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Hass im Netz – Warum Pseudonyme weiterhin wichtig sind

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Von: Kathrin Passig

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Symbolfoto: Gestellte Aufnahme zum Thema Hasskommentare in Sozialen Netzwerken. Neben dem Gefaellt mir Button von facebo
Ein Hasskommentar im Internet. © Imago/ photothek

Im Internet wird viel Hass geäußert. Das führt regelmäßig dazu, dass irgendwer nach einem Verbot von Pseudonymen ruft. Die Kolumne „Update“.

Ganz einfach, wir zwingen alle, sich im Internet nur noch unter ihrem echten Namen zu betätigen, Problem gelöst! In der Politik hat den Vorschlag zuletzt 2020 Wolfgang Schäuble (CDU) geäußert. Vor ihm kam 2019 Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) auf die gleiche Idee, 2016 Hans-Ulrich Rülke (FDP), 2015 Olaf Lies (SPD), 2011 Hans-Peter Friedrich (CSU) und 2010 sogar der Vorsitzende der Internet-Enquete des Bundestags, Axel E. Fischer (CDU).

Es ist keine Idee, auf die nur Politikerinnen und Politiker kommen, die sich ihre E-Mails ausdrucken lassen. Sie wird von jungen Menschen (ich schaue in deine Richtung, Medienwissenschaftsseminar Basel) ebenso vorgetragen wie auf der Führungsebene von Internetunternehmen. Sowohl Google als auch Facebook haben versucht, eine solche Klarnamenpflicht für ihre eigenen Angebote einzuführen. Bei Google war das 2011 im Zusammenhang mit dem schnell wieder eingestellten sozialen Netzwerk Google+.

Hass im Netz: Pseudonyme für bestimmte Gruppen notwendig

Facebook hat 2014 versucht, eine Klarnamenpflicht durch die Sperrung von Accounts mit nicht-amtlich wirkenden Namen durchzusetzen. Beide Fälle haben zu einer Vielzahl von Blogbeiträgen, Zeitungsartikeln und wissenschaftlichen Veröffentlichungen geführt, in denen geduldige Menschen immer wieder erklärt haben, für welche Gruppen Pseudonyme wichtig sind.

Hier nur eine kleine Auswahl: Wer wegen der eigenen sexuellen Orientierung am Wohnort mit Ablehnung rechnen muss, wird durch eine Klarnamenspflicht in der Internetnutzung eingeschränkt, genau wie Lehrkräfte, die nicht in allen ihren Lebensäußerungen googlebar sein wollen. Umgekehrt möchten Michael Schmidt und Sabine Müller vielleicht wenigstens im Internet eindeutig erkennbare und findbare Personen sein und deshalb anders heißen als draußen.

Andere legen keinen Wert darauf, dass die Eltern aus der Kindergarten-WhatsApp-Gruppe alles sehen können, was man so bei Instagram macht, auch wenn das nur Fotos von Kakteen sind. Aber vor allem bringen öffentliche Lebensäußerungen im Internet nicht für alle die gleichen Folgen mit sich: Diejenigen, die sich wegen konkreter Drohungen sehr genau überlegen müssen, ob im Hintergrund des Fotos nicht doch zu erkennen ist, wo sie wohnen, sind selten die lilienweißen, unpolitischen, heterosexuellen, sowieso schon in Privilegien badenden Zeitungskolumnistinnen wie ich.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de
Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de © privat

Hass im Netz: Viele aggressive Kommentare stammen von User:innen mit Klarnamen

Das alles ist seit zehn Jahren eigentlich klar. Eine Weile konnte man danach noch argumentieren „Ja, blöd für die Betroffenen, aber das müssen die halt in Kauf nehmen, wenn wir den Hass im Internet eindämmen wollen.“ Aber mittlerweile hat sich herausgestellt, dass selbst das nicht funktioniert. Eine Studie an über einer halben Million Kommentare zu deutschen Onlinepetitionen bei openpetition.de ergab 2016, dass die aggressivsten Kommentare von den Beteiligten mit Klarnamen stammten. (Suchstichworte Rost Stahel Frey, falls Sie es genauer wissen wollen).

In Niedersachsen gibt es seit 2020 die „Zentralstelle zur Bekämpfung von Hasskriminalität im Internet Niedersachsen“. Der dort zuständige Oberstaatsanwalt sagt in einem Interview aus dem Jahr 2021: „Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass viele Verfasser gar nicht so sehr auf Anonymität bedacht sind.“ Und der offizielle britische Twitteraccount TwitterUK berichtete 2021, dass 99 Prozent aller Accounts, die wegen rassistischer Äußerungen zum Finale der Fußball-EM gesperrt wurden, nicht anonym waren. Die Begründung ist in allen Fällen die gleiche: Diejenigen, die den Hass verbreiten, sind davon überzeugt, auf der richtigen Seite zu stehen, und sehen deshalb gar keinen Pseudonymbedarf.

Klarnamenpflicht wird immer noch als Lösung vorgeschlagen

Die Klarnamenpflicht wird trotzdem immer noch als erste Lösung vorgeschlagen. Vielleicht liegt das daran, dass wir zu sehr von uns selbst ausgehen und denken „Ich würde ja unter meinem Namen so was nicht ins Internet schreiben“ (aber dafür andere Dinge, über die dann andere Menschen denselben Satz denken). Oft passen auch die zwei Gedanken „Ich möchte selbst unter Pseudonym Dinge im Internet machen“ und „aber alle anderen sollen das nicht dürfen, die bösen Verbrecher“ problemlos gleichzeitig in denselben Kopf.

Ist ja nicht schlimm, es dauert halt eine Weile, bis sich Forschungsergebnisse herumsprechen. Aber allmählich könnte man damit aufhören, privat oder im Bundestag ein Verbot von Pseudonymen zu fordern. Oder „haha, das meint also irgendein ‚Hühnerbein‘ im Internet“ zu sagen, um ein Argument zu diskreditieren. Die Leute, die nicht alles unter ihrem richtigen Namen machen können, erleiden schon genügend Nachteile und brauchen keine zusätzlichen. Hühnerbein ist eine Person wie jede andere. (Kathrin Passig)

Kein demokratischer Raum: Netzaktivistin Katharina Mosene über die Verdrängung von Frauen aus dem Netz, ungerechte Algorithmen und eine hilflose Politik.

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