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Ukraine-Krieg als „Zeitenwende“: Rückblick auf den Pazifismus

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Von: Harry Nutt

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Käthe Kollwitz’ Plakat von 1924.
Käthe Kollwitz’ Plakat von 1924. © akg-images

Die von Olaf Scholz ausgerufene Zeitenwende begann nicht erst am 27. Februar 2022. Eine kleine Geschichte der deutschen Friedensbewegung in Zeiten des Krieges.

Im Jahre 2003 erhob Günter Grass angesichts eines drohenden Irak-Krieges vehement seine gewohnt laute, weithin wahrzunehmende Stimme. „Ich weiß nicht, ob die Vereinten Nationen standhaft genug sind“, schrieb Grass, „dem geballten Machtwillen der Vereinigten Staaten von Amerika zu widerstehen. Meine Erfahrung sagt mir, dass diesem gewollten Krieg weitere Kriege aus gleichem Antrieb folgen werden.“

Grass artikulierte in seinem Text zudem eine Hoffnung, der Bundeskanzler Gerhard Schröder wenig später auf seine Weise folgte: „Dass wir Deutschen aus selbst verschuldeten Kriegen gelernt haben und deshalb Nein sagen zu dem fortwirkenden Wahnsinn, Krieg genannt.“ Günter Grass’ Intervention mündete schließlich in den Schluss des berühmten „Kriegsliedes“ des Dichters Matthias Claudius aus dem Jahre 1775: „’s ist leider Krieg – und ich begehre nicht schuld daran zu sein.“

Der deutsche Literaturnobelpreisträger musste sich auch damals schon den Einwand gefallen lassen, dass eine derart eindimensionale Friedensliebe der komplexen Gemengelage weltpolitischer Krisen nicht gerecht werde. Das Bedürfnis, unschuldig zu sein, kollidierte mit einer dramatisch sich zuspitzenden geopolitischen Wirklichkeit. Das Bemühen jedenfalls, einer Kriegsbeteiligung unter allen Umständen auszuweichen, befreit nicht nachhaltig von Schuld.

Was Bundeskanzler Olaf Scholz am vergangenen Sonntag als Zeitenwende beschrieben und in Form eines beispiellosen Aufrüstungsprogramms als Umschlagpunkt skizziert hat, brachte Wirtschaftsminister Robert Habeck anschließend auf die bemerkenswert einfache Formulierung, der zufolge man da „mit sauberen Händen“ nicht herauskomme. Was, so mochte man sich in dem Moment erstaunt fragen, war plötzlich aus dem zähen Zaudern der vorangegangenen Wochen geworden?

Was nun Putins Krieg genannt wird, der Überfall auf den ukrainischen Nachbarstaat, hat unmissverständlich kenntlich gemacht, dass die dichterische Annahme, sich aus einem Krieg heraushalten zu können, kein Seelenheil verheißt. Der historische Ernstfall ist eingetroffen, der russische Diktator hat die westliche Welt auf zerstörerische Weise zum Abschied gezwungen – von der Diplomatie als probates Konfliktlösungsinstrument und von der Ökonomie als wirksames Regulativ jenseits der Politik. Wörter wie Nachbarschaft, Völkerverständigung und Frieden gelten – zumindest für den Moment – als erbarmungslos entlarvte Begriffsfolklore.

Es gehört zur politischen Publizistik der Stunde, dass all jene sich zu Wort melden, die meinen, schon immer in Putins wahres Gesicht geschaut zu haben und die Zögerlichkeit der hiesigen Politik als Generationsversagen brandmarken zu können. Auch das wohl Teil jener dezisionistischen Rhetorik, die im Augenblick historischer Entscheidungen glasklar zwischen Richtig und Falsch, Gut und Böse zu unterscheiden weiß.

Es war in den zurückliegenden Jahrzehnten allerdings nicht so, dass ein derart ersehnter Pazifismus bloß der fromme Wunsch eines Dichters oder die Diskussionsvorlage einer engagierten Friedensinitiative war. Die deutsche Zurückhaltung in Bezug auf kriegerische Konflikte war die gesellschaftliche Antwort auf eine unausgesprochene Doktrin des „Lieber nicht“. Selbst wenn man sich als heranwachsender Mensch im Kalten Krieg zu der Auffassung durchgerungen hatte, dass die bedingungslose Friedensliebe eher naiver Natur sei, vermochte man sich in Ost und West doch kaum einer Sozialisation zu entziehen, die ganz im Zeichen der weißen Taube stand, ein bisschen Picasso, ein bisschen Bob Dylan.

Selbst die Gründung der Bundeswehr, die von erbitterten Diskussionen über die Legitimität der Wiederbewaffnung begleitet worden war, fand unter der Annahme statt, dass die Bundesrepublik eine Nation auf Bewährung sei, ein Staat, dessen vollständige Souveränität, insbesondere in militärischer Hinsicht, noch aussteht. Der von der deutschen Bevölkerung weithin getragene Pazifismus war ein geduldeter. Als beflissener Bündnispartner in Europa und der Nato leistete man sich eine Kultur des Pazifismus mehr, als dass man sie lebte. Für robustere Einsätze waren die anderen zuständig.

Die Zeitenwende wurde nicht erst am 27. Februar 2022 eingeläutet. Die Ambivalenz so ehrenwerter Formeln wie „Nie wieder Krieg“ und „Nie wieder Auschwitz“ war bereits 1999 deutlich geworden, als Joschka Fischer als erster grüner deutscher Außenminister dem Einsatz von Bomben der Nato im Kosovokrieg zustimmte. Der Farbbeutel, der ihn auf dem Bielefelder Parteitag der Grünen traf, brachte sein Trommelfell zum Platzen und ruinierte seinen Anzug. Mehr als das aber konfrontierte Fischer durch sein Ja zum Krieg die deutsche Nachkriegsgesellschaft damit, dass die beiden Nie-wieder-Formeln in Widerspruch zueinander geraten können. Mit dem Verweis auf Auschwitz jedenfalls ließ sich der Krieg gegen Milosevic ebenso gut begründen wie ablehnen.

Das Zaudern der Bundesregierung in Bezug auf Waffenlieferungen an die Ukraine und die Aussetzung des Swift-Mechanismus mögen viele, insbesondere die an Putins Krieg leidenden Menschen in der Ukraine, als unerträglich empfunden haben. Das mindert nun nicht die Entschlossenheit, mit der der Startschuss für einen gesellschaftlichen Wandel gegeben worden ist, der weit über Putins Krieg hinausreicht.

Nach 1989 endet jetzt die sehr lange gültige und in unseren Regionen friedliche Nachkriegsordnung auf dramatische Weise ein zweites Mal. Damit wird nicht einfach einem neuen geopolitischen System der Weg geebnet. Es wird vielmehr hart erstritten werden müssen – in einer Welt nach Putin, aber auch innerhalb einer deutschen und europäischen Gesellschaft, der man zuletzt nachgesagt hat, vor allem in den eigenen Komfortzonen zu verharren. Vielleicht irrtümlicherweise?

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