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Urban Priol, 58, ist Kabarettist und steht meist auf der Bühne, hin und wieder tritt er im TV auf. 

Zu Unwort und Klimadebatte 

Kabarettist Urban Priol: „Politiker haben sich gesagt: Dann werden die Jugendlichen schon die Klappe halten“

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Der Kabarettist Urban Priol über die Unwort-Suche und die Klima-Debatte. 

H err Priol, Sie waren in diesem Jahr Gastjuror in der Unwort-Jury. War es eine hitzige Diskussion um die „Klimahysterie“?

Es war eine leidenschaftliche, aber angenehme Diskussion. Und wir waren fast schon überrascht, dass es so schnell ging. Ich hörte ja von den anderen, dass es in manchen Jahren sehr langwierige Diskussionen gegeben haben soll.

Anders als in der gesellschaftlichen Debatte sorgte die Klimahysterie also schnell für Einigkeit?

Ja, letztlich ging es darum, ob die „Klimahysterie“ oder nicht doch die „Ökodiktatur“ gekürt werden. Beide waren heiße Kandidaten, aber es gab noch ein paar andere Favoriten.

Zum Beispiel?

Mir hätten ja die „Verschmutzungsrechte“ gut gefallen, weil die auch so irreführend sind. Als gäbe es ein Recht auf Verschmutzung! Aber Klimahysterie wurde doch von verschiedenen Seiten sehr oft gebraucht – und drückt ja auch gut aus, um was es beim Unwort geht.

Was finden Sie an der „Klimahysterie“ so Unwort-würdig?

Zum einen wird es ja von den üblichen Verdächtigen gebraucht, zum anderen wird hier ein ernstes Thema – dass wir das Klima schützen müssen, da brauchen wir nicht drumrum reden – in Verbindung gebracht mit einer Persönlichkeitsstörung. Das sind zwei Dinge, die nicht zusammenpassen. Der Zusatz „Hysterie“ diskreditiert das ernste Anliegen.

Zumal die Hysterie ja auch zeitweise das gesellschaftliche Klima prägt …

Das auch. Problematisch finde ich aber vor allem die Haltung, die hinter dieser Debatte steht: Da sagt man so lapidar, wir dämmen jetzt mal die Hysterie ein bisschen ein – und machen aber so weiter wie bisher. Ähnlich ist das beim Klimapäckchen, das unsere Regierung geschnürt hat. Da habe ich auch den Verdacht, dass unsere Politikerinnen und Politiker sich gesagt haben, wir bereiten mal eine Kleinigkeit vor und dann werden die Jugendlichen schon irgendwann die Klappe halten. Getreu dem Motto: Man muss nur lange genug reden und nichts tun, dann wird das schon im Sande verlaufen. Dabei hat doch nicht zuletzt der ganze Wirbel um die WDR-Satire mit der Umwelt-Oma gezeigt, dass die Erderwärmung real ist – oder wie würden Sie es erklären, dass es im Winter schon ein Sommerloch-Thema gab?

Da Sie gerade die WDR-Satire erwähnen: Was darf Satire?

Satire darf immer noch alles. Was sie nicht darf: auf Äußerlichkeiten zielen! Und sie darf vor allem nicht nach unten treten. Satire sollte sich immer die vorknöpfen, die das Sagen haben.

Seit einigen Jahren wird öffentlich über Sinn und Unsinn des Unworts debattiert und die jährliche Wahl nicht nur von der rechten Seite, aus der die Begriffe ja immer wieder kommen, infrage gestellt. Was denken Sie darüber, nachdem Sie nun mitbestimmen durften?

Ich halte das Unwort für sehr wichtig! Wir haben auf der einen Seite das Wort des Jahres, da geht es viel um Mainstream und die Frage, wohin bewegen wir uns als Gesellschaft? Da wird auch immer erklärt, warum dieses Wort gewählt wurde, ohne allzu tief zu gehen. Dagegen steht auf der anderen Seite das Unwort des Jahres, das immer mit dem Verweis auf grundlegende Prinzipien von Demokratie und anständigem Miteinander präsentiert wird. Es wird an Schulen über das Unwort debattiert, an Unis wird es aufgegriffen. Und zum 30. Jubiläum des Unworts im nächsten Jahr soll es sogar einen Rundwanderweg in Schwaben geben, an dessen Stationen alle Unworte erklärt werden. Das finde ich eine schöne Idee. Ich habe in der Jury nochmal ganz klar gesagt: Natürlich ist es wichtig, weiterzumachen! Und ich werde in meinen Programmen die Leute künftig darum bitten, wenn ihnen was auffällt, sollen sie das einreichen! Ich war immer neugierig auf das Unwort, weil mich selbst übers Jahr auch einige Begriffe aufregen. Das Unwort regt zum Nachdenken und Diskutieren an – und alles, was zum Nachdenken und Diskutieren anregt, hat seine volle Daseinsberechtigung!

Für die Unwort-Kritiker geht es um Deutungshoheit und die Frage: Wer darf sagen, was richtig ist?

Es gibt natürlich keinen Absolutheitsanspruch, den darf auch niemand für sich reklamieren. Aber dass es gewisse moralische Grundsätze gibt, die gerade in den letzten Jahren vonseiten der Rechten immer wieder aufgeweicht werden, das ist gefährlich. Da wird was per Twitter rausgehauen und wieder gelöscht mit dem Verweis: „War nicht so gemeint.“ Natürlich war das so gemeint! Und die Echokammern der sozialen Medien helfen bei der Verbreitung von Ideen und Meinungen, die nicht verbreitet werden sollten. Ich bin überzeugt, so Sätze wie „Das wird man ja noch sagen dürfen“, das alles hat seinen Ursprung in dem Buch „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin … Da beruft sich heute jeder Depp drauf, der irgendwas raushaut. Das war früher an den Stammtischen nicht anders, aber die hatten nicht so Verbreitungsmöglichkeiten wie das Internet. Da hast Du heute erst eine Umweltsau-Satire – und ein paar Tage später gibt es einen Aufmarsch vorm Sendegebäude, bei dem die armen Rentner verteidigt werden. Und dabei ging es überhaupt nicht um die Generation, die unser Land wieder aufgebaut hat, da ging es um meine Generation, die Leute, die auf die 60 zugehen.

Lässt sich diese Hysterie überhaupt noch eindämmen, ohne jemanden zu bevormunden?

Ins Gespräch zu kommen ist immer gut. Ich erlebe das bei meinen Veranstaltungen, da stehen wir danach zusammen und diskutieren. Es geht nur über den Diskurs, und zwar face to face ohne book – das wäre am Allerbesten.

Es sind ja noch zwei weitere Unwörter aufgelistet: Umvolkung und die Ethikmauer. Wie stehen Sie zur Ethikmauer, also der Kritik an dem Ansatz, Fortschritt immer auch mit Skepsis zu begegnen, obwohl dieser doch dem Menschen dient?

Das begegnet einem ja nicht nur in Diskussionen, in denen es um den Menschen geht. Sobald man in einer Diskussion, in der es um den Fortschritt geht, etwas zu bedenken gibt, muss man sich immer anhören, man solle das doch mal laufen lassen, der Markt regelt das schon. „Der Markt regelt alles“, heißt es dann, und: „Ihr mit euren moralischen und ethischen Bedenken verschanzt euch hinter dieser Mauer und so verhindert ihr den Fortschritt.“ Das ist natürlich Quatsch. Beides muss zusammengehen! Eine vernünftige Einhegung ist in vielen Bereichen sinnvoll. Es würde auch dem entfesselten Kapitalismus gar nichts schaden, wenn man ihn ein bisschen einhegen würde. Und wenn dazu hier und da eine kleine Ethikmauer nötig ist, soll’s mir recht sein.

Interview: Boris Halva

Redakteur Stephan Hebel findet: Das Unwort des Jahres diffamiert Millionen Menschen, die sich für den Erhalt unseres Planeten engagieren. Begriffe wie dieser vergiften das Klima gesellschaftlicher Debatten.

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