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Unterschätzter Glamour

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Von: Lisa Berins

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Grau vor Blau. Elefanten tragen diese Farbe mit Würde.
Grau vor Blau. Elefanten tragen diese Farbe mit Würde. © Imago/Eibner

Das Grau ist zu Recht die Farbe unserer Gegenwart.

Eine Welt ganz ohne Farbe wäre eine Horrorvision; eine triste Sache ohne aufregendes Rot, majestätisches Blau, sonniges Gelb. Farben wirken auf uns, beeinflussen uns sogar. Und Grau? Grau ist eine achromatische, eine unbunte Farbe. Eine Nichtfarbe. Für die meisten bedeutet sie: Angepasstheit, Einfallslosigkeit, Langeweile. Glamourfaktor gleich null. Niemand hat Grau zur Lieblingsfarbe (höchstens ein paar Steinmetze und Informatiker, wie Wikipedia sagt). Sie ist unbeschreiblich unbeliebt – und das vollkommen zu Unrecht. Grau hat neben den anderen Farben durchaus seine Existenzberechtigung. Nicht nur, weil diese anderen erst im Kontrast zu Grau richtig erstrahlen, und weil etwa zu Sichtbetonwänden im Loft-Look so schön viele Möbel in knalligen Tönen passen. Nein. Weil das Grau an sich eine Qualität besitzt.

Es ist vielfältig, reichhaltig, nuancenreich. In Grau steckt so einiges – das wissen schon Kinder, die in ihren Wasserfarbkästen panschen. Das Ergebnis der Mischungen ist fast immer – genau: mausgrau, staubgrau, aschgrau, steingrau, bleigrau, um es mit Loriot zu sagen. Grau ist nicht gleich Grau, und das kann man beim Betrachten des Winterhimmels gerne mal bedenken. Grau – in dieser Nichtfarbe steckt ein enormes Potenzial.

Künstlerinnen und Künstler wissen das Grau seit jeher zu schätzen – schauen wir uns Jan van Eycks „Heilige Barbara“ von 1437 an oder Edgar Degas’ „Ballettprobe auf der Bühne“ von 1874. Keine Farbe lenkt vom Inhalt ab. Kein bunter Overkill schreit die Betrachtenden an. In der Zurückgenommenheit liegt der Reiz. „Grisaille“ heißt das schillernde Wort für diese Malerei; sie ist weit mehr als das Fehlen von Farbe, mehr als eine Technik, um Licht und Schatten anzulegen. Mit dem Einsatz von Grau in allen Abstufungen werden Konventionen gebrochen, es wird sich etwas Mächtigem (der Farbdiktatur der Realität) entzogen, es wird abstrahiert, künstlerischer Freiraum geschaffen – und Bedeutung transportiert. Das Kriegsgrauen von Pablo Picassos „Guernica“ – es ist ganz bewusst nicht farbig gemalt. Gerhard Richters „Graue Bilder“ – sie sind sicher nicht aus Kostengründen oder Einfältigkeit entstanden.

1975 dachte Richter in einem Brief an Museumsdirektor Edy de Wilde nach: „Grau ist für mich die willkommene und einzig mögliche Entsprechung zu Indifferenz, Aussageverweigerung, Meinungslosigkeit, Gestaltlosigkeit. Weil aber Grau, genau wie Gestaltlosigkeit und so fort, nur als Idee wirklich sein kann, kann ich auch nur einen Farbton herstellen, der Grau meint, aber nicht ist.“

Hat die Farbe nicht unseren Respekt verdient, wenn sie für den künstlerischen Ausdruck derart notwendig ist? Grau: Das ist die (Nicht-)Farbe, die Spielräume eröffnet. Die einen nicht zu etwas zwingt, sondern auch das Dazwischen akzeptiert. Sie ermöglicht dadurch freies Denken; sie ermöglicht uns, freies Denken auch umzusetzen.

Wenn abends das Licht verschwindet und die Welt in Grautönen versinkt – dann können wir uns in ihrem Schutz bewegen, uns ins Nebulöse, Heimliche begeben. Wir können unseren verborgenen Leidenschaften nachgehen (besser als im Schwarz, denn da sieht man ja nichts). Wenn wir so darüber nachdenken: Vielleicht haben wir das Wesen des Grau mit all seiner Gestaltungskraft noch gar nicht im Ganzen begriffen? Wieso meinen wir dann, vorschnell darüber urteilen zu können? Aber gut, es gibt noch mehr als eine Chance, das Urteil zu revidieren. Der November ist zwar vorbei. Aber das Dezembergrau – das hat’s auch in sich.

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