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Als die Welt Roms zerfiel: Trier zeigt den „Untergang des Römischen Reiches“

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Von: Christian Thomas

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Thomas Couture: „Die Dekadenz der Römer“ (1847). Musée d’Orsay, Paris
Thomas Couture: „Die Dekadenz der Römer“ (1847). Musée d’Orsay, Paris © bpk / RMN - Grand Palais / Patri

In Trier wird in gleich drei Ausstellungen der „Untergang des Römischen Reiches“ äußerst eindringlich anschaulich gemacht.

Trier – Die Legenden sind Legion. Es sind Geschichten von Luxus und Entartung, die sich auf Verschwendung und Verweichlichung reimen, Verpöbelung nicht zu vergessen. So wollte es das Klischee immer schon, sobald es sich über den Untergang des Weströmischen Reiches ausließ. So wollte es vor Jahrhunderten bereits die Dekadenztheorie – mit Anhängern bis heute. Weiterhin völkisch und rassistisch fixiert, sind es Populisten, die die Migration seit 2015 zum Anlass genommen haben, um mit Hinweis auf die alten Römer gegen das aktuelle Europa zu Felde zu ziehen, ideologisch, germanisch, hysterisch.

Dass die Verhältnisse in Rom komplexer waren, zeigt sich jetzt in Trier – nicht von ungefähr hier. Im 2. Jahrzehnt vor einer so großen Zeitenwende wie der v. Chr. als Augusta Treverorum gegründet, ist Trier nicht nur die älteste Stadt Deutschlands, sie war auch die größte römische Kaiserresidenz nördlich der Alpen, erkennbar an der Porta Nigra heute noch, der Konstantinbasilika, den Ruinen der Kaiserthermen, des Amphitheaters oder der Barbarathermen. Vermächtnisse, um sich tagelang in ihnen fortzubewegen.

Landesmuseum in Trier: drei Ausstellungen mit Leihgaben „Untergang des Römischen Reiches“

In Trier ist man in der Lage, den Untergang eines Weltreichs in drei Ausstellungen zu veranschaulichen, verfügt man doch über enorme Schätze. Bereichert wurden sie durch Leihgaben aus über 130 Museen in rund 20 Ländern, darunter ein Mosaik aus dem Bardo-Museum in Tunis – entgegen den üblichen Klischees ist es ein Beleg für die Kunstfertigkeiten der Vandalen. Im Museum am Dom wurde eine Promenade über die christliche Neuordnung einer Welt eingerichtet, auch hier stumme Zeugen aus Stein neben sprechenden auf Papyrus. Im Stadtmuseum Simeonstift ist es eine Zeitreise durch „Das Erbe Roms“, dargestellt anhand von Darstellungen in Büchern und Bildnissen.

Die zentrale Ausstellung des Rheinischen Landesmuseums eröffnet einen archäologischen Parcours, angefangen mit der prachtvollen Tetrarchengruppe aus Porphyr. Ultraharter Stein, der erodierende Machtverhältnisse abbildet. Denn die zusammengerückt dargestellten Kaiser, von Diokletian als Vierergremium 293 n. Chr. einberufen, um das Reich gleichberechtigt zu lenken, verweisen auf Konfliktstoff. An Roms Zentralgewalt zerrten Zentrifugalkräfte. In der Schau auf Schritt und Tritt Belege für ein allgemeines Abwirtschaften, schleichend wie bei der Geldentwertung. Ein Kaputtsparen, schlagend wie bei immer billigeren Waffen.

Trier: Museum am Dom zeigt drei Ausstellungen „Untergang des Römischen Reiches“

Um den Untergang Roms, des weströmischen Imperiums zu erklären, sind im Laufe einer mehrhundertjährigen Geschichtsschreibung – sage und schreibe – über 200 Faktoren genannt worden. Schulstofftauglich seit den Anfängen des humanistischen Gymnasiums die sog. Völkerwanderung als Prozess, der nach Jahrzehnten das Ende besiegelte, nicht so sehr eines mit Schrecken. Schickte doch der „germanische Heermeister Odoaker den letzten römischen Kaiser Romulus Augustulus – noch ein Kind – in den Ruhestand“, wie Marcus Reuter lapidar feststellt, verantwortlich für das Gesamtkonzept und die Schau im Landesmuseum. Der fraglich gewordene Imperator musste nicht mehr, eigentlich römischer Ritus, aus dem Weg geräumt werden durch Mord. Sein Ende im Jahr 476 wird zum bürokratischen Akt, indem der Germane Odoaker die kaiserlichen Insignien nach Ostrom übersandte.

Wer auch immer die „Barbaren“ waren, ob Goten, Burgunder oder Franken, Alemannen oder Vandalen, wird im Katalog aufwendig differenziert. Dass „Horden“ am Werk waren, wird nicht konsequent in Anführungszeichen gesetzt. Abstand genommen wird von dem Begriff „Völkerwanderung“. Waren es doch nicht homogene Völker, die Rom in Bedrängnis brachten, vielmehr Flüchtlingsgruppen, aufgerüstete Großverbände, kriegerische Einheiten, gewiss hochmobile, aber vorübergehende Interessengemeinschaften. Ein Relief besonders zeigt den Zusammenprall der Zivilisationen als Zweikampf; die Leihgabe aus dem Louvre, heute, entstand Anfang des 2. Jahrhunderts.

„Untergang des Römischen Reiches“: drei Museen in Trier zeigen Ausstellungen

Nicht immer ist man sich im vortrefflichen Katalog darüber einig, ob das Römische Reich schon länger „auf dem Zahnfleisch ging“. Buchstäblich unkalkulierbar die Geschäftsbeziehungen Roms, einträglich zwar, aber äußerst heikel: quasi Wandel durch Handel. Aus dem Prunkhelm, aufgefunden in Berkasovo bei Sid in Serbien, lässt sich herauslesen, wie stark innerhalb des Reiches Eliten entstanden, darunter sog. Heermeister, rekrutiert aus Barbaren, die für die kaiserliche Zentralgewalt zu einem innenpolitischen Konkurrenten wurden. Wenig bekannt, dass Rom von 369 n. Chr. an ein ungeheures Bauprogramm erlebte, indem Valentinian die Flussgrenzen des Reiches auf einer Länge von 2400 Kilometern mit 1200 Wachtürmen verstärken ließ. Alle zwei Kilometer zeigte sich das Imperium präsent, möglich gemacht durch eine Schnellbauweise, die auf Normierung und Typisierung basierte. Ebenfalls auf einem Bildschirm flackernde Punkte, die auf Überfälle an den Grenzen verweisen. In der Mehrzahl aber lodern Markierungen auf, die Bürgerkriege belegen, wodurch Westrom seine Existenz aufs Spiel setzte.

In 14 Kabinetten zusammengetragen 400 Exponate, die ein langsames Absterben belegen. Lange undenkbar, aber schließlich wurden die Toten (auch in Trier) innerhalb der Stadtmauern unter die Erde gebracht. Religiöse Riten starben ab, die hygienischen Standards verfielen, die Latrinen liefen über, die Wasserversorgung versiegte. Die Agentur Duncan McCauley hat einen Ausstellungsparcours gebaut, dessen Räume von strahlendem Weiß über gelb, orange und rot getönte Räume zunehmend ins Dunkel führen.

Zur Ausstellung:

Die Schau „Der Untergang des römischen Reiches“ ist in drei Museen von Trier zu sehen: im Landesmuseum, im Dommuseum und im Stadtmuseum bis zum 27. November.

Drei Kataloge sind dazu erschienen: „Der Untergang des Römischen Reiches“, Theiss Verlag, 464 S., 40 Euro; „Das Erbe Roms“, Stadtmuseum Simeonstift Trier, 100 S. 12 Euro; „Im Zeichen des Kreuzes“, Verlag der Geschichte & Kultur Trier, 360 S., 35 Euro.

www.untergang-rom-ausstellung.de

Unangenehm aus hochaktueller Sicht, dass ungewöhnliche Klimaveränderungen unabwendbar auf Roms Schicksal Einfluss nahmen. Ernteausfälle heizten die Weizenspekulation an, lösten Hungerwellen aus. Dass Seuchen über den Zeitraum von mehreren Jahrhunderten ein Weltreich heimsuchten, führt zu der Erkenntnis, dass Bakterien weit tödlicher waren als die Barbaren.

Anstelle einer monokausal angelegten Tour treffen Besucher und Besucherin eine komplexe an. Dazu gehört, dass die kaiserliche Zentralgewalt sich konfrontiert sah mit Separatismus; Warlords stürzten das Imperium in Verlegenheit und Provinzen ins Chaos; Soldatenkaiser behielten die Sache auf ihre Weise im Griff, brutal und blutig. In Krisen bestens bewandert, scheiterte das Konfliktmanagement schließlich doch. In Trier am Ende vorgeführt ein monumentaler Thron, leer und verwaist.

Wie sehr das heutige Bild vom Untergang Roms durch das 19. Jahrhundert geprägt wurde, veranschaulicht das Stadtmuseum. Vom „Fortleben“ spricht Elisabeth Dühr, und meint damit hartnäckige „Hinterlassenschaften“, angefangen mit dem Nibelungenlied, der Dietrich-von-Bern-Legende, dem mächtigsten Mythos überhaupt, dem vom König Artus. Viel Blut, vergossen in alten Mären. Das Bild eines pompösen Rom wurde in der frühen Neuzeit vom Humanismus hochgradig verehrt, von der Reformation gleichzeitig tief verachtet.

Stadtmuseum in Trier: drei Ausstellungen „Untergang des Römischen Reiches“ eröffnet

Zur protestantischen Verfemung gehört der Kulturkampf Bismarcks im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts – bizarre Feindbildfantasien im Namen eines Nationalismus. Auf Historienschinken ging Varus an Arminius blutig zugrunde. Ob Hermannsdenkmal oder Sammelbildchen von Liebigs Fleischextract: Unter Berufung auf den Nationalismus wurden imperiale Visionen geweckt. Martialische Schulwandbilder sorgten im humanistischen Gymnasium dafür, dass Heldenmut noch vor dem Abitur hitzig wurde. Das ausgeklügelte Inszenierungskonzept der Agentur res d verschafft den Helden der Romverehrung ebenso eine Bühne wie den Widersachern, etwa durch Joseph-Noël Sylvestres 1890 entstandenes Monumentalgemälde „Roms Plünderung durch die Barbaren im Jahr 410“.

Lustige Kloppereien und bloß blaue Flecken bei Asterix und Obelix täuschen nicht darüber hinweg, dass Nationalsozialismus und (italienischer) Faschismus imperialen Größenwahn mörderisch verherrlichten. Die Route durch das Stadtmuseum zeigt, wie häufig Roms Erbe trivialisiert wurde. Keine Hemmungen kannte insbesondere der Historismus im 19. Jahrhundert, um über Roms Hinterlassenschaften herzufallen, zweifellos barbarisch.

Nicht die einzige Hypothek. Was ein christlicher Bischof mit Blick auf den blindwütigen Furor der Französischen Revolution den Vandalen fälschlicherweise nachsagte, nämlich einen vernichtenden Bildersturm, wird – erneut – im Stadtmuseum als Geschichtsklitterung entlarvt.

Aufschlussreich ebenfalls, wenn man im Landesmuseum sieht, wie römische Götterdarstellungen durch fanatische Christen schon im 2. Jahrhundert versehrt und verunstaltet wurden. Im Antlitz einer schönen Römergöttin wurde die Nase zu einem Kreuz deformiert. Friedfertiger das krakelige Graffito aus der Mitte des 4. Jahrhunderts, das in der Domausstellung zum Beleg dafür wird, wie das vormalige Schandmal, das Kreuz, seinen Siegeszug als Christogramm antritt, als triumphales Identifikationszeichen. Unter der Gesamtleitung von Markus Groß-Morgen sind es zahlreiche Beispiele für einen Bestattungskult, ob Beigaben wie Kinderschühchen, ob Goldkette oder Ohrgehänge, mit dem Christen ihrem Kult nachgingen.

Drei Museen in Trier zeigen Ausstellungen: „Untergang des Römischen Reiches“

Serbien: Paradehelm von Berkasovo. Museum der Vojvodina, Novi Sad
Serbien: Paradehelm von Berkasovo. Museum der Vojvodina, Novi Sad © Museum der Vojvodina, Novi Sad

In Stein gehauen wurden Inschriften und Bildnisse, beseelt vom Glauben an ein ewiges Leben, während eine Welt in Scherben fiel, auch in Trier, wovon zum Auftakt der Schau am Boden liegende Reste zeugen, nochmals inszeniert zu einem Menetekel. Aus den Fundamenten der Antike und aus ihren Fragmenten entstand in der Stadt auch der Dom. Zur Visualisierung gehört, dass man in einem amphitheaterartigen Dreiviertelrund herrliche Bodenbeläge unter Acrylglas gleichsam unter die Füße nehmen kann. Dazu wird auf einem Bildschirm eine zunehmend monumentalere Anlage aufgeklappt – als Ausdruck eines ebensolchen Selbstbewusstseins.

Die Kunstgeschichte war es, durch die sich vor rund 150 Jahren der Begriff Spätantike einbürgerte. Groß während dieser Übergangsepoche die Sehnsucht nach geordneten Verhältnissen. Ein Ring beschwört „Treue“, die Buchstaben „Fidem“ eingraviert in Gold. Durch einen gläsernen Becher, ein noch weit filigraneres Kunstwerk, wurde Loyalität belohnt. Rom ging unter, obwohl sich Rom sicher sein konnte, dass das Römische Recht ein Jahrtausendwerk war, ebenso wie seine Bildung und seine Künste bis heute. Sinnbildlich dafür eine Vielzahl grandioser Marmorköpfe.

Ließ man es sich in Rom zu gut gehen? Ansichten von römischen Villen verweisen darauf, wie angesichts aller Zumutungen einer ungezwungenen Lebensweise eine unbehelligte Bleibe verschafft werden sollte. Ohne dass jemand von einer Zeitenwende gesprochen hätte, damals, in den Foren von Will-Illner-Maischberger, war es doch bereits eine gefühlte Übergangszeit. Bedrohlich für die Regierungsgeschäfte der Verlust an Akzeptanz und Autorität. Artefakte, darunter ein so filigranes wie das aus Elfenbein, das zivile und militärische Kleidung, Toga und Rüstung im römischen Alltag gegenüberstellt, verweisen auf eine nicht abreißende Aneinanderreihung von Ausnahmezuständen. (Christian Thomas) Der Trierer Goldschatz – Kombiniere: Gold macht neugierig

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