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Ukraine-Konflikt: Putins Imperialismus - ein Verbrecher hat kein Mitspracherecht

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Am Beispiel Bulgarien: Wie die Rote Armee Nachbarländer unterwarf und wie Wladimir Putin diese Tradition forzusetzen gedenkt. Von Ilija Trojanow.

Damit Begriffe einen Sinn ergeben, müssen sie stringent genutzt werden. So auch der Begriff Imperialismus. Wer ihn nur auf die USA und die Kolonialmächte Westeuropas anwendet, wie leider hierzulande zu viele Kommentatoren, der entwertet das Wort, bis hin zur Bedeutungslosigkeit. Offenbar ist es dieser Tage mal wieder notwendig daran zu erinnern, dass die Sowjetunion nicht ein Verbund freier Völker war, sondern eine Zwangsjacke, und dass der Warschauer Pakt nicht eine Vereinigung souverän gleicher Staaten war, sondern ein Gefängnis.

Wer aus dem Osten Europas stammt, der ist sich dessen klarer bewusst. Die Rote Armee hat in meinem Herkunftsland Bulgarien eine extrem kleine kommunistische Partei an die Macht gebracht und in den folgenden Jahren jegliche Opposition unterdrückt, Zehntausende Gegner (tatsächliche und vermeintliche) exekutiert und Hunderttausende in Gefängnisse und Arbeitslager gesteckt. In den nächsten 45 Jahren war das Land eine Kolonie Russlands, wertvolle Produkte, vor allem landwirtschaftliche, wurden exportiert, im Gegenzug erhielt die heimische Industrie meist mangelhafte Maschinen, teilweise aus zweiter Hand.

In Sofia protestiert ein Mann gegen Russland.
In Sofia protestiert ein Mann gegen Russland. © AFP

Sowjetunion: Alle Kinder mussten ab der ersten Klasse Russisch lernen

Ökonomische Entscheidungen wurden gemäß den Interessen des „großen sozialistischen Bruders“ gefällt. Die Handelsbilanzen fielen zum Nachteil des „kleinen sozialistischen Bruders“ aus. Derweil mussten alle Kinder ab der ersten Klasse Russisch lernen und später neben den Grundlagen des Marxismus-Leninismus auch die Geschichte der KPdSU, so wie ich in Kenia in der Schule die Geschichte der britischen Monarchen auswendig gelernt habe. Dabei war Bulgarien pro forma ein unabhängiger Staat (im Gegensatz zur Ukraine oder den baltischen Republiken).

1989 beziehungsweise 1991 – es muss dieser Tage noch einmal klar gesagt werden – hat dieses totalitäre Imperium den Krieg verloren, auch wenn es ein kalter Krieg war, und die kolonialisierten Völker haben sich selbstständig gemacht (wo Wahlen notwendig waren mit jeweils überwältigenden Mehrheiten, in der Ukraine waren es 92 Prozent). Es ist daher absurd, einer Imperialmacht das Recht zuzusprechen, ein Veto einlegen zu dürfen hinsichtlich der außenpolitischen Entscheidungen dieser unabhängigen Staaten. Imperialismus ist Verbrechen gegen die Menschlichkeit, und ein Verbrecher hat kein Mitspracherecht bei der Zukunftsgestaltung seiner Opfer! Zumal diese weiterhin an den Spätfolgen der Okkupation leiden. Die ökologischen Verheerungen etwa, die einseitige Entwicklung der Volkswirtschaften, die Zerstörung von Kreativität, Fantasie und kritischem Denken. Weiterhin ist der homo sovieticus nicht überwunden, nicht in Russland und leider auch nicht in den ehemaligen Kolonien.

Russland: Wladimir Putin will die Wiederherstellung imperialer Größe

Aus allen Aussagen des Präsidenten Wladimir Putin sowie aus der seit Jahren giftig aufblühenden russischen Staatspropaganda ist klar herauszulesen, dass eine Wiederherstellung imperialer Größe angestrebt wird, ein größenwahnsinniges Projekt historischer Selbsterhöhung auf Kosten anderer, eine Hybris von Macht und Gewalt, einem Diktator sowie einem Apparat eingeschrieben, der von der pathologischen Unkultur des KGB geprägt ist.

Wer also Verständnis für die Politik des Kremls äußert, der müsste auch dafür sein, dass Großbritannien Irland zurückerobert, Frankreich Algerien wieder sein Eigen nennen kann und die Deutschen ihre Ostgebiete zurückbekommen – oder wenigstens, um bescheiden zu beginnen, jenen Teil von Belgien, der nur Gehminuten von Aachen entfernt ist, wo eine Zeitung mit dem vielsagenden Namen „GrenzEcho“ erscheint.

Das Echo willkürlich gezogener Grenzen ist eine Folge von Kolonialismus und Imperialismus – wir sollten nicht zulassen, dass sein Schallen uns um den Verstand bringt. Der humane Weg vorwärts beinhaltet eine Ausweitung lokaler Teilhabe und eine Vertiefung globaler Solidarität durch basisdemokratische Aktivitäten. Der Kampf um imperiale Größe ist atavistische Völlerei, die wir mit allen Mitteln bekämpfen sollten, durch nichts gerechtfertigt, zu nichts gut!

Der Autor hat zuletzt den Roman „Doppelte Spur“ (S. Fischer) veröffentlicht, der von Intrigen und Fake News im Ost-West-Konflikt handelt.

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