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Urs Jaeggi 2016. dpa
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Urs Jaeggi 2016. dpa

Soziologie

Ungebundener Entdecker

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Seine Seminare waren legendär, sein akademisches Buch ein Bestseller: Zum Tod des Soziologen, Romanciers und Künstlers Urs Jaeggi

Zu Beginn der 80er-Jahre war das akademische Leben an der Berliner Freien Universität (FU) in vielfacher Hinsicht von theoretischen Lockerungsübungen geprägt. In den Literatur- und Sozialwissenschaften kursierten – sehr zum Ärger manch gestandener Professoren – fröhlich poststrukturalistische Theoreme, und in Seminaren prallten die Ideen der sogenannten Neuen Philosophen ganz unmittelbar auf die Vertreter einer gediegen-marxistischen Theoriebildung.

Einer, der diese Spannung sehr früh fruchtbar zu machen verstand, war der Schweizer Soziologe Urs Jaeggi. Unvergessen ein soziologisches Seminar, das von den Kollegen Dietmar Kamper, Gabi Althaus, Norbert Bolz und Urs Jaeggi als Gemeinschaftsveranstaltung abgehalten wurde, in dem der akademische Streit als Auseinandersetzung eigenwilliger Antipoden demonstrativ auf die Bühne gebracht wurde. Als Soziologe alter Schule hielt Jaeggi wenig vom sogenannten Neuen Denken, dessen begrifflicher Beliebigkeit er misstraute.

Als Intellektueller aber liebte er die offene Auseinandersetzung, und so wurde jeder dieser seltenen Nachmittage zu einem inspirierenden Bildungserlebnis, bei dem sich auch schon einmal ein Gast wie der französische Philosoph Jean Baudrillard sehen ließ.

Urs Jaeggis frühes soziologisches Standardwerk trug den einschlägigen Titel „Macht und Herrschaft in der Bundesrepublik“ und wurde von vielen Studentinnen und Studenten denn auch als unverzichtbares Enthüllungswerk aufgefasst. Mit über 400 000 verkauften Exemplaren avancierte das Buch zu einem Bestseller der Wissenschaftsliteratur, wovon heutige Verlage kaum mehr zu träumen wagen. Bald aber war Jaeggi dazu übergegangen, seine wissenschaftliche Arbeit mit den Mitteln künstlerischer Ausdrucksformen zu erweitern. Für einen Auszug aus seinem autobiographisch gefärbten Roman „Grundrisse“ hatte er 1981 den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt erhalten.

Das hervorstechende Merkmal seiner intellektuellen Entdeckerfreude aber war formale Ungebundenheit. In diesem Sinne war sein 1984 erschienener „Versuch über den Verrat“ ein Essay im besten Sinne, in dem er Einbildungskraft und Empirie miteinander verknüpfte. Irgendwann aber genügte Jaeggi die schöpferische Arbeit am Schreibtisch nicht mehr. Also reüssierte er als bildender Künstler, der spontane Performances inszenierte und zufällige Objektfunde in geheimnisvolle Skulpturen verwandelte. Joseph Beuys nicht unähnlich, war er nicht geneigt, räumliche Beschränkungen der Kunst zu akzeptieren. „Kunst ist überall“ lautete sein Motto, und seine Ausstellungen waren lustvolle Verbindungen von Artefakten mit der jeweiligen Umgebung. Aus einer Ehe mit der Schweizer Psychologin ging die gemeinsame Tochter Rahel Jaeggi hervor, die als eine der wichtigsten deutschsprachigen Philosophinnen gilt. Am Sonnabend ist Urs Jaeggi in Berlin im Alter von 89 Jahren gestorben.

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