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Ukraine-Krieg – Martin Keßler: „Die Generäle sind die neuen Virologen“

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Von: Thomas Stillbauer

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„Es ist eine Emotionalisierung im Gange“: Martin Keßler in Berlin. Foto: Privat
„Es ist eine Emotionalisierung im Gange“: Martin Keßler in Berlin. © Privat

Filmemacher Martin Keßler über Putins Krieg in den Medien, Militärfachsimpelei in Talkshows und die Themen abseits des Tötens.

Herr Keßler, Sie haben viele politische und gesellschaftskritische Filmdokumentationen gedreht – wie erleben Sie die Berichterstattung in den öffentlich-rechtlichen Medien zu Putins Krieg in der Ukraine?

Ein Wendepunkt war die „Hart aber fair“-Sendung vom Montag voriger Woche. Da fand auch mal eine Auseinandersetzung statt, angeregt durch den Ex-General Erich Vad. Er hat kritisiert, dass Teile der Medien und der Politik eskalierend sind durch die Art, wie berichtet und geredet wird. Da würde ich die Öffentlich-Rechtlichen nicht ausnehmen. Der Krieg als Fernsehserie, die sich täglich fortsetzt: Was passiert als Nächstes? Man ist live bei einem Krieg dabei, in einer ganz anderen Dimension, als es etwa beim Irakkrieg der Fall war. Und dazu die Gefahr eines Dritten Weltkrieges.

Was ist anders?

Es wird viel subjektiver dadurch, dass Social Media genutzt werden, dass man Menschen aus der Ukraine als Quellen nimmt, die unmittelbar betroffen sind, die zu Reportern werden. Das ist einerseits ganz positiv: Die Menschen können selbst über ihre Situation berichten, wie sie beschossen werden, in ihren Kellern Schutz suchen. Auf der anderen Seite benutzt man sie auch. Die Moderatoren sagen: Schildern Sie mal, wie Ihr Tag war! Zum Teil gehen die Leute raus, drehen mit ihrem Handy. Das ist ein zweischneidiges Schwert, weil es den Krieg emotionalisiert. Und dann die Generäle, die plötzlich von „Urban Warfare“ reden, von Kriegsführung in der Stadt, von „schmutzigem Krieg“, auf einer eher handwerklichen Ebene. Eine Art von Fachsimpelei.

Waren die Medien anfangs überfordert von der Situation?

Das denke ich schon. Das lag an der Dynamik des Geschehens. Ähnlich wie bei der Corona-Pandemie hat man Fachleute gesucht, die erklären können, was passiert: die Generäle. Ich sage mal: Die Generäle sind die neuen Virologen. Sie spielen die Rolle, die die Virologen in der Pandemie übernommen haben. Davon müssen wir als Gesellschaft wegkommen, weil wir ja auch das Problem der Pandemie bisher nicht mit einer rein virologischen Sicht gelöst haben.

Was fehlt?

Andere Sichtweisen. Auf Phoenix lief eine Dokumentation, die genau beschrieben hat, was der Anteil der Nato an dieser Auseinandersetzung ist, Stichwort: Einkreisung Russlands. Inzwischen wird unser eigener Anteil am Konflikt, etwa die Gaslieferung, stärker thematisiert. Es wird auch sachlicher berichtet.

Wie war die Berichterstattung früher?

Christoph Maria Fröhder war 2003 als Reporter im Irak. Er hat ein Tagebuch geschrieben. Darf ich daraus kurz zitieren?

Bitte.

Zur Person

Martin Keßler , geboren 1953, ist Filmemacher und freier Fernsehjournalist. Schwerpunkte seiner Arbeit sind Berichte, Reportagen und Dokumentationen zu Sozial- und Wirtschaftsthemen unter anderem für ARD, ARTE, ZDF, WDR, HR. Er beschäftigte sich in seinen Filmen unter anderem mit der Occupy-Bewegung und dem erstarkenden Rechtspopulismus.

In einem Langzeitprojekt begleitet er den verzweifelten Kampf der indigenen Bevölkerung gegen Umweltzerstörung und Korruption im brasilianischen Amazonasgebiet. ill

Er beschreibt, wie er nach Bagdad hineinkommt: „Die ersten Tage waren die gefährlichsten. Trotz angeblich guter Luftaufklärung bombardierte die US-Luftwaffe massiv Stadtviertel, solche, von denen bekannt war, dass dort die Gegner des Regimes lebten.“ An anderer Stelle schreibt er: „Warum bombardieren die USA regelmäßig die von den Kurden bewohnten Gebiete im Norden – und das, obwohl die Kurden bekanntlich seit Jahrzehnten in Opposition zum irakischen Regime stehen? Warum wurde das Hotel Palestine in Bagdad beschossen? Weltweit war es als Medienzentrale bekannt, in der internationale Journalistenteams zwangseingemietet wurden.“

Sie zitieren das, weil …

So ein Aspekt ist jetzt überhaupt kein Thema. Es heißt nur, Putin bombardiert die Zivilbevölkerung. Dass die Amerikaner das genauso gemacht haben, fällt völlig unter den Tisch. Eine Figur wie Fröhder, der journalistisch-objektiv aus dem Krieg berichtet, ist kaum da.

Was können denn die Medien hierzulande ausrichten – oder richten sie aus Ihrer Sicht eher etwas an?

Es ist eine Emotionalisierung im Gange. Alle reden von „Putins Krieg“. Natürlich hat er den Krieg vom Zaun gebrochen, Leid verursacht, und das ist absolut zu verurteilen. Aber dass es um eine Entwicklung geht, an der wir auch teilhaben, wird mir zu wenig beleuchtet. Man müsste auch Vertreter der klassischen Friedensbewegung zu Wort kommen lassen, weil die mit anderen Ansätzen an so einen Konflikt herangehen. Die habe ich noch in keiner Talkshow gesehen. Wir müssen stärker auf die Frage fokussieren: Wie lösen wir den Konflikt, wie kommen wir da raus?

Nach welchen Gesichtspunkten werden Talkrunden im Fernsehen zusammengestellt? Was glauben Sie, geht es eher nach Popularität oder Expertise?

Man sieht vielfach die gleichen Gesichter. Ich habe den Eindruck, dass in diesen Formaten ziemlich viel redundant ist und ein Mainstream abgebildet wird. Aber wir haben eine Vielzahl von Krisen, den Krieg, die Pandemie, das Klima – das ist die Gefahr für die globale Stabilität. Ein Punkt, den wir viel stärker diskutieren müssen. Oder, wir als Deutsche: Sind wir bereit, für unsere Sicherheit den Preis zu zahlen, dass wir einen kalten Entzug haben bei Gas, Öl, Energie, den Schmierstoffen unseres Wohlstands? Das bedeutet Einschnitte. Aber welche Einschnitte werden wir erleben, wenn die Klimakrise zuschlägt? Der Krieg gegen die Natur, den wir führen, wird längst nicht so sehr thematisiert wie der Krieg in der Ukraine.

Hat sich die Kriegsästhetik in den Medien verändert?

Nicht nur die. Zur besten Sendezeit läuft ein Tatort, ein Krimi nach dem anderen. Der Kitzel der Aggression, das Bedürfnis nach Mord und Totschlag wird ständig in unserer Gesellschaft bedient – und jetzt bin ich live bei einem Krieg dabei und sitze mit den Opfern in einem Keller. Wir erleben auch eine Militarisierung unserer Gesellschaft. Man sieht es schon an den SUVs, die in der Stadt herumfahren. Die sind auch eine Art Panzer: Ich schotte mich ab, ich bin hier in einer Burg, my car is my castle. Das ist für mich Ausdruck dieser sozialen Spaltung. Deshalb finde ich es wichtig, dass in den Talkshows ein anderer Blick berücksichtigt wird: dass es um ein friedliches Miteinander geht.

Wie erklären Sie sich das große Interesse an TV-Talkrunden?

Ich glaube, dass in der Bevölkerung sehr viel Angst ist, aber auch Mitgefühl und Hilfsbereitschaft. Einige sind am Rande der Depression – sie wissen nicht, wie sie mit der Situation zurechtkommen sollen. Man will dann wissen, wie man einordnen soll, was geschieht. Am Anfang stand diese kriegstechnische Einordnung. Das verschiebt sich langsam hin zur Erklärung, was das alles für uns bedeutet. Die Frage ist nur: Wie stark bilden diese Talkrunden unsere Gesellschaft ab? Ich finde auch, Politiker wie Robert Habeck müssten viel mehr rangenommen werden in ihren eigenen Widersprüchen.

Interview: Thomas Stillbauer

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