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Tom Buhrow, Intendant des Westdeutschen Rundfunks (WDR) steht in der Kritik bei den WDR-Redakteuren. 

Umstrittene Satire

„Umweltsau“-Lied: Redakteure sauer und verunsichert – Buhrow stellt sich

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Krisentreffen beim WDR: Mitarbeiter beklagen in der „Umweltsau“-Debatte mangelnde Rückendeckung durch den Intendanten Tom Buhrow.

  • Die „Umweltsau“-Satire des WDR-Kinderchors sorgt Sturm der Entrüstung
  • Kinderlied „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ verballhornt
  • Chorleiter wehrt sich gegen Vorwürfe
  • Rechte Proteste vor dem Gebäude des WDR
  • WDR-Redakteure beklagen mangelnde Rückendeckung durch Buhrow

Update, 07.01.2020, 19:13 Uhr:  In einer außerordentlichen Redakteursversammlung mit mehreren Hundert Teilnehmern haben sich WDR-Mitarbeiter am Dienstag, (07.01.2020) in Köln über die mangelnde Rückendeckung durch den Intendanten Tom Buhrow beklagt. 

Seine schnelle Distanzierung vom im Netz stark diskutierten „Umweltsau-Lied habe viele verunsichert, hieß es nach Angaben eines Teilnehmers bei der nicht-öffentlichen Versammlung. Für diese Mitarbeiter stelle sich die Frage, ob man sich künftig überhaupt noch an eine Satire heranwagen könne. 

Buhrow betonte daraufhin den Angaben zufolge, dass alle unbedingt so weitermachen sollten wie bisher, es habe sich nichts geändert, und es dürfe und solle weiter experimentiert werden. Die Senderspitze habe auch darauf verwiesen, dass man das „Umweltsau“-Video zum Schutz der Kinder von der Seite genommen habe.

Diskussion um „Umweltsau“-Lied: Kritik an Intendant Tom Buhrow 

In dem Lied hatte ein Kinderchor auf die Melodie von „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ unter anderem „Meine Oma ist 'ne alte Umweltsau“ gesungen. Dies hatte eine Empörungswelle hervorgerufen. Buhrow entschuldigte sich für das Lied, woraufhin ihm vorgeworfen wurde, er spiele rechten Aktivisten in die Hände, die die Empörung im Internet großenteils künstlich erzeugt hätten. 

Vor dem Gebäude des WDR kam es zu rechten Veranstaltungen gegen den WDR und die Beitragsfinanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, aber auch vor dem Funkhaus des SWR in Baden-Baden versammelten sich einige Demonstranten.

Buhrow bestritt ein Zurückweichen vor den Rechten und sagte, es habe daneben durchaus auch eine echte Verärgerung vieler ansonsten wohlmeinender Hörerinnen und Hörer gegeben. Deren Kritik habe der WDR nicht schulterzuckend ignorieren können.

WDR-Mitarbeiter verärgert: Sender habe keine gute Figur gemacht

Kritik gab es in der Versammlung auch an der Krisenkommunikation des WDR, bei der so manches schief gelaufen sei. Unternehmenssprecherin Ingrid Schmitz sagte im Anschluss an die Veranstaltung: „Es war ein offener, kritischer und konstruktiver Austausch, der mit Blick nach vorne weiter fortgesetzt wird.“ Intendant Buhrow und seiner Geschäftsleitung sei es wichtig gewesen, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern transparent Rede und Antwort zu stehen. 

Update, 30.12.2019, 16.10 Uhr:WDR-Intendant Tom Buhrow hat seine Kritik an der „Umweltsau“-Satire bekräftigt. In einem Interview mit der WDR2-Radiosendung „Mittagsmagazin“ nannte er das Video „missglückt“ und entschuldigte sich erneut dafür.

Satire habe ihren Platz und sei dazu da, Mächtige aufs Korn zu nehmen, aber nicht, um eine Generation pauschal vor den Kopf zu stoßen und die Gefühle von Menschen zu verletzen, sagte der Intendant. Gerade ältere Menschen zählten zu den treusten Hörern der Welle WDR2, die den Anspruch habe, ein Familiensender zu sein, erklärte Buhrow. Im Gespräch mit WDR2 hinterfragte der Intendant kritisch, ob die Redaktion einer Umdichtung des Lieds auch dann zugestimmt hätte, wenn anstelle von einer Oma von „Ali“ die Rede gewesen wäre.

Diskussion um „Umweltsau“-Satire des WDR würde instrumentalisiert

Der Intendant kritisierte zugleich, dass von einigen die Diskussion instrumentalisiert werde und Mitarbeiter des Senders Morddrohungen erhielten. Das zeige, dass etwas im Land "richtig krank" sei. Alle müssten zu einer gesellschaftlichen Veränderung beitragen, sagte Buhrow.

Update, 30.12.2019, 13.10 Uhr: Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hat die Verantwortlichen des WDR aufgefordert, sich aktiv um den Schutz und die Sicherheit des freien Journalisten Danny Hollek zu bemühen. Der Journalist sei derzeit Opfer von Beleidigungen und Morddrohungen im Zusammenhang mit seinen Tweets zum „Umweltsau“-Video, erklärte der Verband am Montag in Berlin.

Weiter heißt es, Angehörige der rechtsextremen Szene marschierten vor dem Haus des Journalisten auf und versuchten, ihn einzuschüchtern. „Sowohl der WDR, für den der Kollege arbeitet, als auch die Sicherheitsbehörden sind aufgefordert, Danny Hollek zu schützen“, verlangt der DJV-Bundesvorsitzender Frank Überall. Es gehe nicht um Geschmacksfragen von Satire, sondern um den Schutz von Satire- und Meinungsfreiheit.

WDR-Intendanten Tom Buhrow distanziert sich von der „Umweltsau“-Satire

Als „wenig hilfreich“ bezeichnet der DJV-Vorsitzende in dem Zusammenhang die redaktionelle Distanzierung des WDR-Intendanten Tom Buhrow von der „Umweltsau“-Satire: Er müsse sich der Frage stellen, ob er „mit seiner eilfertigen redaktionellen Distanzierung für den Beitrag nicht all denen Oberwasser gegeben hat, die nicht auf den Austausch von Argumenten, sondern auf das Mundtotmachen kritischer Journalisten aus sind“. 

Update, 30.12.2019, 10.50 Uhr: Der Leiter des WDR Kinderchores Dortmund, Zeljo Davutovic, ist nach eigener Aussage vom Wirbel um das Satirelied über eine fiktive Oma als „Umweltsau“ völlig überrascht worden. „Ich habe geglaubt, dass das Lied in der WDR-Satire-Ecke bleiben und auch in diesem Kontext diskutiert werden würde“, erklärte Davutovic in einem am Sonntagabend bei „sueddeutsche.de“ veröffentlichten Interview. Auch einige kritische Kommentare habe er erwartet, das Ausmaß der Auseinandersetzung aber nicht im Ansatz.

„Umweltsau“-Lied im WDR: Leute wollten Satire nicht anerkennen

„Nachdem ich den parodierten Text gelesen hatte, war für mich ohne jeden Zweifel, dass mit der Textfigur 'Oma' wir alle gemeint sind“, schilderte der Chorleiter: „Selbst die Jüngeren werden in einigen Jahren oder Jahrzehnten Großeltern sein und sich von Nachfolgegenerationen Fragen gefallen lassen müssen, die unbequemer sind.“ Der Text bringe die jüngere Generation genauso zum Nachdenken.

Vielleicht sei es zu kompliziert, ein „um die Ecke denken“ von allen zu erwarten. „Ich kann mich an dieser Stelle auch nur bei allen entschuldigen, die den Text nicht als Satire anerkennen möchten. Eine Beleidigung ist weder von mir noch von den Kindern mit diesem Lied beabsichtigt“, erläuterte Davutovic in dem per E-Mail geführten Interview.

Update, 29.12.2019, 16.57 Uhr: Am Sonntagnachmittag versammelten sich vor einem Gebäude des WDR in Köln etwa 100 bis 150 Menschen, um gegen das „Umweltsau“-Satirelied des Senders zu demonstrieren. 

Unter anderem der Verein „Mönchengladbach steht auf“ hatte zu der Protestaktion aufgerufen. Dem Augenschein nach befanden sich unter den Demonstranten weniger Omas, die sich durch das Lied beleidigt fühlten, als rechtsgerichtete Gruppierungen. Ein Polizeisprecher berichtete gegenüber dem Deutschlandfunk von Kleidungsstücken mit der Aufschrift „Bruderschaft Deutschland“

Der Twitter-Account „Antifa Zeckenbiss“, der bereits nach der Hetzjagd auf Ausländer in Chemnitz für Furore gesorgt hatte, berichtet von aggressiven Nationalisten, die vor dem öffentlich-rechtlichen Sender herumpöbeln.

Auch der Grünen-Bundestagsabgeordnete Sven Lehmann kommentierte das Geschehen vor dem WDR-Gebäude: „In Köln demonstrieren gerade Neonazis vor dem WDR-Funkhaus.“

Update, 29.12.2019, 12.57 Uhr: Die Leitung des WDR-Kinderchors, der in einem Satirelied eine Oma als „Umweltsau“ besang, hat den Vorwurf zurückgewiesen, die Kinder seien instrumentalisiert worden. „Ich möchte mich als beteiligter Musiker bei allen entschuldigen, die sich trotz der Einordnung als Satire von uns persönlich angegriffen fühlen“, hieß es am Sonntag in einer Stellungnahme auf der Internetseite des Chores.

Den Kindern des Chores sei erklärt worden, dass mit Überspitzung und Humor der Konflikt zwischen den Generationen aufs Korn genommen werden solle, erklärte der künstlerische Gesamtleiter Zeljo Davutovic. Kinder und Eltern hätten freiwillig entscheiden können, ob sie an dem Projekt teilnehmen. Es gehe nicht um die Oma, „sondern um uns alle. Hier schließe ich mich persönlich ein“, schrieb Davutovic.

Zahlreiche Auftritte in Seniorenheimen dokumentierten die generationsübergreifende Arbeit der Kinderchors. „Wir haben in den vergangenen Jahren immer allergrößten Respekt vor Seniorinnen und Senioren gezeigt. Diesen werden wir uns auch in Zukunft nicht nehmen lassen“, hieß es in der Erklärung.

„Umweltsau“-Lied des WDR: Shitstorm mit Tausenden Facebook-Kommentaren

Ein so genannter Shitstorm im Netz mit Tausenden Facebook-Kommentaren war über den WDR hinweggezogen. Hörer und Internet-Nutzer hatten den Verantwortlichen mangelnden Respekt vor Älteren und eine Instrumentalisierung von Kindern vorgeworfen.

Erstmeldung, 28.12.2019, 12.21 Uhr: Köln - Eine vom WDR-Kinderchor als Umweltsatire gesungene Verballhornung des Liedes „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ hat einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Der Westdeutsche Rundfunk erklärte, die Satire habe „sehr unterschiedliche Reaktionen“ ausgelöst und löschte das Video schließlich von der WDR-2-Facebookseite.

Der WDR in Köln hat einen Sturm der Entrüstung ausgelöst.

In dem Video sangen Mädchen im Studio unter anderem die Zeilen: „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad. Das sind tausend Liter Super jeden Monat. Meine Oma ist 6ne alte Umweltsau.“ In einer anderen Strophe hieß es: „Meine Oma fährt mit 'nem SUV beim Arzt vor, überfährt dabei zwei Opis mit Rollator.“ Auch die Themen billiges Discounterfleisch und Kreuzfahrten werden nicht ausgespart.

„Umweltsau“-Lied: Auch die Stimme von Greta Thunberg ist zu hören

Am Ende des Videos sieht man die Chormädchen mit ernstem Blick die Lippen bewegen und hört die Stimme der Umweltaktivistin Greta Thunberg: „We will not let you get away with this“ (Wir lassen Euch damit nicht davon kommen).

Der Beitrag ärgerte viele. „Warum sendet man so einen Unverschämtheit?“, schrieb eine Nutzerin empört auf Facebook. „Unterirdisch“, „unterstes Niveau“, „eine einzige Frechheit“, schrieben andere. Einige aber zeigten auch Verständnis: „Wenn man das Alter der Kinder beachtet, sind die heute 50-70-Jährigen gemeint (...) Da steckt schon wahres drin.“

„Umweltsau“-Lied im WDR: Jan Böhmermann äußert sich

Satiriker Jan Böhmermann äußerte sich auf Twitter: „Wer sich jeden Tag billiges Discounterfleisch aufbrät, ist eine Umweltsau.“

Die Satire habe „sehr unterschiedliche Reaktionen“ ausgelöst, hieß es in der Stellungnahme des WDR 2 auf Facebook. Dies sei „im besten Falle auch Sinn einer Satire“. Man habe die „zuweilen hysterische Klimadiskussion“ zuspitzen wollen. Den Vorwurf, die beteiligten Kinder seien instrumentalisiert worden, wies der Sender zurück. „Dies ist absolut nicht der Fall, trotzdem haben wir uns entschlossen, das Video zu löschen, da schon die Mutmaßung, WDR 2 hätte die Kinder des Chores instrumentalisiert, für die Redaktion unerträglich ist.“

(epd/dpa/tom)

Die Kritik an dem satirischen „Umweltsau“-Lied ist lächerlich, übertrieben und vor allem strategisch, um gegen Umweltschutz und öffentlich-rechtliche Medien Stimmung zu machen. Ein Kommentar.

Auch die Klima-Aktivisten von Fridays for Future haben für einen riesigen Sturm der Entrüstung gesorgt. Grund war ein diffamierender Tweet.

Aktivistinnen wie Kapitänin Carola Rackete oder die Klimaschützerinnen Greta Thunberg und Luisa Neubauer sind mächtig geworden, ohne dass sie diese Macht je angestrebt hätten. Doch dafür zahlen sie auch einen Preis.

Umstrittenes Umweltsau-Video: Rechte protestieren gegen WDR und GEZ in Köln. 1500 Menschen demonstrieren dagegen. Kam es vonseiten eines Rechten zu einem Messerangriff?

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