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Update: Digitale Demenz

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Von: Kathrin Passig

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„Ich hätte gleich ahnen können, dass das nicht stimmt.“
„Ich hätte gleich ahnen können, dass das nicht stimmt.“ © Getty Images/iStockphoto

Das Internet vergisst nichts - das wird oft behauptet, aber ist es auch wahr? Das wollen wir doch mal sehen

In der vergangenen Kolumne ging es um die kurzlebigen Links zu Zeitungsartikeln. Eigentlich wollte ich darin behaupten, dass die Behauptung „das Internet vergisst nichts“ aus der Mode gekommen sei. In meiner Vorstellung hatte dieser Satz seinen Beliebheitshöhepunkt so um 2005 oder 2010. Danach, dachte ich, hätten alle gemerkt, dass das Internet in Wirklichkeit ständig alles vergisst, und zwar schneller, als man gucken kann.

Ich hätte gleich ahnen können, dass das nicht stimmt, weil ich es ja selbst erst viel später begriffen habe. Noch Anfang 2014 schreibe ich im Techniktagebuch-Blog: „Ich kopiere bei Materialsammlungen für eigene Texte die Quellen nicht mehr mit. (…) Es geht einfacher und schneller, wenn ich [erst beim Schreiben] das Zitat noch einmal Google vorwerfe, um die Quelle zu rekonstruieren.“ Ich muss damals geglaubt haben, die schlechten Anfangszeiten, in denen jedes neue Medium nicht richtig archiviert wird, seien schon vorbei. Erst im Sommer 2016 merke ich, dass das nicht stimmt: „Dadurch, dass ich die Buchidee schon länger mit mir herumtrage, wird noch etwas anderes zum Problem: Unangenehm viele meiner gesammelten Links funktionieren nicht mehr, darunter einige zu den wichtigsten Texten.“ Seitdem gehe ich davon aus, dass die schlechten Zeiten noch ein paar Jahrzehnte andauern werden, und speichere alles Wichtige selbst.

Im Nachhinein möchte man ja immer alles zehn Jahre früher verstanden haben. Daher kam wohl meine Vorstellung, das alles sei schon in den Nullerjahren in meinem Kopf und auch in allen anderen Köpfen vorgegangen. Was mich vergangene Woche von meiner Behauptung abbrachte, war aber nicht die Rekonstruktion anhand des Techniktagebuchs, sondern Google. Zwischen 2001 und 2005 gibt es dort nur ganz vereinzelte Belege für „das Internet vergisst nichts“ und „das Netz vergisst nichts“. Zu der Zeit, in der ich den Höhepunkt der Beliebtheit vermutete, geht es überhaupt erst richtig los, und die Anzahl der Erwähnungen steigt bis 2021 weiter an. Das könnte zwar daran liegen, dass alle älteren Belege inzwischen wieder aus dem vergesslichen Internet verschwunden sind. Aber so ist es nicht, die Pressedatenbank Genios sagt dasselbe. (Die Anzahl der Googletreffer für die Wendung „Zeitungen vergessen nichts“ ist derzeit trotzdem: null.)

Allerdings heißt das nicht, dass eine halbwegs seriöse Diskussion der Frage, ob das Internet wirklich nichts vergisst, denselben zeitlichen Verlauf hat. Ich habe mir die ersten 180 Googletreffer für die Wendung „das Internet vergisst nichts“ aus dem Jahr 2021 angesehen. 75 davon, also rund 40 Prozent, sind Beratungsseiten, die sich vor allem an Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene auf Jobsuche wenden. In 45 Treffern kommt die gesuchte Stelle nur als Phrase vor und sagt ungefähr so viel aus wie „Aller guten Dinge sind drei“ oder „Ende gut, alles gut“. Wegen dieser Phrasen habe ich auch bei 180 Treffern aufgehört, denn auf den hinteren Seiten der Google-Ergebnisse wird die Wendung fast nur noch dekorativ verwendet. Neunmal geht es um konkrete Fälle, in denen Prominente oder Firmen Ärger bekamen, weil unvorteilhafte Informationen über sie im Internet auffindbar waren. Sieben Treffer sind Texte, in denen Unternehmen ihre Leistungen in der Reputationsanalyse und -reinigung bewerben. Sechs Texte wenden sich an Erwachsene und diskutieren die Aussage ernsthaft. Fünf Treffer handeln davon, dass die Behauptung ein Mythos ist. Eine Erwähnung ist positiv: „Der Vorteil von digitalen Ausstellungsformaten? Das Internet vergisst nichts!“ Obwohl es die Ausstellung, von der da die Rede ist, erst im Sommer 2021 gab, führt der Link inzwischen ins Leere. Die restlichen Erwähnungen sind Übersetzungsbeispiele und andere Nebensachen.

Theoretisch wäre es also möglich, dass die Diskussion über das Elefantengedächtnis des Internets wirklich um 2005 oder 2010 ihren Höhepunkt erreicht hat und die Wendung „das Internet vergisst nichts“ seitdem vor allem in Erziehungs- und Ermahnungstexten und als dekorative Phrase weiterlebt. Jedenfalls kamen in diesem Zeitraum auch die Debatten um den „digitalen Radiergummi“ auf, 2011 schrieb die „FAZ“: „Seit fünf Jahren werden solche Mechanismen in regelmäßiger Folge vorgestellt.“ Anlass war der Start eines von der Bundesregierung unterstützten Radiergummiprojekts, das die Vergesslichkeit des Internets steigern sollte. Es geriet gleich danach wieder in, naja, Vergessenheit. Die öffentliche Diskussion zog weiter zum „Recht auf Vergessenwerden“. Der gleichnamige Wikipediaeintrag listet unter „Weblinks“ einen Link zur Website des Innenministeriums, einen zum Bildungskanal BR-alpha, einen zu einem Diskussionspanel auf der re:publica-Konferenz und einen zu einem EU-Rechtsdokument. Der letzte Link funktioniert sogar noch.

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