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Ukraine-Krieg: „Nun bekommen wir es mit dem Ernstfall zu tun“

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Von: Christian Thomas

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Der Holodomor 1932/33 tötete Millionen von Menschen.
Der Holodomor 1932/33 tötete Millionen von Menschen. © Imago Images

Man hätte es besser wissen können: über den verdrängten Krieg Russlands in der Ukraine. Ein Bücherbericht von Christian Thomas.

Frankfurt – Seit Jahrhunderten war sie im Visier großrussischer Ambitionen, so hat auch Wladimir Putin mit Blick auf die Ukraine Visionen entwickelt. Es sind gewalttätige Visionen, die längst unzweideutigen Widerspruch und wehrhafte Gegenmaßnahmen verlangt hätten. Stattdessen Kollaboration mit einem Autokraten, obwohl seine „Annexion der Krim und der Krieg im Osten der Ukraine ein tektonischer Bruch“ waren, wie es im Januar 2015 in dem Buch „Testfall Ukraine“ hieß. Von einem „Epochenbruch“ sprach jetzt, sieben Kriegsjahre später, der Bundespräsident mit Blick auf den Kriegsausbruch am 24. Februar 2022. Bemerkenswert, denn in dem Buch kam man bereits 2015 zu dem Schluss: „In Europa tobt ein Krieg.“

Dennoch wurde rasant über nachdenkliche Stimmen hinweggegangen, so von einem ehemaligen SPD-Kanzler: „Putins Vorgehen ist verständlich.“ Nein, nicht ein korrumpierter Gerhard Schröder sagte dies am 27. März 2014 in der „Zeit“, sondern der Pädagoge der Nation, Helmut Schmidt. Schmidt bezweifelte, dass es sich bei der Annexion um einen Verstoß gegen das Völkerrecht handelte. Und die Sanktionen des Westens? „Dummes Zeug.“ Damals weitere penetrante Belehrungen. Putinverständnis nur damals?

Ukraine-Krieg: Die Ukraine unterliegt dem imperialen Blick Russlands

Putins Annexion geschah nach prominentem Vorbild: dem von Hitler stammenden Plan heim ins Reich. Vor acht Jahren wurde das in Moskau begossen mit so viel Krimsekt, dass er in den Supermarktregalen der Metropole ausverkauft war, wie die Russlandkorrespondentin Katja Gloger damals beobachtete. Doch um die Sache im Siegestaumel nicht untergehen zu lassen, wurden seitdem Schulbücher und Lehrpläne in Russland umgeschrieben.

Die Ukraine und darin die Krim, die „Perle des Russischen Reichs“, von der Katharina d. Gr. im 18. Jahrhundert sprach, unterliegt seitdem dem imperialen Blick Russlands. Lange Zeit war die Ukraine der Korridor gewesen, durch den Russland Anschluss an den Westen gefunden hatte, an Europa. So hat es der Russland- und Ukraineexperte Andreas Kappeler rekonstruiert und darauf aufmerksam gemacht, wie wenig die Ukraine in die Heldenerzählungen Russlands einging, in denen der Heroismus gegen Aggressoren besungen wurde. Gegen die Deutschordensritter; gegen die Mongolen (die Tartaren); gegen Polen und Litauer; gegen Napoleon; gegen Hitler.

Vor fast 400 Jahren, im Jahr 1624, wurden die Rollen schriftlich verteilt: die zwischen dem „großen Bruder“, Russland, und dem „kleinen“, der Ukraine. Seitdem eine vielfach „verschränkte Geschichte“, so Kappeler. Wenn Wladimir Putin die Ukraine noch vor einigen Jahren zum „gemeinsamen Taufbecken“ erkor, so verbarg sich hinter dieser vermeintlich großzügigen Anwandlung bereits ein russländisches, ein imperiales Projekt. Was das Amselfeld, hochstilisiert durch einen Populisten Anfang der 1990er Jahre, für die wahnwitzige Wiedergeburt Großserbiens war, ist für Putin das unfertige Projekt der Ukraine.

Ukraine-Krieg: Die Ukraine blieb abwesend auf der „mental map der Europäer“

Wer sich mit ihr beschäftigte, konnte mitbekommen, dass das Land vor 80, 90 Jahren der „tödlichste Ort der Erde“ (Timothy Snyder) war. Schlachtfeld der Wehrmacht Hitlers, ein Land der Vernichtung Zehntausender. Auch die Ukraine wurde zu einem Territorium des Holocaust. In der Ukraine wütete der Terror Stalins – darunter dessen Holodomor, ein Völkermord durch Hunger, dem mehr als drei Millionen Menschen zum Opfer fielen. Im Jahr 2013 ließ sich in dem Buch „Bloodlands“ des US-amerikanischen Historikers Timothy Snyder nachlesen, in welchem Ausmaß die Ukraine zwischen 1933 und 1945 dem Terror des Stalinismus und Nationalsozialismus ausgeliefert war.

Snyders Untersuchung bot die Gelegenheit zu einer Horizonterweiterung. Was allerdings mit der Osterweiterung von EU und Nato mental nicht mithielt, war, so könnte man sagen, eine Osterweiterung des Geschichtsbewusstseins. Mag der Überfall auf die Sowjetunion, 1941, sowohl der Politik als auch einer aufgeklärten Zivilgesellschaft ein Begriff sein, auch Anlass zu historischer und moralischer Verantwortung – die Ukraine blieb abwesend auf der „mental map der Europäer“, bemerkte 2015 der Osteuropaexperte Karl Schlögel, obwohl die Ukraine das „Grenzland par excellence“ ist, ein „wahres Laboratorium von Grenzlandschaften“, zudem ein „Europa im Kleinen“: politisch, sozial, konfessionell, ethnisch, kulturell.

Groß auch die eigene Ignoranz, eingestandenermaßen. Ein abflauendes Interesse angesichts der seit 2004 überlieferten Nachrichten. Die Orangene Revolution war verblichen. Berichte über das Absinken der Ukraine in erneut desolate Verhältnisse. Die Nachweise über gefälschte Wahlen. Die Ukraine wurde immer wieder überführt der geschundenen Rechtsstaatlichkeit, unverhohlenen Gewalt, horrenden Korruption. Wie ließen sich die Bilder aus der Ukraine lesen? Als Sinnbilder? Das Engelsgesicht der Julia Timoschenko – ein Januskopf? Die Paläste der Oligarchen – nur zu offensichtlich Besitztümer mafiotischer Gewaltunternehmer. In der Ukraine lief es gründlich schief, auch symbolpolitisch. Ein Denkmalkult für Stepan Bandera, durch den ein faschistischer Freischärler geadelt wurde, der in den 1930er und 1940er Jahren über Zehntausende Leichen ging. Wer an der Ukraine dranblieb, dem entging nicht, dass dem Massenmörder nicht zuletzt eine Briefmarke gewidmet wurde. Und die Prügeleien im Parlament – wie verstörend war das?

Ausgelöst wurde die Eskalation durch eine Kleptokratie in Kiew

Es konnte nur anders werden. Und tatsächlich kam die Nacht von Kiew. „Ich gehe auf den Maidan. Wer kommt mit?“, lautete am 21. November 2013 ein Tweet, dem Tausende folgten. Es entstand eine Zeltstadt in eisiger Kälte, motiviert durch den Wunsch nach Westbindung. Motiviert durch die Schaukelpolitik eines korrupten Statthalters Putins, der die von der EU verlangten Garantien hintertrieb, formierte sich eine Opposition. In dem 2015 erschienenen Buch „Testfall Ukraine“ beschrieben die Autorinnen und Autoren den „Euromaidan“ als „Agora“, als ein „Wunder, das alle überrascht hat, die Beteiligten selber nicht weniger als die Beobachter“. Erfahren wurde der nach Europa blickende Maidan als ein „anderer Kosmos, der ein neues Verständnis von der eigenen Person, von Politik und Gesellschaft prägte“ (Katryna Mishchenko). Auf dem Maidan verdichtete sich „ein Symbol geduldigen zivilen Widerstandes“, so die Augenzeugin Katja Gloger: er war der „Brutkasten einer neuen, ukrainischen Identität, Ort einer blutig eskalierten Machtprobe“.

Ausgelöst wurde die Eskalation durch eine Kleptokratie in Kiew, die ihre Milliarden bedroht sah. Beschleunigt wurde die Eskalation durch Putins hybride Kriegsführung, seinen Propagandakrieg – der Konfusion auch in Europa auslöste, nicht wahr? Noch vor der Annexion der Krim wurde der Euromaidan von Schlägerbanden und rechtsextremen Milizen annektiert, gierig auf einen Bürgerkrieg. Die Gelegenheit dazu bekamen sie kurze Zeit später – durch Putin: auf der Krim, im Donbass, dort seit acht Jahren Bürgerkriegsverbrechen.

Zur Sache

Michel Eltchaninoff: Putins Kopf. Logik und Willkür eines Autokraten. Tropen Sachbuch. 222 S., 12 Euro.

Masha Gessen: Die Zukunft ist Geschichte. Wie Russland die Freiheit verlor. Suhrkamp Taschenbuch 5062. 640 S., 15 Euro.

Katja Gloger: Putins Welt. Das neue Russland, die Ukraine und der Westen. Serie Piper 31040. 396 S., 14 Euro.

Andreas Kappeler: Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer. C.H. Beck Paperback 6284. 268 S., 19,99 Euro.

Walter Laqueur: Putinismus: Wohin treibt Russland? Propyläen. 332 S., 22 €.

Katharina Raabe u. Manfred Sapper (Hrsg.): Testfall Ukraine. Europa und seine Werte. Edition Suhrkamp Sonderdruck. 256 S., 16 Euro.

Karl Schlögel: Entscheidung in Kiew. Ukrainische Lektionen. Fischer Taschenbuch 29643. 304 S., 15 Euro.

Die groteske Gogol-Stelle über Gerüchte findet sich in „Jahrmarkt zu Ssorotschinzy“, der Auftaktgeschichte seiner „Abende auf dem Vorwerk der Dikanjka“. Das Zitat über „handelnde Personen“ in seinem Roman „Die toten Seelen“, erster Teil, drittes Kapitel. Den in der Ukraine geborenen Russen Gogol in diesen Tagen zu boykottieren, wäre eine Schandtat.

Putins Annexion der Krim war die Revanche für die Revolution des Euromaidan, so war es schon 2014 offensichtlich. Allerdings verfing der Putinsche Informationskrieg auch damals bereits, in der Realpolitik ebenso wie unter Linken, so dass der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch feststellte: „Man versucht gar nicht, uns zu verstehen. Stattdessen treffe ich viel zu häufig Leute, die Putin verstehen. Es bleibt eine schmerzhafte Frage, warum dem friedlichen, politisch korrekten Europa der Aggressor näher und daher verständlicher erscheint als das Opfer seiner Aggressionen.“

Wollte man die „Operation Krim“, von der Putin 2014 sprach, seine Propagandaoperation für einen Moment grotesk sehen, so ließe sich mit dem Spötter Nicolai Gogol sagen, dass das Gerücht etwas ist, an das abergläubische Russen zu glauben gerne bereit sind. Der Erzähler Gogol gab im Jahr 1831 in einer seiner Geschichten zu bedenken, „alle hielten es für ein Verbrechen, nicht daran zu glauben“, wie aberwitzig auch immer das Gerücht sich darstelle. Nicht mit dem gebürtigen Ukrainer Gogol, sondern hochaktuell betrachtet, ist es so, dass die Abergläubigen in Russland es offenbar für ein Verbrechen halten, nicht an die „übertriebenen Nachrichten“ und den „großen Lärm“ (Gogol) der Gerüchte zu glauben.

Ukraine-Krieg: Putins Misstrauen gegen den Westen

Will man es nicht mehr spöttisch sehen, so lässt sich ein schlichter Mechanismus ausmachen. Putin, der durch die Schule des Misstrauens, den KGB ging, denkt bei seiner Einschätzung des Westens ständig in der Logik eines Geheimdienstlers. Er hält es ganz offensichtlich für ein Verbrechen, nicht von verschwörerischen Absichten des Westens auszugehen. Dass diese Logik des Komplotts unter Abergläubigen ankommt, hat in Russland Tradition. Ohne Stereotypen über eine russische Mentalität zu unterstellen, verwies 2015 der Historiker Walter Laqueur auf die verrückte Affinität zu Verschwörungserzählungen gerade während der grauenvollen Stalinzeit. Der bereitwillig blinde Glaube, der Aberglaube abseits der Tatsachen kostete in Stalins Sowjetunion Hunderttausende das Leben, und es wäre in den Augen der Abergläubigen ein Verbrechen gewesen, die abstrusesten Geschichten der Propaganda nicht zu glauben.

Auch in Putins Russland existiert eine besonders intime Beziehung zwischen Verschwörungserzählungen und Geheimdienstlogik. Nicht erst in Talkshows, zuletzt, schon 2014 wurde daran erinnert, dass Putins Misstrauen gegen den Westen durch seine Dresden-Erfahrungen bestimmt ist, 1989, als er als Geheimdienstler hilflos zusehen musste, dass er und die Seinen, Spitzel, Provokateure, Verschwörer, keinen Einfluss auf die Entwicklungen hatten, die Massen, den Gang der Geschichte – die Wende, den Untergang der Sowjetunion, „die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“, wie Putin 2005 meinte. Was im Westen aufhorchen ließ. Aufgeschreckt war er deswegen nicht.

Wladimir Putins Ideologie ist ein Ideologiemix

Unerbittlich Putins Reaktionen auf die Umbrüche in Georgien 2004, in der Ukraine 2014. Putin begründete seinen Einfall in die Krim mit vermeintlich historischen Argumenten, die mit sakralen Rechtfertigungen aufgeladen wurden. In ihrem eindringlichen Russlandbuch, das ein ebenso intensives Ukrainebuch ist, schreibt die in Moskau geborene Masha Gessen: „Die Krim war Russlands Ideologie. Sie führt alle Themen zusammen, die Putin zuvor in Umlauf gebracht hatte.“

Putins Ideologie ist ein Ideologiemix, denn die von ihm scharf gemachten extremen Ideen sind nicht kohärent. „In Putins Kopf“, in die „Logik und Willkür eines Autokraten“ versetzte sich 2015 Michel Eltchaninoff. Im soeben aktualisierten Buch analysiert der französische Philosoph Putins Doktrin von der „führenden Rolle Russlands in der Welt“, zurückgreifend auf Visionen von einem „heiligen Russland“, und das nicht nur geopolitisch in Eurasien, sondern in einem gegen den angeblich dekadenten Westen gerichteten Kulturkampf. Putins Mission gründet in einem aus opportunistischem Belieben und strategischem Gutdünken gemischten Patchwork. Der von ihm propagierte „Russische Weg“ beschwört die „spirituelle Wiedergeburt Russlands“, das historische Imperium des Zarenreichs, um zwei Ideologien des 19. Jahrhunderts zu annektieren. Einen aggressiven Nationalismus, der messianisch aufgeladen wurde und aktuell von der orthodoxen Kirche abgesegnet wird.

Angesichts dieser ideologischen Offensive war es ebenfalls im Jahr 2015, dass Laqueur konsterniert feststellte: „Ich finde es merkwürdig und sogar aberwitzig, dass die Linke außerhalb Russlands die ideologischen und politischen Veränderungen kaum wahrgenommen hat und Russland weiterhin für ein irgendwie linkes Land hält.“ Ebenfalls zum Aberwitz zählt, dass sich Teile der Linken und der Friedensbewegung von der putinschen Propaganda bereitwillig haben einreden lassen, dass die EU-Osterweiterung nach einem imperialistischen Masterplan Washingtons erfolgt sei – und nicht den fundamentalen Freiheitsinteressen der Bevölkerung in Polen und im Baltikum entsprach. Aus ideologisch motivierten Gründen belehrte im November 2014 im Deutschen Bundestag die Frontfrau der Linken: „Nicht Putin stellt eine Kriegsgefahr dar, es sind vielmehr jene, die Nato und EU weiter nach Osten ausdehnen und Putin damit erdrücken wollen.“ Auf diese Weise rückte Sahra Wagenknecht Putin ans Herz.

Ukraine-Krieg: Wer sich schlau wähnte, warnte vor einem „Russland-Bashing“

Ideologen rückten Russland in die Rolle eines Retters. Infame, linksaußen wie rechtsaußen, wiesen ihm dem Alleinherrscher die Rolle eines Rächers wider den Westen zu. Dagegen von Putins „Eskalationsdominanz“ sprach 2015 Karl Schlögel. Dennoch, trotz Putins offenkundiger Destabilisierungsstrategien, der militärischen im Osten und Süden der Ukraine, seinem Informationskrieg gegen den Westen, wurde von Besserwissern dazu aufgefordert, Putin gegenüber nur ja Vertrauen walten zu lassen, weiterhin. Vertrauen gegenüber Putin wurde zu einem hoch dekorierten Begriff. Mit dem jedoch bereits 2014 gemachte Erfahrungen ignoriert wurden, beschrieben durch die langjährige Russland-Korrespondentin Katja Gloger, die Zugang zum Kreml ebenso wie zu Putin hatte: „Kalt erwischt, stellten Kanzlerin Merkel und ihr Außenminister Anfang 2014 fest, dass die Unberechenbarkeit nun neues Arbeitsprinzip des russischen Präsidenten schien. (…) Manchmal waren die Mitarbeiter im Kanzleramt so wütend, dass sie von ‚Verarschung‘ sprachen.“

Bemerkenswert, dass daraufhin, 2014, im Kanzleramt, im Auswärtigen Amt, im Wirtschaftsministerium keine Rückschlüsse gezogen wurden. Jedenfalls grenzt die Begründung, man habe sich in Putin getäuscht oder geirrt, an Selbstbetrug, wenn man bei Gloger die Stelle aufstöbert: „Überhaupt sprach er (Putin) die meiste Zeit – Gabriel kam kaum zu Wort.“ Trotz der Gräuel in Tschetschenien, der Kriege in Georgien, auf der Krim, im Donbass haben Realpolitik und Pazifismus an den Prädestinationen vorgeschossenen Vertrauens festgehalten. Wer sich schlau wähnte, warnte vor einem „Russland-Bashing“. In Milieus, die sich selbst zu den „Anständigen“ zählen, zeigte man sich affin für die von Putin behauptete „moralische Überlegenheit“ einer historischen Mission Russlands. Ein grotesker Pazifismus stellt unter dem Eindruck der Putin-Propaganda die Tatsachen weiterhin auf den Kopf, ein putinesker Pazifismus.

In der Ukraine „bekommen wir es mit dem Ernstfall zu tun“

Womöglich nach dem Vorsatz des allwissenden Erzählers in Nikolai Gogols Roman „Die toten Seelen“: „Wir wollen uns aber den handelnden Personen zuwenden“, haben sich Historiker aus der SPD, mit der Realitätsverweigerung in der eigenen Partei nicht mehr einverstanden, zu Wort gemeldet, um die Vorgänge zu untersuchen. Ob nun den angeblich bloß privatwirtschaftlichen Deal mit einer Pipeline oder die garantiert privaten, pekuniär motivierten eines ehemaligen Kanzlers der Bundesrepublik Deutschland. Vielleicht kommt die Enquetekommission auch zu dem Ergebnis, dass 2014 Schlafwandler die EU und den Westen in die Krise manövriert haben, wie schon hundert Jahre zuvor, 1914, eine überforderte, eine in den Ersten Weltkrieg taumelnde Diplomatie. Unverantwortliche Politiker im Jahr 1914, aber in Nachthemden? In Büßerhemden jedenfalls später nicht.

Aus dem Jahr unmittelbar nach der Zeitenwende 2014 stammt der Satz: „Was undenkbar schien, ist plötzlich real: In Europa tobt ein Krieg.“ Und weiter hieß es in dem Buch „Testfall Ukraine“: „Da ihn (den Krieg, ChTh) der Kreml und die staatshörigen Medien Russlands als Verteidigung gegen den Faschismus deklarieren und ihm damit einen quasisakralen Charakter verleihen, ist kein Ende abzusehen.“ Eine damalige Diagnose des Friedensforschers Bruno Schoch, eine Prognose seitdem. Nein, Europa wurde nicht das Opfer eines Irrtums. Es war Selbstbetrug, imprägniert durch Ideologie, Ignoranz, auch Indolenz. In der Ukraine „bekommen wir es mit dem Ernstfall zu tun“, mahnte 2015 Karl Schlögel: „für den wir, was die dafür notwendigen Denkmittel und Verhaltensformen angeht, denkbar schlecht gerüstet sind, um von den praktischen Formen der Friedenssicherung, die auch militärische Wehrhaftigkeit einschließt, gar nicht zu reden.“ (Christian Thomas)

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