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13. September 1968: Krahl spricht beim Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) in Frankfurt.  

Hans-Jürgen Krahl

Der Unvollendete

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Vor 50. Jahren starb der nonkonformistische Intellektuelle Hans-Jürgen Krahl.

„Er war der Klügste von uns allen“ Rudi Dutschke

Ich, Hans-Jürgen Gerhard Krahl, Sohn des kaufm. Angestellten Rudolf Krahl und der Angestellten Erna Krahl, geb. Schulze, wurde am 17. Januar 1943 in Sarstedt/ Han. (Land Niedersachsen) geboren. Im Frühjahr 1944 verlor ich durch Kriegseinwirkung mein rechtes Auge; ich trage seitdem ein künstliches Ersatzauge. Gegen Ende des Krieges flohen meine Eltern mit mir vom damaligen Stettin in meine Geburtsstadt. Dort verbrachte ich meine Kindheit bis zum 15. Lebensjahr.“

„Er war der Klügste von uns allen“ Rudi Dutschke

Dieser Text stammt aus dem handschriftlichen Lebenslauf Hans-Jürgen Krahls vom 26. Januar 1965 zur Einschreibung an der Frankfurter Universität. Als er dies schreibt, hat der gerade 22-Jährige blasse Brillenträger und introvertierte Intellektuelle bereits eine „Odyssee durch die Organisationsformen der herrschenden Klasse“ hinter sich: Ludendorff-Bund, Junge Union, schlagende Verbindung. In Göttingen hatte Krahl Philosophie, Germanistik und Geschichte studiert. Seinen Beitritt zum SDS 1964 verstand er selbst als klassisches Beispiel für den „individuellen Klassenverrat“ eines Intellektuellen.

In Frankfurt besucht Krahl dann die Seminare von Oskar Negt, Alfred Schmidt, Karl-Heinz Haag und Theodor Adorno. Im September 1967 hält er auf der 22. Delegiertenkonferenz des SDS gemeinsam mit Rudi Dutschke das berühmte „Organisationsreferat“.

Untergründig wirkt Krahl fort

Nach dem Attentat auf Dutschke 1968 avanciert Hans-Jürgen Krahl zum wichtigsten Theoretiker und Sprecher der Studentenbewegung. Es folgen Aktionen, Streiks, Demonstrationen, Go-ins, Teach-ins, Seminare und Strafverfolgungen wegen Rädelsführerschaft. Verzweifelt kämpft Krahl gegen den sich abzeichnenden Verfall der antiautoritären Revolte an. Am 13. Februar 1970 auf der vereisten B 252 bei Wrexen in Nordhessen kommt der nur 27-jährige Hans-Jürgen Krahl bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Noch auf seiner Beerdigung beschließen die untereinander zerstrittenen Fraktionen informell die Auflösung des SDS.

Doch untergründig wirkte Krahl, der Unvollendete fort. Gegenüber Adornos Apotheose des „Nicht-Identischen“ insistierte dessen Schüler Krahl auf die Hegelsche Denkfigur der „bestimmten Negation“. Nicht die Dekonstruktion des klassisch-bürgerlichen Erbes, sondern dessen materiale Erfüllung war das Theorieprogramm Krahls. „Die Ethik der Revolution ist eine permanente Kritik am bürgerlichen Sittlichkeitsbegriff, nicht des kategorischen, sondern des hypothetischen Imperativs.“

Das pädagogische Ideal Krahls

Der hier abgedruckte Text „Zur Erziehung“ aus dem bisher unveröffentlichten Teil des Nachlasses gibt dafür ein Beispiel. Krahl überführt darin das pädagogische Ideal der Klassik und des Deutschen Idealismus vom „universell gebildeten Menschen“ in einen Begriff von Klassenkampf, der zugleich gesellschaftliche Individuation wie Selbstaufklärung ist.

Das Hans-Jürgen-Krahl-Institut ist Herausgeber der demnächst unter dem Titel „Krahliana“ erscheinenden Heftreihe mit bisher unbekannten Texten dieses schillernden Ausnahmemarxisten.

Carsten Prien,  Jahrgang 1976, ist freier Publizist und hat mehrere Werke über Rudi Dutschke verfasst. Für das Hans- Jürgen-Krahl-Institut betreut er u.a. das Projekt Krahl-Briefe, www.krahl-briefe.de

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