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Unermüdlich für die Demokratisierung

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Von: Pitt von Bebenburg

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Die Otto-Brenner-Stiftung feiert ihr 50-jähriges Bestehen in kritischer Tradition und vergibt Journalistenpreise.

Zur Feier ihres 50-jährigen Bestehens hat die Otto-Brenner-Stiftung am Wochenende ausnahmsweise alle Jalousien geschlossen und den Blick nach innen gerichtet. Dabei liegt die Stärke der Stiftung gerade darin, die Gesellschaft mit kritischem Blick zu durchdringen: Politik, Arbeitswelt und Medienlandschaft.

Abgedunkelt war der Saal im Frankfurter IG-Metall-Gebäude schon am hellen Nachmittag, um die Scheinwerfer auf Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD) zu richten. Sie betonte die Aktualität des Ziels, das Otto Brenner vorgegeben hatte, der prägende Vorsitzende der IG Metall, der von 1952 bis 1972 an ihrer Spitze stand: „die umfassende Demokratisierung von Wirtschaft und Gesellschaft“.

Noch im Jahr seines überraschenden Todes war die Otto-Brenner-Stiftung gegründet worden. Die Stiftung hat ihren Sitz in Frankfurt, stärkt den Austausch zwischen Wissenschaft und Gewerkschaften und fördert kritischen Journalismus, nicht zuletzt durch die Vergabe des Otto-Brenner-Preises (seit 2005). Stiftungsgeschäfsführer Jupp Legrand verwies darauf, wie bedeutsam die Verknüpfung zwischen Theorie und Praxis sei. Fragen der Gefährdung der Demokratie und der Entwicklung der Zivilgesellschaft stünden im Vordergrund. Legrand verwies auf die Autoritarismus-Studie, ein Langzeitprojekt, das die Entwicklung rechter Tendenzen in der Bundesrepublik analysiert. Ebenso wie Legrand zeigte sich IG-Metall-Chef Jörg Hofmann erfreut, dass seiner Gewerkschaft ein Tarifabschluss in Baden-Württemberg gelungen ist – sonst hätte so mancher bei der Festveranstaltung gefehlt.

Akademikerquote 90 Prozent

Der Festakt stand in der Tradition der Kritik. Kaum hatte Festrednerin Bas feierlich verkündet, eine Demokratie brauche alle Bürgerinnen und Bürger, entgegnete die Kabarettistin Anny Hartmann, das spiegele sich im Bundestag nun wahrlich nicht wider. Dort betrage die Akademikerquote 90 Prozent, „und bei der FDP wissen die nicht mal, wie man Geringverdiener schreibt“.

Ein ähnliches Manko machten Journalistinnen auf einem Podium über ihre eigene Branche aus. In den Debatten über Diversität in Redaktionen spiele es kaum eine Rolle, dass dort Kinder aus Arbeiterhaushalten und Menschen ohne akademischen Abschluss fehlten, stellte die Autorin Julia Friedrichs fest. Ines Schwerdtner vom sozialistischen „Jacobin Magazin“ sprach markant von „Mittelschicht-Journalismus“.

Am Abend wurden die Otto-Brenner-Preise vergeben. SZ-Journalist Ronen Steinke bekam den ersten Preis für sein Buch „Vor dem Gesetz sind nicht alle gleich“. Weitere Preise gingen an Martina Rathke („Ostsee-Zeitung“) für ihre Recherchen zur Ausbeutung in Amazon-Lieferdiensten, Benedict Wermter und Tom Costello (ARD-Dokumentation „Die Recyclinglüge“), ein Team von „Der Spiegel“ und NDR für Recherchen zum Kindesmissbrauch sowie David Gutensohn für sein Buch „Pflege in der Krise. Applaus ist nicht genug!“. Für sein Lebenswerk geehrt wurde Tilmann Spengler, ein publizistischer „Tausendsassa“, so Laudator Heribert Prantl.

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