USA ist eine rein englische Fiktion. Das Beziehungsgeflecht mit der Europäischen Union war für ganz Britannien eine ertragreiche Wirklichkeit. Man muss die Selbstverblendung schon für eine ganz besondere Art der Geschichtsbelichtung halten, um ein solches Kapital auf diese unverantwortliche Weise zu verspielen.

Unser Autor Rüdiger Görner, Jg. 1957, lebt seit 1981 in London. Seit 2004 ist er Professor für neuere deutsche Literatur und Gründungsdirektor des Centre for Anglo-German Cultural Relations am Queen Mary College, University of London.

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