1. Startseite
  2. Kultur
  3. Gesellschaft

Ukraine-Konflikt: Wie Kriege gemacht werden

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Arno Widmann

Kommentare

Wie die Explosion eines russischen Pulverfasses im Krimkrieg, 1855, will Putin Krieg soweit in Kauf nehmen, dass er tatsächlich geschieht.
Wie die Explosion eines russischen Pulverfasses im Krimkrieg, 1855, will Putin Krieg soweit in Kauf nehmen, dass er tatsächlich geschieht. © Imagebroker/Imago

Putins Strategien sind die des 19. Jahrhunderts – und das von ihm in keiner Hinsicht vorangebrachte Reich steht da wie der letzte Saurier.

Kiew – Wladimir Putin führt Kriege, wie sie im 19. Jahrhundert geführt wurden. Er droht. Wenn es keine resolute Antwort gibt, droht er weiter. Passiert immer noch nichts, geht er zum Angriff über. So dumm ein Zwei-Fronten-Krieg wäre, so klug ist es, gleichzeitig an mehreren Fronten zu drohen. Kommt es zum Angriff, hat der Gegner den Eindruck, es sei nur halb so schlimm. Also werden sich womöglich auch seine Reaktionen halbieren.

Seit Putin im August 1999 von Boris Jelzin zum Ministerpräsidenten von Russland ernannt wurde, bestimmt er in der einen oder der anderen Funktion die Geschichte der zweitgrößten Atommacht der Welt. Er gebietet damit auch über den größten Flächenstaat der Erde. Das ist für ihn und seine Vorstellung von sich und seinem Vaterland der vielleicht noch wichtigere Faktor.

Von Anfang an war er besessen von der Furcht, Russland könnte zerbrechen. Besser: von nach Unabhängigkeit strebenden Minderheiten zerbrochen werden. Zunächst plagte ihn der Kaukasus, dann plagte er ihn.

Ukraine-Konflikt: Putin will Russland wieder groß machen

Den Zusammenbruch der Sowjetunion betrachtet er als größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Viele Nachbarstaaten Russlands sehen das ganz anders. Sie fürchten, Putins Russland werde die Vereinbarung von Alma Ata vom Dezember 1991 revidieren.

Damals hatten die Staatsoberhäupter von Armenien, Aserbaidschan, Belarus, Kasachstan, Kirgisistan, Moldawien, Tadschikistan, Turkmenistan, Ukraine und Usbekistan festgestellt, dass „die UdSSR als völkerrechtliches Subjekt sowie als geopolitische Realität … ihre Existenz beendet“ habe. Die ehemaligen Sowjetrepubliken wurden unabhängig. In sehr unterschiedlichem Maße. Russland unterminiert seit Jahrzehnten das 1991er-Abkommen. Immer wieder auch militärisch.

Nichts liegt Putin ferner als die Vorstellung, der Umfang seines Imperiums hindere es an seiner Entwicklung. Er will Russland wieder groß machen. Ob so groß wie unter den Zaren oder gar so groß wie unter Stalin, als westeuropäische Staaten wie Polen und die Tschechoslowakei zum sowjetischen Imperium gehörten, weiß man nicht. Seit Jahren schon propagiert Putin, dass die Nachbarstaaten Russlands zu seiner Einflusssphäre gehörten. Sie hätten darum nichts in der Nato und auch nichts in der EU verloren. Die Vorstellung, dass es Sache der Bevölkerung sein könnte zu entscheiden, mit wem sie gehen, liegt ihm völlig fern.

Die Europäer schauen seit Jahrzehnten zu, wie Putin seinen Handlungsspielraum westwärts erweitert. Wenn ihre Sanktionen nicht wirken, beenden sie sie. So gelang es ihm in einer dem Kino abgeschauten Maskerade-Aktion, die Krim der Ukraine wegzunehmen. Jetzt schlägt er in Luhansk und Donezk zu.

Ukraine-Krise: Pufferzone vor den Toren Russlands

Russland ist zu Verhandlungen mit dem Westen bereit. Der soll die Ukraine davon abhalten, gegen russische Interventionen militärisch vorzugehen. Russland will seinen Imperialismus möglichst billig ausleben können. Darum geht es Putin bei der Diplomatie.

Im 19. Jahrhundert sprach man vom osmanischen Reich als krankem Mann am Bosporus. In den Augen Putins ist heute Europa ein alter Mann, auf den er keine Rücksicht mehr nehmen muss. Weil er davon ausgehen kann, dass Europa Rücksicht auf ihn nimmt. Dazu besteht keine Veranlassung. Schon um der bedrohten Nachbarvölker willen. Aber auch um unseret- und nicht zuletzt auch um der russischen Bevölkerung willen.

1961 antwortete der damals berühmteste Dichter der Sowjetunion, Jewgeni Jewtuschenko (1932-2017), auf die Frage danach, ob die Russen den Krieg wollten, so: „Fragt das Schweigen und fragt die unter den Birken liegenden Soldaten.“ Ganz gleich, ob das eine diplomatische Antwort war oder aber eine Warnung an die Sowjetführung – die Sowjetunion hat unentwegt Kriege geführt.

Am Ende ist sie in Afghanistan zugrunde gegangen. Das war weder den USA noch Russland eine Warnung. Sie führen beide weiter Kriege. Darum sieht Putin in den USA seinen einzigen wirklichen Gegner. Wer nicht bereit ist, sich der Software von Diplomatie und Wirtschaft zu unterwerfen, der hat derzeit nur einen Feind in denen, die auch vor der Anwendung von militärischer Gewalt nicht zurückschrecken.

Das ist unsere Lage. Wenn wir nicht zu einer Pufferzone vor den Toren Russlands werden wollen, müssen wir Putin vor der Ukraine stoppen.

Ukraine-Krise: Putins Kriege stehen ganz in der Tradition der russischen Geschichte

„Erstmals seit 1815 wurde Krieg soweit in Kauf genommen, dass er tatsächlich geschah.“ Dieser Satz findet sich in Jürgen Osterhammels Wunderwerk „Die Verwandlung der Welt – Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts“. Das Buch erschien 2009. Im Jahr zuvor hatte Putin den Krieg gegen Georgien gewonnen und die abtrünnigen Provinzen Abchasien und Südossetien als unabhängige Staaten anerkannt. Wir erkennen das Schema.

Osterhammels Satz meint den Krimkrieg (1853-1856). Russland versuchte damals, sich Territorien des Osmanischen Reiches einzuverleiben. Dagegen stellten sich England und Frankreich, die eigene Interessen hatten. Der Krimkrieg hat nichts mit den Revolutionen von 1848 zu tun. Aber vielleicht sah Russland seine Chance. Es war 1848 keine Sekunde lang erschüttert worden, es lebte im Bewusstsein seiner Uneinnehmbarkeit. Russland aber verlor den Krieg und musste, statt neue Gebiete zu gewinnen, früher eroberte Territorien abtreten.

Wladimir Putins Kriege stehen ganz in der Tradition der europäischen Kriegsführung des 19. Jahrhunderts. Mehr noch: in der der russischen Geschichte. Es sind dieselben Orte, um die gekämpft wird, es sind dieselben Verfahren. Die Mischung aus geheimdienstlicher, verdeckter Arbeit und offener Aggression. Getragen von dem Bewusstsein, ein Anrecht auf diese Territorien oder doch auf die Kontrolle über sie zu haben.

Ukraine-Konflikt: USA als einzig verbliebene Weltmacht?

Die imperialistischen Großmächte des 18. Jahrhunderts haben ihre Imperien verloren. Die Kolonialreiche sind zerbrochen. Einzig Russland steht wie ein einzelner überlebender Saurier noch in einer völlig veränderten Landschaft. Ohne die Atombombe läge auch er schon am Boden.

Vor etwas mehr als dreißig Jahren brach die Sowjetunion zusammen. Europa wuchs, wurde aber nicht kräftiger dabei, sondern droht zurzeit an seiner gar zu heterogenen Größe zugrunde zu gehen. Die USA, die einzig verbliebene Weltmacht, wie lange gesagt wurde, hat ihre alles überragende Stellung verloren. Der große Sieger der Entwicklung der vergangenen dreißig Jahre ist die Volksrepublik China. Sie ist ökonomisch, politisch und militärisch zu einem Faktor geworden, an dem niemand mehr vorbeikommt.

Russland dagegen ist in den vergangenen dreißig Jahre weder ökonomisch noch politisch vorangekommen. Es zerrüttet sich – wie vor mehr als einhundert Jahren das Zarenreich, wie vor dreißig Jahren die Sowjetunion – in der Anstrengung, eine imperiale Macht wiederherzustellen, für die es in Wahrheit stets mehr zahlte, als sie ihm einbrachte.

Ukraine-Konflikt: Putin führt Russland und seine Bevölkerung in den sicheren Untergang

Für den größten Erfolg der deutschen Umweltbewegung hat Russland jedenfalls schon gesorgt. Das Ende von Nord Stream 2 wird die Förderung alternativer Energiequellen beflügeln. Und Russland erheblich schwächen, das – da es unter Putin so wenig getan hat für die technologische Entwicklung seiner Industrie – fast nur Energie exportieren kann.

Boris Jelzin erklärte in seiner Neujahrsrede 2000: „Ich möchte Euch um Verzeihung bitten. Denn viele unserer gemeinsamen Träume wurden nicht Wirklichkeit. Denn vieles von dem, was uns ganz einfach erschien, erwies sich als quälend schwierig. Ich bitte Euch um Verzeihung, da es mir nicht geglückt ist, die Hoffnungen derer zu erfüllen, die mir glaubten, als ich ihnen erklärte, wir würden mit einem Schlag aus der totalitären grauen Vergangenheit hinübergehen in eine leuchtende, reiche, zivilisierte Zukunft. Ich glaubte das. Ich war ahnungslos.“ Von Putin wird es eine solche Rede niemals geben. Er führt Russland und seine Bevölkerung in den sicheren Untergang.

Als Andrei Amalrik (1938-1980) 1969 in einem Weltbestseller die Frage stellte „Wird die Sowjetunion das Jahr 1984 überleben?“, wurde er für einen Spinner gehalten. Wir werden uns heute die Frage stellen müssen: „Wird das imperiale Russland das Jahr 2030 überleben?“ (Arno Wildmann)

Auch interessant

Kommentare