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Was Putin gerne liest und zitiert

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Von: Artur Becker

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„Zweifeln wir nicht an der Beurteilung des Bösen“, schreibt Artur Becker. Plakat an einer Wand in Warschau, März 2022.
Ein Plakat an einer Wand in Warschau, März 2022. © dpa

Wladimir Putins imperiale Machtträume und der Antichrist „Westen“. Und aus Sicht eines gebürtigen Polen auch die Frage, was hier jetzt Russophobie ist.

Frankfurt – Seit einigen Tagen schon spreche ich über Skype mit meinen Freunden über die Invasion der Ukraine durch Russland. Alle sind über die Gräueltaten der Putin’schen Soldaten und das Leid der ukrainischen Bevölkerung entsetzt, alle empfinden Empathie und Mitgefühl. Und alle sind besorgt und haben Angst vor einer Eskalation, einem neuen Weltkrieg. Ich schreibe hier über Freunde aus Venedig, Southampton, Frankfurt am Main, Bremen, Warschau, Olsztyn, Faro, Johannesburg, Santiago de Chile und San Francisco.

Ich lebe seit fast zwei Jahren im Frankfurter Hotel Lindley: Es ist mein neues Zuhause geworden, hier schreibe ich an meinen Büchern weiter. Aber morgen kehren meine Frankfurter Freunde aus Polen zurück: Zusammen mit anderen freiwilligen Helfern bringen sie Flüchtlinge aus der Ukraine in unser Hotel, etwa dreißig Personen, hauptsächlich Frauen und Kinder. Meine Frankfurter Freunde sind Deutsche, Halbjapaner, Halbsyrer und in erster Linie Europäer, und wie man weiß, dreht sich in Frankfurt alles um eines: Geld; meine Freunde sind also auch Geschäftsleute, die verschiedene Fremdsprachen beherrschen – vor allem aber haben sie ein großes Herz für alle, die unter dieser absurden, blutigen und verbrecherischen Invasion durch Russland leiden. Aber Wladimir Putin versteht überhaupt nicht, was Europa ist oder was Empathie (Caritas) in einer offenen Gesellschaft bedeutet. Er denkt historiosophisch-messianisch – im Kontext von Mission, Eschatologie und Jahrhunderten, und ich werde gleich auf dieses Thema zurückkommen.

Kann ein Individuum die Geschicke der Welt bestimmen?

Ich habe nämlich als erstes lange über eines nachgedacht: Der ganzen Welt mit Vergeltung zu drohen, denn darum geht es ja in Putins Warnungen an die USA, die Nato und die EU – da muss man wirklich vom Größenwahn total beherrscht sein. Hier auf unserem Planeten haben wir solche Individuen leider schon oft zu Gast gehabt – die blutige, strafwürdige Darbietung Putins ist leider nichts Neues; die Menschheit kennt sehr gut ihre Despoten und Diktatoren.

Aber wie ist es möglich, dass ein solches Individuum nicht begreift, was es für alle Bewohner unseres Planeten bedeutet, seit Tagen schon in ständiger Angst vor dem Schlimmsten, Unvorstellbaren zu leben? Es geht jetzt nicht um Politik, sondern um die Vorstellung, dass alle gefährdet sind, alle ... Wenn jemand Menschen mit etwas, was die Welt noch nicht gesehen habe, erschreckt, bedeutet das, dass dieser jemand keinen Respekt vor dem Dasein hat, vor der ontischen Existenz, dem Menschen im Kosmos, dem Leben aller existierenden Wesen, wie sie „Gott mit weißem Bart“ geschaffen hat, oder die darwinistische „Evolution“.

Ontologisch betrachtet handelt es sich um ein solches Individuum, das sich als ein äußerst negativer Fall leider hervorragend dafür eignet, um im Bereich der Theodizee studiert zu werden. Dieses Studium hat nichts mit Russophobie zu tun. Die Theodizee beschäftigt sich mit der Funktion des Bösen in der Welt, kurz gesagt.

Ein Mysterium, das keines ist

Ich schreibe deshalb so – auf den ersten Blick – mysteriös über Putins imperiale Machtträume, weil wir auch wissen, welche russischen Denker Putin gerne liest und zitiert. Wir kennen sie aus seinen Reden, die er beispielsweise in Deutschland gehalten hat; wir kennen auch die russischen Denker, die er fördert, und sie alle verraten viel darüber, in welcher Ideenwelt dieser Mann lebt.

Aber ich will hier nicht über Lew Nikolajewitsch Gumiljow oder Iwan Alexandrowitsch Iljin eine Abhandlung schreiben; es reicht zu erwähnen, dass diese beiden russischen Autoren versuchten, in ihren Werken den Mythos des imperialen Russlands und der historischen Mission ihres Heimatlandes aufzubauen – Gumiljow im Kontext Eurasiens und Iljin des russischen Nationalismus.

Der Autor

Artur Becker, geb. 1968 in Polen, lebt seit 1985 in Deutschland. Zuletzt erschien sein Band „Von der Kraft der Widersprüche“ zur Chamisso-Poetikdozentur. Im Mai folgt der Essayband „Links. Ende und Anfang einer Utopie“ (Westend).

Allerdings sollten wir an dieser Stelle einem russischen Philosophen und Schriftsteller dennoch ein wenig Zeit widmen: Es geht um den Messianisten und Dichter Wladimir Sergejewitsch Solowjow und seine „Kurze Erzählung vom Antichrist“ aus dem Jahr 1899. In diesem Text, der einen prophetischen Charakter hat, präsentiert Solowjow eine apokalyptische Vision der Welt und Europas im Jahr 2077.

Kurz zum Inhalt: Der Präsident der „Vereinigten Staaten von Europa“ verspricht uns nach dem großen Euro-Asien-Krieg und einer islamischen Vorherrschaft goldene Berge, Frieden und Wohlstand, Gerechtigkeit und befreienden Synkretismus oder Atheismus, Freiheit und Toleranz, aber eigentlich ist er der Antichrist … Und nur die Apokalypse in diesem ewigen Kampf gegen das Böse kann uns retten, aber zuerst müssen wir das Schisma beenden. Es darf nur eine Wahrheit geben, einen einzigen Gott – eine einzige Eschatologie.

Russland wusste noch nie, wo seine Grenzen sind

Heute erscheint uns Solowjows Text auch als eine scharfe Kritik am Abfall vom Glauben (Apostasie) und an der Abkehr von christlichen Werten – für Putin und seine Fans, insbesondere von der europäischen extremen Rechten, eine ausgezeichnete Lektüre ... In seinen Essays schrieb Czeslaw Milosz auch über Solowjow, jedoch im Kontext der Romane von Dostojewski – der polnische Dichter war ein hervorragender Kenner des historiosophischen und religiösen Denkens und der Ideengeschichte Russlands. Milosz war ein Russophiler, aber er kannte auch genau das Problem der imperialen Begabungen des zaristischen und sowjetischen Russlands, die vermutlich am treffendsten von Václav Havel beschrieben wurden: dass Russland nie gewusst habe, wo es anfange und ende. Übrigens: Havel war es auch, der die Deutschen sanft auf die möglichen Gefahren und Folgen der Energiekooperation mit Russland aufmerksam machte. „Man sollte jedenfalls im Interesse aller nicht übersehen, dass es zwischen Deutschland und Russland ein Land namens Polen gibt“, sagte er 2007 in einem dpa-Interview.

Russophobie ist auch nicht unser Thema im „verfaulten Westen“, liebe Russen und Russinnen, sondern die uralte Frage, woher das Böse kommt, unde malum, denn einen souveränen Staat anzugreifen und unschuldige Menschen zu töten, ist einfach ein reines Produkt des Bösen.

Wir müssen heute alle vereint dastehen wie eine Eins und dürfen keine Zweifel an der Beurteilung des Bösen haben.

PS.: Heute brachten meine Freunde endlich unsere neuen „Hotelgäste“ – Frauen und Kinder aus der Ostukraine. Eine junge Frau erzählte mir, dass Putin’sche Soldaten auf Familien mit Kindern und auf alte Menschen auf der Flucht geschossen hätten. Sie kam knapp mit dem Leben davon. (Artur Becker)

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