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Der Rückfall in atavistische Verhaltensformen ist eine Erklärung, eine Rechtfertigung nicht.
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Der Rückfall in atavistische Verhaltensformen ist eine Erklärung, eine Rechtfertigung nicht.

Gesellschaft

Unter Tollwutbürgern

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Bissattacken haben in den letzten Monaten zugenommen. Über die wachsende Verrohung in der politischen Kontroverse.

Es ist in den letzten Monaten kein Einzelfall, im Gegenteil, die Meldungen häufen sich nicht nur im Vermischten als Kuriositäten. Vielmehr geht es um einen Trend in der politischen Auseinandersetzung. Hat doch, nach allem was bekannt wurde, erneut ein Mensch zugebissen – wie die Dinge liegen, wohl wieder einmal ein extrem unzufriedener Bürger, ein Wutbürger, dem nicht mit Worten zuzureden war.

Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Täter während der Corona-Krise seine Beleidigungen und Schmähungen mit einem Biss abschließt; so beklagt das Deutsche Architektur Museum (DAM) die Attacke auf einen Mitarbeiter und verweist auf dessen Bisswunde. Der Täter leugnet – weil das sein Recht ist? Oder eine typisch rechtsextreme Strategie? Unübersehbar vertritt der Angreifer eine reaktionäre Architekturauffassung.

Das DAM betont, über den Zeitraum einer halben Stunde habe man auf den Eindringling einzuwirken versucht, bei ihm als den Anhänger eines Wiederaufbaus der Frankfurter Bühnen auf antiquarische Art. Als nostalgisch gestimmter Antipode vertritt er eine Arbeitsgemeinschaft in der Stadt. Eine der gelebten Ignoranz gegenüber der Gegenwart und Intoleranz gegenüber der Zukunft. Doch so unmissverständlich rückwärtsgerichtet deren Anliegen – so unmissverständlich die Aggression, als der Hausfriedensbrecher dem DAM-Direktor Peter Cachola Schmal ins Gesicht schlug.

Zuvor war versucht worden, den Aggressor mit Argumenten am unrechtmäßigen Zugang einer geschlossenen Veranstaltung zu hindern, einer wegen Corona-Auflagen nicht öffentlichen Diskussion. Nein, kein Einzelfall, auf den Treppen des Berliner Reichstagsgebäudes passierte es im Sommer, dass beim rechtsextremen Versuch, das Gebäude zu entern, gebissen wurde. Zuvor bereits, seit Ausbruch der Corona-Krise, haben deren Leugner Krankenpfleger und Krankenschwestern gebissen. Mehrfach während der Aufläufe der sogenannten Querdenker ist es Polizisten und Polizistinnen so ergangen, dass sie sich Bissen erwehren mussten.

Der Einzelfall hat etwas Exemplarisches. Denn wer zubeißt, will sich wohl nicht nur wehren als vielmehr den anderen verletzen. Menschenbisse gelten übrigens als gefährlicher und sind mit höheren Infektionsraten verbunden als die vieler Tiere. Tierbisse reißen Wunden, die besonders kräftigen Kiefer eines Menschen sorgen für Quetschungen – allerdings geht es hier nicht um medizinische Befunde, sondern um sozialpolitische, um die Radikalisierung des politischen Diskurses, dessen Verrohung und den Angriff auf eine offene Gesellschaft.

An einer Online-Diskussion hätte sich der Eindringling beteiligen können. Ebenfalls erhellend erneut der Blick auf die Verkehrung der Opferfrage. Wähnen sich doch Wutbürger und Wutbürgerinnen bekanntlich als Opfer – mit irrsinniger Dreistigkeit bezeichnen sich offene Antisemiten als die „neuen Juden“, Antidemokraten und Antidemokratinnen als Widerstandskämpferinnen und –kämpfer. Die ungeheure Anmaßung entlädt sich in verbalen Aggressionen.

Um es bei den Verwünschungen nicht zu belassen, soll das Gegenüber offenbar auch verwundet werden. In seiner Hilflosigkeit sichtbar gemacht werden, in seiner Schutzlosigkeit ausgewiesen werden. Ein archaischer Impuls? Groß das Echo auf Bissattacken, die im Sport zu sehen waren. Bekannt wurden die Bilder vom Ohr des Evander Holyfield, das 1997 der Boxer Mike Tyson seinem Gegner im Ring zum Teil abbiss. Der Torhüter Oliver Kahn ging dem gegnerischen Stürmer Heiko Herrlich mit dem Mund an den Hals. Als eine besonders rohe Szene in Erinnerung diejenige des Stürmers Luis Suárez, der seinen Gegenspieler Giorgio Chiellini bei einem Spiel der Fußball-WM 2014 biss.

Fachleute, damals nach Motiven gefragt, hatten Erklärungen zur Hand, so der forensische Psychiater Thomas Knecht, der meinte: „Diese Verhaltensweise ist bei den Säugetieren im Hirnstamm gespeichert. Kommen die Emotionen hoch, bricht ein solches Verhalten durch. Wir nehmen dann keine Rücksicht auf Regeln.“ Und der Kriminologe David Wilson wiederum meinte in einem Interview der BBC, wichtig für den Täter sei, das Opfer „zu markieren“.

Von einem archaischen Verhalten war damals die Rede, auch davon, dass viele Tiere das Beißen anfangen, wenn sie sich in die Ecke gedrängt oder bedroht fühlen. Zweifellos lässt sich Beißen als Notwehrreaktion erklären, nicht nur bei Tieren. Der Beißende ist alles andere als ein souverän Handelnder – vielmehr ein wild, wie toll reagierendes Wesen, dabei Beispiel für einen Atavismus, den Rückfall auf primitive Verhaltenweisen.

Dass sich der Mensch auf sehr unterschiedliche Weise Schmerz zuzufügen weiß und dass er sich dabei als ein findiges Wesen erwiesen hat, ist kein Grund, um auf den Eklat durch einen archaisch motivierten Aggressor gelassen zu reagieren. Der Biss ist eine scharfe Waffe. Anders als beim mitgeführten Messer oder der Pistole kann man sich mit ihm bei Gericht herausreden. Kein Vorsatz, kein Plan, ein spontaner Akt – strafrechtlich betrachtet. Doch der Biss muss kein rostiges Messer sein, um die Angst vor einer Infektion zu schüren, einer Blutvergiftung. Der Biss ist eine biologische Waffe – und eine biologistisch motivierte Waffe zumal durch Rechtsextremisten.

Unübersehbar die Anzahl der Bissübergriffe durch „Querdenker“, durch solche Zeitgenossen, die über ein äußerst festgefügtes Bild von Infektionen verfügen. Beißen als Strategie? Oder ist der Beißende auch ein Opfer? Darüber lässt sich länger nachdenken, wie überhaupt über die Opfer-Täter-Konstellation. Und je länger man es tut, wird klar, dass die AfD mit ihrer Verkehrung ihrer dreisten Täterschaft in eine behauptete Opferrolle nicht nur ein typisch rechtsextremes Muster aufgreift, sondern auch Archaisches aufleben lässt. AfD: Archaisches für Deutschland!

Der tolle Mensch, verbissen wie er ist, der tollwütige Bürger tritt auf, als gelte es, den politischen Gegner wegzubeißen wie einen Konkurrenten. Reviermarkierungen. Dabei ließe sich auch an andere Schmähungen denken, an das Spucken, nicht nur an das Ausspucken, vor die Füße, als Ausdruck von Verachtung, sondern ins Gesicht, als widerliche Kränkung. Beißen bedrängt den Widersacher unmittelbar, anders als bei Distanzwaffen wird der Zweikampf gesucht, ähnlich wie beim Dolch. Der infame Fundamentalist sieht in der Attacke durch den Dolch, den er seinem Opfer in den Bauch rennt oder mit dem er seine Kehle durchschneidet, eine besonders erniedrigende Form ritueller Bestrafung.

Wie auch immer man den Biss als eine persönliche Körperverletzung begreift, es scheint sich um eine auch bewusste, rechtsextreme Grenzüberschreitung zu handeln. Man muss fürchten, dass auch der Biss im Repertoire der Tollwutbürger und Tollwutbürgerinnen als besonders perfide Form ritueller Erniedrigung rumort.

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