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Blicke und Seifenblasen lassen sich noch an den anderen richten.
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Blicke und Seifenblasen lassen sich noch an den anderen richten.

Corona-Pandemie

Und was ist jetzt mit der Liebe?

  • vonPeter Iden
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Szenen, Bilder, Zahlen und Blicke aus dem Alltag der Pandemie.

L’amour, cela ne se commande pas – es gibt sie, die Liebe, nicht auf Verlangen. Und doch ist das Verlangen, zu lieben und geliebt zu werden, jedem Leben unausweichlich eingeschrieben und zugegen immerzu. Dabei können Ausdrucksformen und Liebesziele sich sehr voneinander unterscheiden. Das kürzlich entstandene Foto wurde weltweit verbreitet: Es zeigt eine junge Frau, stehend auf dem Dach eines Autos vor der Fensterfront eines von Covid-19- Patienten heillos überfüllten Krankenhauses im norditalienischen Como, die täglich stundenlang darauf hofft, die erkrankte Mutter könnte für einen Blick an einem der Fenster der Klinik zu sehen sein. Es war ja auch das eine Liebeserklärung – voller Sehnsucht, die Züge der Mutter zu erkennen, zu wissen, dass sie da ist, wenigstens für einen Blick, wenn schon nicht für ein Streicheln, eine Umarmung.

Aber: Berühren verboten! Das Gebot der Pandemie stellt sich jetzt, in diesen langen Wochen eines Existierens in der Schwebe, jedenfalls den körperlichen Bezeugungen der Liebe bösartig entgegen. Es ist jedoch der Körperkontakt, die berührende Annäherung ein wesentliches Bedürfnis und für jede Gesellschaft von essentieller Bedeutung. Im Katalog der von ihm erdachten und verantworteten Ausstellung „Berührend“ des Museums in der Bremer Böttcherstraße, die das Thema mit einer beachtlichen Fülle an Beispielen der Kunst des Mittelalters bis zu Werken der aktuellen Moderne unter Aspekten der Ästhetik, der Soziologie wie auch der Erotik angeht, nennt der Kunsthistoriker Frank Schmidt das Berühren des anderen nachgerade „lebensnotwendig“. Die Malerin Cornelia Schleime versteht, an gleicher Stelle, „den Kuss als die neben dem Geschlechtsakt intensivste Form, mit einem Gegenüber eins zu werden“.

Wird eine solche Nähe des Einswerdens durch die Furcht vor dem Virus weniger oder gar nicht mehr gewollt, kann das nicht nur individuell psychisch belastend sein, sondern auch praktische Konsequenzen haben, die sich gesamtgesellschaftlich auswirken. In Italien, nicht ganz von ungefähr dort, hat sich gerade eine breite Diskussion darüber entwickelt, welche Folgen die durch vermiedene Akte der Zeugung deutlich gesunkene Geburtenrate für das Land haben wird. Istat, das nationale italienische Statistik-Institut, hat ermittelt, dass im Jahr 2020, gemessen an 420 000 Geburten im Vorjahr, mit einer Reduktion von 20 000 Geburten zu rechnen ist. Zum ersten Mal seit der Einigung des Landes 1861 werde damit die Zahl der Verstorbenen fast doppelt so hoch sein wie die der Neugeborenen und zugleich der zahlenmäßig normale Rückgang der Bevölkerung sich um 10 000 Personen verstärken. Diese Zahlen, so Istat, leiten sich jedoch ab aus einer Zeit der Zeugung deutlich vor den Auswirkungen von Covid-19, was bedeutet, dass sie in den nächsten Monaten weiter ansteigen werden, weil vor allem Zukunftsängste die Paare in Hinsicht auf den Kinderwunsch zurückhalten. Es wird also, weil die Gegenwart bedrohlich schwierig ist, mit ihr auch die Zukunft preisgegeben.

Das ist nicht nur ein italienisches Phänomen. Vielmehr ist in der Debatte dort gern von einem „DDR-Effekt“ die Rede: Nach dem Fall der Berliner Mauer war die Zahl der Geburten in der DDR von im Jahr 1989 noch 200 000 auf im nächsten Jahr 90 000 gesunken, d.h. um 56 Prozent. Unberechenbar ist die Zukunft – schon zu antizipieren aber, was die Angst davor bewirken kann.

Als „voraussichtlich unabsehbar“ hat einst der Dramatiker Ödön von Horváth eine seiner von den Verhältnissen nach der Wirtschaftskrise am Ende der zwanziger Jahre verunsicherten Figuren, den Kasimir in „Kasimir und Karoline“, die Zukunft bezeichnen lassen, vor der wir uns jetzt nicht weniger unsicher befinden.

Indes gibt es durch den Zwang zur Maske als Schutz gegen die lebensgefährliche Übertragung des Virus im Alltag der Pandemie eine noch ganz andere Spannung, nicht ohne Reizwert. Nähe und Berührung sind weitgehend ausgeschlossen – Blicke jedoch, die haben wir als Möglichkeit der Wahrnehmung anderer noch immer. Genderübergreifend, werden die Gesichter, je mehr die Maske sie verbirgt, umso mehr betont. Und wird die Aufmerksamkeit für das begegnende Gesicht umso entschiedener stimuliert: Was ich nicht sogleich identifiziere, will ich umso inständiger wissen. So sucht sich das Erkennen andere Merkmale und Zeichen. Die im Straßenbild derzeit gut bemerkbare Tendenz zur Individualisierung der Masken bezeugt ein Bewusstsein der Trägerin oder des Trägers für das Besondere – nicht nur den bläulichen Fetzen vor der Schnute, sondern auffällig mehr und mehr das aparte Schmuckstück, womöglich selbst genäht, eben: meine, nur meine Maske, so eigen wie ich selbst.

Darin enthalten ist auch ein Versprechen. Zwar hält uns die Maske auf Abstand – doch wer weiß, was wäre, wenn sie fallen dürfte. Im historischen venezianischen Karneval ließen die kunstvollen Masken für den Moment der Lust am Abenteuer die Differenz zwischen den sozialen Schichten vergessen. Das war allerdings, wenn es aus war mit dem Maskenzauber und die Verlockung der Wirklichkeit nicht stand hielt, Stoff für viele Tragödien. Auf den Theaterbühnen des 18. Jahrhunderts hat Carlo Goldoni davon glänzend erzählt.

Alles ist anders in diesen Tagen. Immer offen aber die Augen. Nimmermüde Agenten der Entdeckung, viel mehr als sonst, wenn die Gesichter sich zeigen wie sie sind. Die Maske lässt den Augen den wahrnehmbaren und gleichermaßen den wahrnehmenden Blick. Manchmal ist es, als führten sie ein Eigenleben, spielten ganz für sich und auf eigene Verantwortung viele Komödien der Verführung. Die Maske, gedacht und getragen als Hilfe gegen die Krankheit, ist ihr Requisit. So hat sie, die Maske, auch mit dem Tod zu tun. Wie die Liebe immer.

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