1. Startseite
  2. Kultur
  3. Gesellschaft

Ukraine-Krieg – Die Qualen der Geburt

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Ukrainerinnen und ihre Kinder am Grenzübergang nach Polen, März 2022.
Ukrainerinnen und ihre Kinder am Grenzübergang nach Polen, März 2022. © dpa

Erwachsenwerden im Laufe der Revolutionen: Wie das ukrainische Identitätsgefühl entstand. Von Zanna Sloniowska

Ich wurde nicht als Sowjetmensch geformt, weil das Sowjetimperium zu zerfallen begann, als ich kaum zehn Jahre alt war. Ich bin das Kind großer Veränderungen, das Kind einer permanenten Krise, das lange und mühsam nach seiner eigenen Identität suchen musste. Geprägt hat mich zweifellos Lemberg, meine Geburtsstadt, die 600 Jahre zu Polen gehörte, die im Laufe des 20. Jahrhunderts gezwungen wurde, siebenmal ihre Nationalität zu wechseln. Als ich klein war, war es eine sowjetische Stadt, und als ich aufwuchs, wurde es zum Zentrum des ukrainischen Unabhängigkeitsdenkens.

In diesen komplizierten Wendungen der Geschichte war es nicht einfach, sich zurechtzufinden, zumal meine ethnische Herkunft gemischt ist. Als Teenager zog ich nach Polen. Ich habe es nicht als Auswanderung empfunden – ich kannte die polnische Sprache gut, ich bin häufig zwischen meiner alten und meiner neuen Heimat hin und her gereist. In meiner neuen Heimat stellte sich die Identitätsfrage nicht – alle waren Polen, regionale Unterschiede oder Akzente spielten keine Rolle – und das verstärkte meine Angst, keine eigene Identität zu haben. Aber dann beschäftigten mich ganz andere Dinge: meine Jugend, die Geburt meiner Kinder, die Literatur ...

2004 brach nach den manipulierten Wahlen in der Ukraine die Orange Revolution aus – unblutig, geprägt von der Jugend. Die Städte Krakau und Warschau tanzten mit Kiew und Lemberg, und sie trugen alle die gleichen Farben. Ich hatte fröhliche orangefarbene Schleifen am Revers, und gleichzeitig trug ich zum ersten Mal in meinem Leben eine gelb-blaue Flagge – könnte das meine sein?

Diese Revolution, sagte damals meine Freundin Ksénia, ist wie eine Empfängnis – unsere Empfängnis als ukrainische Frauen. Es erschien mir ein interessanter Gedanke. Daraus entstand mein erster Roman „Das Licht der Frauen“.

Dann war da noch das alltägliche Leben in Polen, das Schreiben, die Kunst, die Universität, dazu die immer zu langen Schlangen an der polnisch-ukrainischen Grenze. Ich habe mich immer mit einem Seufzen gefragt, wann sie diese unerträglichen Grenzen endlich beseitigen würden. Wann würde es ein einfacher Durchgangsort sein zwischen Welten, Sprachen und zwischen den freilaufenden ukrainischen Hühnern und den in Käfigen versteckten polnischen? Ein Beitritt der Ukraine zur Europäischen Union wäre gewissermaßen eine Rückkehr in die Zeit der Zweiten Polnischen Republik, als Polen und Ukrainer Seite an Seite lebten. Auch mit den Juden, doch es sind nicht mehr viele unter uns.

Dann gab es die Proteste von 2014 und die blutigen, in Gelb und Blau gehüllten Leichen, die in zunehmender Zahl auf dem zentralen Platz von Kiew lagen. Ich war entsetzt zu sehen, wie die von mir erdachten literarischen Szenen zum Leben erweckt wurden. Fahrradhelme und Holzschilde sollten die Kugeln russischer Scharfschützen abwehren. Wir haben ihren Tod auf den Bildschirmen miterlebt, „live“. Es war die Revolution der Würde – die Ukrainer waren es leid, in der Russkiy mir, der russischen Welt, festzustecken. Sie waren bereits Teil Europas, sie wollten nun der EU beitreten.

„Diese Revolution war wie eine Geburt“, fasste Ksénia zusammen, „dank ihr wurden wir als Ukrainer geboren.“

Ja, es war tatsächlich eine Geburt: der Kopf zuerst, dann die Schultern, dann der Schrei. Und Sie können frei wählen, was Sie wollen!

Aber dann kamen die Annexion der Krim und der hinterhältig von Russland initiierte Krieg in der Ostukraine. Viele Ukrainer strömten daraufhin nach Polen. Plötzlich hörte man in den Fakultäten, den Restaurants, den Supermärkten und den Taxis lange Vokale, wohlklingende Worte, einen Dauergesang. Die polnische Sprache ist zischend und rau – im Mund der Ukrainer verwandelt sie sich in Vokalisationen. Laut französischer Spezialisten ist Ukrainisch nach Italienisch eine der wohlklingendsten und singendsten Sprachen der Welt.

Die Ukrainer singen viel, ob zu Hause oder in Gesellschaft, das ist ihre Art, das Leben und seinen Stress zu ertragen. In all den Jahren, in denen sie keinen eigenen Staat hatten, als es ihnen unmöglich war, ihre eigene Sprache zu lernen, wurden ihre Lieder auch zu einem Mittel des Widerstands.

Wie soll man benennen, was nun seit ein paar Tagen passiert? Eines Morgens sehe ich auf dem Display meines Handys ein mit unmenschlicher Mimik verzerrtes Gesicht, begleitet von diesem Satz: „In den Großstädten der Ukraine ertönen Explosionen.“ Ich fing an zu zittern. Meine Mutter ist gerade in Krakau, aber sie hätte genauso gut in Kiew sein können, in einem der bombardierten Wohnblocks. Die Mutter einer meiner Freundinnen schreit aus Lemberg ins Telefon: „Welche Panik? Hier gerät niemand in Panik. Wir organisieren die Verteidigung und ein besonderes Gebet in unserer Kirche.“

Die Autorin

Zanna Sloniowska, 1978 in Lwiw (Lemberg) geboren, ist eine polnisch-ukrainische Schriftstellerin, Journalistin und Übersetzerin. Sie verbrachte die ersten 24 Jahre ihres Lebens in Lwiw, ehe sie für ihre Promotion nach Warschau zog. Dort arbeitete sie für einen ukrainischen Fernsehsender, eine russische Zeitung und einen polnischen Radiosender. Sie bezeichnet sich selbst als einen Menschen mit verschiedenen Identitäten und zählt gleichermaßen Ukrainisch, Russisch und Polnisch zu ihren Muttersprachen.

Ihr Roman „Das Licht der Frauen“ (aus dem Polnischen von Olaf Kühl, Kampa Verlag, Zürich 2018) wurde mit dem Joseph Conrad Preis, dem wichtigsten polnischen Preis für Debüts, ausgezeichnet. Inzwischen ist er in sechs Sprachen erschienen.

„Werden die Panzer in die Krouglouniversitetska-Straße einfahren?“, fragt ein Anderer hilflos, dessen Mutter in Kiew lebt, ganz in der Nähe von Regierungsgebäuden. Jetzt ruft er sie jede Nacht zur Zeit der Bombendrohungen aus Polen an, um sie zu bitten, in den Keller zu gehen. Doch seine Mutter bleibt lieber zu Hause liegen und macht eine Meditationsübung, für den Frieden.

Als ich nach einer Schachtel greife, auf der „Schwarzer Tee“ steht, lesen meine Augen automatisch: „Schwarzes Meer“, und in meinem Kopf erklingt ein Satz: „Die Krim ist die Ukraine“. Jemand ruft mich von dort an und fragt mich, wie er weg kann, da er doch Katzen hat? Ich habe nachgefragt, die polnischen Zollbeamten lassen ukrainische Tiere ohne Papiere ein. Das Wichtigste ist, dass sie auch Menschen ohne Pass und ohne Impfpass einreisen lassen. Diese Tore zum Westen, die für Ukrainer meist verschlossen waren, stehen jetzt weit offen. Polnische Mobilfunkbetreiber berechnen keine Gebühren für die Kommunikation mit der Ukraine, sie verteilen Pakte mit polnischen SIM-Karten.

Etwa fünfzehn Kilometer lang ist die Schlange der Flüchtlinge, die Richtung Polen marschieren, Menschen stehen mit Bündeln, Kindern und Hunden an, sie frieren einen Tag, zwei Tage, drei Tage – mit den Sirenen der Bombendrohungen als Hintergrundmusik. Auf der polnischen Seite erwarten sie offene Arme. Polnische Freunde und Fremde sind an den Übergängen im Einsatz, holen Flüchtlinge ab und nehmen sie mit nach Hause. Zimmer, Wohnungen, Dachböden, ganze Häuser und Klöster werden hergerichtet. Polnische Züge befördern Ukrainer kostenlos. Hier und da wehen ukrainische Fahnen, die ukrainische Hymne erklingt.

Aber ich habe auch einen Freund, einen in Polen lebenden Ukrainer, der jetzt in umgekehrter Richtung über die Grenze geht – in Richtung Krieg. In den frühen Morgenstunden ist er alleine auf der Durchreise. Ist sich bewusst, dass die Rückkehr nicht einfach sein wird. Als er sein Zuhause in Drohobytsch erreicht, erhält er einen Anruf von seiner Tante, die in Russland lebt: „Sie haben uns angegriffen, aber wir werden uns darum kümmern“, sagt sie allen Ernstes. – „Sie schießen auf Kindergärten! Wer hätte gedacht, dass die Ukraine Russland angreifen würde ...“

Ist das nicht Orwell pur, wie „War is Peace“?

Meine ukrainische Verlegerin schreibt im Internet, dass ihre Eltern Kriegskinder waren, und jetzt wird ihr eigenes Kind zum Kriegskind, das jede Nacht zum Schutz im Tierheim übernachten muss. Sie schreibt auch darüber, dass der Rechteininhaber des kürzlich auf Ukrainisch erschienenen Gesamtwerks von Ernest Hemingway jegliche künftige Zusammenarbeit mit seinem russischen Verleger abgelehnt habe.

Seit der Krieg angekündigt ist, findet vor dem russischen Konsulat in Krakau ununterbrochen eine Friedensdemonstration statt. Seitdem betritt niemand das Konsulat, niemand verlässt es, wir nehmen keine Bewegung hinter den vollständig durch Jalousien verdeckten Fenstern wahr.

Wir richten unsere wütenden Parolen wie gegen ein Papphaus, in eine Leere, ein Nichts. Ist derjenige, der diesen Krieg begonnen hat, ein Mensch oder ein Geist aus der Hölle? Ich denke an die Psychoanalytikerin Melanie Klein, die nach der Bombardierung Londons mit einem englischen Jungen gearbeitet hat. Er identifizierte sich mit Hitler, dem Diktator, der England angriff.

„Wer ist da?“, fragte Melanie Klein. – „Das ist Hitler, der Mörder“, antwortete der Junge mürrisch. – „Sieh ihn dir genau an“, erwiderte sie. „Er ist nicht Hitler, das ist Hitlerek, ein kleiner Hitler, und er steckt in dir.“

Zanna Sloniowska. Foto: Rafal Komorowski
Zanna Sloniowska. © Rafal Komorowski

Genau wie Melanie sage ich mir, dass es hier auch um Putinka geht. Es ist überhaupt kein blutrünstiges Monster außerhalb von mir. Ich bin nicht sein Opfer. Von nun an ist kein Ukrainer, ob in seinem Land oder in der Emigration, sein Opfer. Sicherlich sind wir das seit vielen Jahrhunderten: ohne eigenen Staat, ohne die Möglichkeit, die ukrainische Sprache oder Kultur zu entwickeln, mit einer Bildungsschicht, die regelmäßig wieder zerstört wird. Eine Nation, ausgelöscht durch künstlich herbeigeführten Hunger, ausgerottet in sowjetischen Gulags. Wie ein ukrainischer Schriftsteller sagte: „Ohne Brom kann man unsere Geschichte nicht lesen.“ Alles, was unter den orangefarbenen Flaggen begann, was unter dem Donner der Schüsse auf dem Majdan fortgesetzt wurde, hat heute ein Finale erreicht – in einem Krieg, den der Angreifer nicht einmal mutig so zu nennen wagt.

Vor den Augen der Welt spannt David die Schleuder und schlägt auf seinen Gegner ein, der hundertmal stärker ist als er selbst. Wahrheit und Stärke sind auf seiner Seite.

Während wir, ausgestattet mit einem kleinen gelb-blauen Herz, während der Demonstration zittern, frage ich Ksénia: „Also, was ist dieser Krieg für uns?“ – „Eine Einleitung“, sagt Ksénia. „Endlich ist die Nabelschnur durchtrennt. Der Beginn eines Erwachsenenlebens.“

Auch interessant

Kommentare