Buch über den baldigen US-Präsidenten

US-Wahl 2020: Joe Biden ist trotz des Triumphs über Donald Trump kein strahlender Sieger

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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  • Evan Osnos hat eine Biographie über den US-Wahlsieger Joseph Biden geschrieben.
  • Der künftige Präsident Amerikas habe einen beschwerlichen Weg hinter sich. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Donald Trump habe Joseph Biden das Verlieren gelernt.
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Amerika – Als Joe Biden angesichts seines bevorstehenden Sieges sich bei den Wählern bedankte und von „humility“, von „Demut“ also sprach, da war klar, die Epoche der Auftrumpferei war vorbei. Die Demütigung des Unterlegenen, die bei Trump hundertfünfzig Prozent des Spaßes am Siegen ausmachte, war einer ganz anderen Disposition gewichen. Erniedrigen und Beleidigen waren Trumps Element gewesen. Darin fühlte er sich wohl. Trump vermittelte den Eindruck: Erst wenn er anderen etwas antun konnte, spürte er sich. Es war dieses Gefühl völliger Überlegenheit, mit dem Trumps Anhänger sympathisierten. Ihre Empathie galt dem Sieger. Seine Niederlage wird seine Anhängerschaft gewaltig schrumpfen lassen.

Trump hatte davon gelebt, sich als Sieger darzustellen. Auch in seinen eigenen Augen. Eine Niederlage, die so unübersehbar ist wie diese, die er gerade erlebt, passt nicht in seine Vorstellung von sich und seiner Stellung in der Welt. Bei Trumps Abwehrkämpfen geht es nicht nur ums Präsidentenamt, auch nicht nur um all die auf ihn zukommenden Prozesse. Es geht ums Selbstbild. Um die Zerstörung der Vorstellung, die er von sich selbst hat. Er hatte schon immer ärztliche Hilfe nötig. Jetzt wird womöglich sein Leben davon abhängen.

Anders als Trump sei der neue Präsident Amerikas Joseph Biden jemand, der verlieren kann

Joe Biden ist – trotz seines Blendax-Lächelns – kein strahlender Sieger. Das ist sein dritter Anlauf auf den Präsidentensessel. Biden ist einer, der sich immer hat durchbeißen müssen. Er lag immer wieder am Boden. Chancenlos. Dann stand er auf und siegte. Biden gehört zu den Siegern, die die Niederlagen kennen. Niederlagen, die vor aller Augen stattfanden. Irrtümer, die er in aller Öffentlichkeit beging. Schicksalsschläge, die ihnen beinahe zerstört hätten. Dass er mehrmals dem Tod knapp entkam, dass er zu den Vätern gehört, die ihre Kinder überleben – dieses ganze Unglück gehört zu seiner Erfahrung von Glück. Vielleicht geht ihm auch darum das Wort „Demut“ so leicht über die Lippen.

Vielleicht aber benutzt er das Wort nur, weil es im religiösen Amerika einen Nerv treffen könnte, der andere Muskeln in Gang setzen soll, als die, die bisher angerufen wurden. Natürlich ist es nicht gleichgültig, wie viel Berechnung eingeht in das Anstimmen dieser „anderen Töne“, aber vielleicht dürfen wir uns erst einmal freuen darüber, dass nach dem triumphalistischen Ich von „Demut“ gesprochen wird. Wir wissen, dass auch sie eine der besonders infamen Verkleidungen der Macht sein kann, aber jetzt sind wir erst einmal froh über den Tonwechsel. Aber wir nehmen uns in Acht. Denn Biden erklärte 2008: „Fehlschläge im Lauf des Lebens sind unvermeidlich, aber aufzugeben ist unverzeihlich.“ Die Rigorosität dieses „unverzeihlich“ stößt mir unangenehm auf. Zur Demut würde doch die Fähigkeit zählen zu verzeihen – anderen und auch sich selbst.

Das Buch:

Evan Osnos: Joe Biden. Ein Porträt. A. d. Engl. v. Ulrike Bischoff, Stephan Gebauer. Suhrkamp 2020. 263 S., 18,95 Euro.

Evan Osnos, Redakteur des „New Yorker“, hat im Oktober eine Joe-Biden-Biographie vorgelegt. Eine überraschend lesenswerte Lektüre. Angesichts der zahlreichen Fernsehsendungen erwartete ich mir nicht viel Neues. Aber das Bild des gut aussehenden ewigen Langweilers Joe Biden wird doch erheblich korrigiert. Biden stürzte sich in den Wahlkampf zum US-Senator, obwohl er beim Wahltermin sein Amt noch gar nicht hätte antreten können. Aber das war ihm egal, denn zum Zeitpunkt des Amtsantritts war er dann doch schon dreißig. Er gewann die Wahl.

Biden musste auf seinem langen Weg zum neuen Präsidenten Amerikas üben, üben, üben

Nicht zuletzt, weil er seine Jugend betonte: „Ein Kandidat, der unsere Zeit versteht“. Seine Frau und eines seiner drei Kinder kamen damals bei einem Autounfall ums Leben. Er wurde am Krankenbett eines seiner Söhne zum Senator des Staates Delaware vereidigt. Ein Amt, das er von 1973 bis 2009 innehatte. Als Kissinger eine Entschuldigung murmelte, weil er den jungen Senator für einen Assistenten gehalten hatte, antwortete Joe Biden „Alles gut, Mr. Dulles!“

Biden hat lange gestottert. Bis tief in die Pubertät hinein. Er hat es sich abtrainiert. Er hat, glaubt man Osnos, alles lernen müssen. Nichts ist ihm zugefallen. Biden hat geübt, geübt und geübt. Reden, Statistiken, öffentliche Auftritte, Vorgesetzter und Freund, Ehemann und Vater. Immer gelernt. Spontaneität? Mühsam erworben. Das Liebesleben bleibt außen vor.

Aber man darf sicher sein: Biden hat sich Mühe gegeben. Er brauchte für alles Zeit. Lange, sehr lange. Ihm selbst wurde das klar, so erklärte er 2013 über sein Engagement in der Bürgerrechtsbewegung der 70er Jahre: „Ich beteiligte mich in meinem Heimatstaat in der zweiten Reihe. Aber ich bedaure das, und obwohl das nicht zum vorgesehenen Text gehört, möchte ich sagen, dass ich um Verzeihung dafür bitte. Ich brauchte achtundvierzig Jahre, um diesen Ort (Selma in Alabama) zu erreichen. Ich hätte damals hier sein sollen.“

Der Wahlsieger spricht von Demut und will die Spaltung Amerikas wieder heilen

Osnos’ Biden-Buch erzählt aber nicht nur von Joe Biden. Osnos weitet den Blick: „Wer im Jahr 1942 in den Vereinigten Staaten als weißer heterosexueller Mann zur Welt kam, hatte im Grunde in einer kosmischen Lotterie gewonnen… Dem New Deal und der G.I. Bill verdankten sie Sozialleistungen, Ausbildungskredite und Arbeitsbeschaffungsprogramme, die Millionen weißer Amerikaner in die Mittelschicht katapultierten“. Dieser Rückblick auf die Bedingungen der Größe der USA und seiner Träume macht auch deutlich, wie alt die Spaltung der Vereinigten Staaten ist. Da sind die, die glauben, alles selbst geschaffen zu haben, die Trumps gehören nämlich mit zu dieser Generation; und da sind die, die vielleicht nicht demütig sind, aber doch so viel Verstand haben, zu begreifen, welchen Konstellationen sie ihren Aufstieg zu verdanken haben und das sind mehr noch als die Bidens die Sanders.

Als Obama gewählt und als er gar zum zweiten Male gewählt wurde, da dachte ich, die alte Spaltung der USA ist überwunden, jetzt werde eine andere Gesellschaft entstehen. Trump war die Rückkehr der lebenden Toten. Vielleicht brauchen die USA tatsächlich noch einmal einen alten Exorzisten, bevor sie sich den Problemen der Gegenwart zuwenden können mit einem „Kandidaten, der unsere Zeit versteht“. (Arno Widmann)

Rubriklistenbild: © AFP

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